Die unglaubliche Heilung des Peter Rohr

Eine 370'000 Franken teure Therapie hat den 73-jährigen Krebskranken geheilt. Doch die Geschichte hat einen Haken.

Der 73-jährige Peter Rohr kämpfte 33 Jahre gegen seinen Krebs. Foto: Michele Limina

Der 73-jährige Peter Rohr kämpfte 33 Jahre gegen seinen Krebs. Foto: Michele Limina

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Plötzlich musste es sehr schnell gehen. Ende April erfuhr Peter Rohr per Telefon vom behandelnden Team am Universitätsspital Zürich (USZ), dass seine Zellen schon drei Wochen früher als geplant zur Infusion bereit seien. Rohr sollte es recht sein, denn ein Tumor in seinem Hals drückte mittlerweile so stark auf die ­Zunge, dass er kaum noch schlucken respektive sprechen konnte. «Das war schon unheimlich», erzählt der 73-Jährige, «da wächst etwas, und Sie sind machtlos.» Und nun sollten sie also bald da sein, die Zellen, die den Tumorknollen im Hals angreifen und zerstören sollen.

Am 7. Mai, einem Dienstag, rückte Rohr ins USZ ein. In den Tagen zuvor hatte er eine Chemotherapie erhalten, die sein Immunsystem so stark abschwächte, dass die Killerzellen, die er nun per Infusion erhalten sollte, sich einnisten, vermehren und dann den Tumor bekämpfen können. Am Mittwochnachmittag, 8. Mai, war es so weit, die Zellen waren tiefge­froren per Kurier angekommen, ­gerade mal 20 Milliliter in einem kleinen Beutel. Antonia Müller, Oberärztin Hämatologie am USZ und behandelnde Ärztin, wärmte die kostbare Fracht in einem Wasserbad auf und verabreichte sie ­Peter Rohr anschliessend per Infu­sion in eine Vene unter dem Schlüsselbein. «Danach wurde ich einfach müde», erinnert sich Rohr, «ich schlief tipptopp.»

80 Prozent des Tumors ­waren verschwunden, nach nur zehn bis zwölf Stunden. Diese Ballung, die ich am Hals hatte, war weg.Der Patient Peter Rohr

Als er am nächsten Morgen erwachte, die grosse Überraschung: «80 Prozent der Tumormasse waren verschwunden, nach nur zehn bis zwölf Stunden», sagt Rohr. «Diese Ballung, die ich am Hals hatte, war weg.» Als er dem Frühdienst-Arzt dann erzählte, dass da im Hals fast alles ausgeräumt sei, habe dieser nur ungläubig geschaut. «Das ist eine Fata Morgana, das kann gar nicht sein», habe der Arzt geantwortet. Etwa einen Monat später bestätigte eine Untersuchung mit einem sogenannten PET-CT die erfolgreiche Therapie: Auf den PET-CT-Bildern waren die Tumorherde ganz verschwunden.

Eine spontane Wunderheilung? Keineswegs. Was auf den ersten Blick unglaublich und mirakulös klingt, ist eine neue Form von Krebstherapie, die einerseits das Potenzial hat, gewisse besonders aggressive und nicht mehr the­rapierbare Krebsformen ganz zu ­heilen, andererseits aber auch die Gefahr birgt, wegen der horrenden Kosten das Gesundheitssystem zu sprengen. Die Rede ist von der sogenannten CAR-T-Therapie, die 2010 erstmals Schlagzeilen ­machte (auch auf diesem Newsportal), als ein damals 65-jähriger Amerikaner, der an unheilbarem Lymphdrüsenkrebs erkrankt war, mithilfe von aufgepeppten körpereigenen ­Zellen geheilt werden konnte. Bis heute ist Bill Ludwig, so heisst Patient Nummer 1, krebsfrei.

Zellen werden ausserhalb des Körpers aufgerüstet

Die Hauptrolle bei der CAR-T-Therapie spielen die T-Zellen des Krebspatienten. Diese ­Immunzellen patrouillieren normalerweise im Körper, spüren dabei fremde oder veränderte Substanzen auf den Körperzellen auf und eliminieren die havarierten Zellen. Bei der CAR-T-Therapie werden die T-Zellen des Patienten ausserhalb des Körpers, in einem spezialisierten Labor, gentechnisch aufgerüstet, sodass sie auch die ­Krebszellen als fremd erkennen, diese angreifen und vernichten.

Was wie ein ­hochspezialisiertes, voll individualisiertes medizinisches Verfahren klingt, ähnlich einer Knochenmarks- respektive Stammzelltransplantation, gilt rechtlich als Medikament. Denn Novartis und andere ­Pharmafirmen haben die an der University of Pennsylvania (USA) ­entwickelte Therapie lizenziert und produzieren die CAR-T-Zellen in ihren eigenen Labors mit standardisierten Prozessen. In der Schweiz sind derzeit zwei CAR-T-Zell-­Produkte zugelassen: Kymriah von ­Novartis und Yescarta von Gilead. Die ­Zellen von Peter Rohr wurden in einem Novartis-Labor in New Jersey gentechnisch aufgerüstet.

«Einige Patienten wie Peter Rohr ­haben fantastisch auf die Therapie angesprochen, ­andere aber nicht.»

Die behandelnde Ärztin Antonia Müller

Die ursprüngliche Krebsdia­gnose erhielt Peter Rohr schon 1986, vor 33 Jahren also. «Ich ­hatte diese Knollen am Hals, die mir sehr wehtaten», erzählt Rohr, der damals im Vertrieb beim Präzisionswaagen-Hersteller Mettler Toledo arbeitete. Der Arzt, den Rohr zuerst konsultierte, vermutete eine Lebensmittelvergiftung oder eine Papageien-Allergie – Rohr und ­seine Frau hatten damals solche Vögel zu Hause. Erst eine ­dreitägige Abklärung im Spital Männedorf ZH lieferte die richtige Diagnose: ein sogenanntes Non-Hodgkin-Lymphom, eine Form von Lymphdrüsenkrebs.

Nun begann ein jahrelanger Kampf gegen den Krebs, mit vielen Hochs und Tiefs. Einmal drückte ihm ein Tumor auf die Nieren, ein anderes Mal aufs Auge. Beide wurden erfolgreich bestrahlt. Immer wieder konnte Rohr von den neuesten Chemotherapeutika profitieren, die gerade auf den Markt gekommen waren. Eine wichtige Entwicklung war der erste Krebs-Antikörper namens Rituximab, von ­Roche 1997 unter dem Namen «Mabthera» lanciert. «Der wirkte wunderbar bei mir», sagt Rohr. Geheilt war der Stäfner damit allerdings auch nicht. «Wir kriegen den Krebs nicht ganz weg», habe ihm Bernhard Pestalozzi, einer seiner behandelnden Ärzte, heute stellvertretender Klinikdirektor an der Klinik für Onkologie und Hämatologie am USZ, damals gesagt, erzählt Rohr. «Wir müssen ihn einfach in den Griff kriegen.»

Der Krebs wurde zu einem nicht zu bändigenden Gegner

32 Jahre lang konnten die Ärzte die Krankheit von Peter Rohr erfolgreich in Schach halten. Dann, im September 2018, mutierte der Krebs in ein «diffuses grosszelliges B-Zell-Lymphom», er wurde aggressiv. «Vorher war er ein zu bändigender Gegner, jetzt nicht mehr», sagt Rohr. Mabthera verlor seine Wirkung, die Tumormasse wuchs ungehindert. Am USZ wurde Rohr mittlerweile von Thorsten Zenz, leitender Arzt Hämatologie, betreut. Zenz war es auch, der Rohr gegenüber erstmals die Zelltherapie erwähnte. Kymriah stand damals kurz vor der Zulassung in der Schweiz (diese wurde im Oktober 2018 erteilt).

Um sich für die mit einem Preisschild von 370'000 Franken versehene Zell-Therapie ­qualifizieren zu können, müssen alle gängigen Behandlungen versagt haben. Rohr musste daher zuerst noch eine weitere konventionelle Therapie mit Revlimid, einem ebenfalls sehr teuren Medikament, austesten. «Die Nebenwirkungen waren grösser als die Wirkungen», sagt Rohr, «es war himmeltraurig.» Doch mit ­diesem Fehlschlag war klar: Rohr war ein Kandidat für die CAR-T-­Therapie. Zumal auch seine Krankenkasse, Sanitas, anscheinend bereit war, die Kosten zu ­übernehmen. Sanitas konnte sich, wie einige andere Kassen auch, mit Novartis auf einen Rabatt einigen.

Rohr war der dritte Patient am USZ, der eine CAR-T-Therapie erhielt. Mittlerweile hat das Team um Antonia Müller bereits zehn Patienten behandelt. «Einige wie Peter Rohr haben fantastisch auf die Therapie angesprochen, ­andere aber nicht», sagt Müller. Bei einem Patienten funktionierte die Therapie nicht, weil sich seine T-Zellen im Labor nicht vermehren liessen, er starb.

Aus Studien weiss man, dass die CAR-T-Therapie bei etwa knapp der Hälfte der Patienten voll einschlägt, dass diese Patienten auch zwei Jahre nach der Behandlung noch krebsfrei sind. Beim Rest funktioniert die Therapie aber meist nicht wie gewünscht. «Das wird extrem schwierig, wenn wir diesen Patienten nichts mehr anbieten können», sagt Müller. Oft sterben dann diese Patienten.

Spektakuläre Ergebnisse bei jedem zweiten Patienten

Neben dem USZ haben erst ­wenige andere Schweizer Kliniken Erfahrungen mit der CAR-T-Therapie. Am Inselspital in Bern wurden einige Patienten behandelt, am Unispital Basel will man demnächst starten, ebenfalls am Universitätsspital Lausanne (CHUV). «Wir sind bereit», sagt Raphaël Stadelmann, Leitender Arzt ­Hämatologie am CHUV, «wir können ­jederzeit den ersten Patienten behandeln.» Neben dem Lymphdrüsenkrebs ist die Zelltherapie von Novartis auch noch für die Behandlung von akuter lymphatischer ­B-Zell-Leukämie bei Kindern und jungen Erwachse­nen bis 25 Jahren zugelassen. Am Kinderspital Zürich hat das Team um den Hämatologen Jean-Pierre Bourquin bislang vier Kinder damit behandelt. Es sei aber noch zu früh, um zu den Ergebnissen etwas zu sagen. «Wir wissen aus Studien, dass die Therapie bei der Hälfte der Patienten mit einer sehr resistenten Erkrankung spektakuläre Ergebnisse liefert», sagt Bourquin, «bei der anderen Hälfte kommt die Leukämie aber zurück.»

Bei Peter Rohr verlief die Zell-Therapie praktisch ohne Komplikationen. «Ich hatte ein wenig Fieber, und einen sehr tiefen Puls von 40», sagt Rohr, der in seinem Leben viel Sport getrieben hat, Volleyball und OL zum Beispiel. Schon zwei Wochen nach der CAR-T-Zell-Infusion konnte er wieder nach ­Hause. Ein Spitalaufenthalt von mindestens zehn Tagen ist ­vorgeschrieben, weil die Therapie in den ­ersten vier Wochen schwere ­Nebenwirkungen zeigen kann. Zum einen ein Überschiessen des Immunsystems, ein sogenannter Zytokin-Sturm, der sich in heftigem Fieber mit Schüttelkrämpfen äussern kann, zum anderen haben viele Patienten vorübergehend neurologische Probleme wie zum Beispiel Gedächtnisausfälle.

Peter Rohr musste im Anschluss an die Therapie deshalb alle vier Stunden eine Schreibprobe abliefern. «Am Schriftbild sieht man schon sehr früh Veränderungen», sagt Antonia Müller. Rohr hatte keinerlei Probleme.

Nach der CAR-T-Behandlung eröffnen sich für den rüstigen Senior völlig neue Perspektiven. Der 73-Jährige, seit seiner beruflichen Tätigkeit ein Asienfan, plant mit seiner Frau bereits eine Reise nach Nordvietnam, «am liebsten nur mit Rucksack und auf eigene Faust». Er hat sich einen neuen Hund zugetan, «damit ich auch laufen gehe». Er arbeitet weiterhin drei halbe Tage als Concierge in einer Rohstofffirma in Zürich.

Und er freut sich, dass die Spital­besuche künftig weniger werden. «In den 33 Jahren seit der ­Diagnose war ich rund 1200-mal im Uni­spital», hat er ausgerechnet. Da werden zwar noch einige weitere Besuche dazukommen: Neben den nötigen Kontrollen wird Rohr auch monatlich Immunglobulin-Infusio­nen erhalten, die sein ­Immunsystem unterstützen. «Das sind aber nur Umgebungsarbeiten», sagt er, «das ist easy.»



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Erstellt: 27.07.2019, 21:50 Uhr

Preise ausser Rand und Band

Mit den neuen Zelltherapien prallen zwei Welten aufeinander, die bislang unabhängig funktioniert haben. Auf der einen Seite die Spitäler, die für Verfahren zuständig sind, also für Bypass-Operationen oder Stammzelltransplantationen, sowie für deren Weiterentwicklung und Verbesserung. Auf der ­anderen Seite die Pharmaindustrie, die neue Medikamente entwickelt, ­diese rigoros in Studien testet und dann auf den Markt bringt.

Wenn die Pharmaindustrie bei den Zelltherapien nun ein Verfahren als «Medikament» tarnt, dann braucht es dafür erstens einige Tricks, und zweitens sorgt es bei den Ärzten nicht nur für Freude. Thomas Cerny, Präsident der Stiftung Krebsforschung Schweiz und ehemaliger Chefarzt Onkologie am Kantonsspital St. Gallen, stösst sich an der Vermischung. «Die ­zellulären Therapien sind keine ­Medikamente, sondern Teil eines mehrwöchigen Behandlungskomplexes», stellt er klar. Bislang sei die Vermehrung der Zellen die Domäne von spezialisierten Labors an den Unikliniken gewesen. «Nun ist es eine Blackbox.» Und da ­laufe nicht immer alles optimal.

Das gilt auch für die Preisgestal­tung. Novartis hat das Preisschild für ihre Zelltherapie namens Kymriah bei 370'000 Franken ­angesetzt. Allerdings fehle jegliche Transparenz, wie dieser Preis zustande komme, bemängelt Cerny. «Das ist ein Fantasiepreis.» Die Kosten für die Produktion der CAR-T-Zellen sind zwar tatsächlich hoch, sie würden laut Cerny aber maximal um 100'000 Franken liegen. Ein Preis in dieser Höhe für eine Einmalbehandlung, im besten Fall ohne weiteren Folgekosten, ­würde eher akzeptiert.

Die eine Hälfte verhandelt geheim, die andere weigert sich

Wie hoch der zu zahlende Preis für Kymriah letztendlich sein wird, ist noch offen. Novartis hat mit etwa der Hälfte der Krankenkassen geheime Rabattverhandlungen geführt. Die anderen Kassen weigern sich zum Teil, auch wegen der mangelnden Transparenz, die Kosten zu übernehmen.

Diese Weigerung hat direkte Auswirkungen auf die ­Betroffenen. Der Lymphdrüsenkrebs-Patient Michael Monstein, den eine Dok-Sendung von SRF Ende Juni porträtierte und der in Zürich auf eine Behandlung mit den CAR-T-Zellen wartete, hätte fünf Monate vorher – auf Vermittlung von ­Antonia Müller, Oberärztin Hämatologie am Universitätsspital Zürich – in Paris einen Therapieplatz ­erhalten. Die Krankenkasse Atupri verweigerte die Vergütung, und als Mon­stein dann am USZ behandelt werden konnte, liessen sich seine Zellen in den Novartis-Labors nicht mehr vermehren. Monstein erlag seinem Krebsleiden.

Das heisst: Die Krankenkasse entscheidet, ob jemand die Therapie erhält – oder eben nicht.

Derweil sind die CAR-T-Zelltherapien von Novartis und ­Gilead erst der Anfang. Die Firma ­Celgene zum Beispiel entwickelt eine CAR-T-Therapie gegen das Multiple Myelom, eine Krebsform, die ­heute nur sehr schwer behandelt werden kann. «Die Therapien werden laufend besser, mit weniger Nebenwirkungen», sagt Raphaël Stadelmann, Leitender Arzt ­Hämatologie am Unispital Lausanne CHUV. «Irgendwann werden sie möglicher­weise zum Standard.»

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