Die Tricks der Dokudramen

Histotainment-Serien wie ­«Chernobyl» oder «Narcos» ­boomen. Können wir ihnen trauen?

Erklärt Zusammenhänge: Die Serie «Narcos» erzählt den Aufstieg und Fall des kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar. Foto: Daniel Daza/Netflix via AP, Keystone

Erklärt Zusammenhänge: Die Serie «Narcos» erzählt den Aufstieg und Fall des kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar. Foto: Daniel Daza/Netflix via AP, Keystone

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Wäre Westeuropa während der Tschernobyl-Katastrophe beinahe radioaktiv verstrahlt und unbewohnbar geworden? Schickten die Russen damals wirklich einen deutschen Polizeiroboter aufs Dach des Kernkraftwerks? Wie viele Tote forderte der Reaktor- Unfall?

Solche Fragen stellen sich Menschen gerade auf der ganzen Welt. Auslöser ist die Miniserie «Chernobyl», die laut dem User-Ranking der Internet Movie Data Base die beste Serie aller Zeiten ist. In fünf Folgen wird die grösste Reaktorkatastrophe der Geschichte rekonstruiert – auf politischer, technologischer und menschlicher Ebene. Die Optik ist überwältigend, bis ins letzte Detail taucht der Zuschauer in die sowjetischen 80er-Jahre ab.

«Chernobyl» ist sogenanntes Histotainment, bei dem ein geschichtliches Ereignis mit Schauspielern nacherzählt wird – aber auch fiktionalisierte Passagen eingefügt werden. Das Genre boomt, neben «Chernobyl» sind auch andere Produktionen erfolgreich, zum Beispiel «Narcos». Die Serie erzählt den Aufstieg und Fall des kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar. Anders als die meisten Filme über den «War on Drugs» bietet die Serie mehr als Gewaltexzesse und einen moralischen Grundton. Sie erklärt Zusammenhänge und füllt Leerstellen in Escobars Biografie.

Serienboom bedeutet für die Dokudramen riesiges Publikum

Wie bei «Chernobyl» lässt einen die Geschichtslektion vor dem TV immer wieder ungläubig staunen. Hat Escobar tatsächlich ein Passagierflugzeug vom Himmel gebombt, weil ein Kronzeuge darin sass? Manche Zuschauer verfolgten die Serie deshalb mit einem Second Screen: Auf dem Handy wird die Handlung mit Wikipedia abgeglichen.

Der Echte: Pablo Escobar, seine Ehefrau Victoria Henau Vallejos und sein Sohn bei einem Fussballspiel in Bogotá, Kolumbien, in den 80er-Jahren. Bild: Keystone

Bereits Shakespeare schrieb Theaterstücke über real existierende Könige. Aus dem Film kennt man die Biopics, welche die Lebensgeschichten von Stars nachzeichnen, etwa «Bohemian Rhapsody» (Freddie Mercury) oder «Walk the Line» (Johnny Cash). Doch die TV-Serie ist besser geeignet, komplexe Geschichten zu erzählen. Als popkulturelles Format der Stunde erreicht sie ausserdem ein riesiges Publikum. Nach der Ausstrahlung von «Chernobyl» und «Narcos» kam es zu Touristenströmen in der Todeszone von Prypriat und zur Escobar-Villa.

Doch inzwischen regt sich auch Kritik am Verhältnis solcher Serien zur Wahrheit, weil die Grenze zwischen Dokumentation und erzählerischer Freiheit nicht immer sauber gezogen wird – das belegen Faktenchecks von Fans im Internet. Das renommierte Onlinemagazin «Slate» hat mit «Fact or Fiction» gar eine eigene Rubrik gestartet, in der Histotainment-Serien auf den Wahrheitsgehalt überprüft werden.

Nicht ohne einen knackigen Antagonisten

Wieso nicht einfach eine Doku-Serie über Tschernobyl drehen? Wozu braucht es die fiktionalisierten Passagen überhaupt? Zum einen, weil die Zuschauer gewisse Erzählmuster gewohnt sind. Finden sie diese nicht vor, schalten sie ab. Deshalb wurde der Chef des AKW in «Chernobyl» zum skrupellosen Unsympathen stilisiert. Denn eine massentaugliche Geschichte braucht nicht nur einen Protagonisten, sondern auch einen Antagonisten. Auch können in der letzten Episode keine unbekannten Figuren wichtige Entdeckungen machen. Das ist dramaturgisch den Hauptfiguren vorenthalten, mit denen der Zuschauer seit Wochen oder Monaten mitfieberte.

Nach der Tschernobyl-Katastrophe messen Spezialisten die radioaktive Strahlung über dem zerstörten Reaktor. Foto: Keystone

Man kann das kritisch sehen, monieren, dass heutzutage alles – egal, ob Politkandidat oder Umweltanliegen – eine gute Geschichte braucht, um Gehör zu finden: Hillary Clinton hatte keine, Greta Thunberg schon. Doch so lange Histotainment nicht von der Wahrheit abweicht, um etwas Dramatischeres, Gefährlicheres oder Sensationelleres zu schaffen, hat es als Debattenbeitrag seine Berechtigung. Russlands Präsident Wladimir Putin jedenfalls hat «Chernobyl» gesehen, als bewusste Fehlinformation der CIA abgetan und angekündigt, dass sein Land eine eigene Version des AKW-Unfalls produzieren werde.



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Erstellt: 20.07.2019, 19:07 Uhr

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