Die Velolüge

Velonutzung ersetzt meist nicht das Auto, sondern den ÖV.

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Über heisse Themen soll man im Winter kühl nachdenken. Das gilt auch für den Veloverkehr. Viele halten ihn für besonders gut und ­förderungswürdig. Damit liegen sie falsch.

Das Bundesamt für Raumentwicklung ARE ­berechnet regelmässig die externen Kosten des Verkehrs durch Umwelt-, Klima-, Lärm- und ­Unfallschäden. Sein neuster Bericht (2016) erfasst erstmals auch den Langsamverkehr durch Velofahrer und Fussgänger. Darin zeigt sich: Der Veloverkehr verursacht pro Personenkilometer weit höhere externe Kosten als der Autoverkehr. Das erkennt aber nur, wer sehr genau liest.

Das ARE stellt zuerst fest, der Langsam­verkehr durch Velofahrer und Fussgänger verursache über alle Schadenskategorien hinweg mit 12,3 Rappen pro Personenkilometer (Rp/Pkm) gut doppelt so hohe gesellschaftliche Kosten wie der Autoverkehr. Grund dafür sind die Folgekosten der vom Langsamverkehr verursachten Unfälle, die von der Allgemeinheit getragen ­werden. Das ARE argumentiert dann weiter, der Langsamverkehr erbringe aber auch externen Nutzen, weil körperliche Betätigung die Menschen gesünder und billiger für die Kranken­kassen mache. Diesen Nutzen schätzt es mit 19,7 Rp/Pkm. In der Summe bringt der Langsamverkehr also angeblich gesellschaftlichen Nutzen von 7,4 Rp/Pkm. Das ARE empfiehlt dann wiederholt die Förderung des Veloverkehrs. Sein Vizedirektor schreibt im Vorwort: «Zufussgehen und Velofahren generiert … einen beträchtlichen Gesundheitsnutzen für die Allgemeinheit.»

«Velo­verkehr ist eine ­extrem ­belastende Verkehrsart»

Leider ist das ein Schwindel. Das offenbart die dem ARE-­Bericht zugrunde liegende Studie von Infras und Ecoplan von 2014. Anders als das ARE weist sie die Zahlen für Velofahrer und Fussgänger getrennt aus: Der Veloverkehr allein hat negative ­Externalitäten von 22,2 Rp/Pkm, über viermal mehr als das Auto mit 5,3 Rp/Pkm. Unter Abzug der angeblichen externen Nutzen verbleiben ­netto immer noch 3,7 Rp/Pkm externe Kosten. Was aber ist richtig: 22,2 oder 3,7 Rp/Pkm?

Leider sind die wahren Kosten sogar noch ­höher als 22,2 Rp/Pkm! Das ARE nimmt an, der Veloverkehr wirke so gesund wie regelmässige körperliche Betätigung von Durchschnittsbürgern. Doch das ist falsch. Die meisten Velokilometer werden von sportlichen Menschen gefahren, die auch ohne Velofahren genügend Bewegung haben und anders trainieren würden, wenn sie nicht Velo fahren würden. Veloverkehr steigert deshalb die Gesundheit kaum. Zudem ersetzt die Velonutzung zumeist nicht das Auto, sondern den ÖV und vor allem den wirklich gesunden Fussverkehr. Veloverkehr hat deshalb sogar noch zusätzliche Gesundheitskosten.

Die wahre Gesamtbelastung für die Gesellschaft ergibt sich schliesslich aus der Summe der erwähnten externen Kosten plus den ­für Velowege aufgewendeten öffentlichen Geldmitteln. Während der motorisierte Individual­verkehr den Strassenbau und -unterhalt selbst zahlt, zahlt er Veloverkehr praktisch gar nichts. Pro Personenkilometer ist der Veloverkehr deshalb eine für die Allgemeinheit extrem belastende Verkehrsart – weit schlimmer als der Auto­verkehr. Es ist traurig, dass ein Bundesamt die Kosten einer Verkehrsart so gezielt verschleiert.

Prof. Dr. Reiner Eichenberger ist Ordinarius für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg (Schweiz) und ­ ­Forschungsdirektor von Crema, Center for Research in Economics, Management and the Arts. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2018, 22:54 Uhr

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