Die Vorzeige-Attraktion der Schweiz

Das Château de Chillon lockt jährlich mehr Besucher an. Hinter dem ­Erfolg steht die Direktorin und Schlossherrin Marta Sofia dos Santos.

Schloss Chillon in Veytaux VD ist das ­meistbesuchte historische Monument in der Schweiz. Foto: Getty Images

Schloss Chillon in Veytaux VD ist das ­meistbesuchte historische Monument in der Schweiz. Foto: Getty Images

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In Vevey werden zurzeit die Wunden geleckt. Die Nachbereitung des diesen Sommer über die Bühne gegangenen Mega-Winzerfests «Fête des Vignerons» bereitet der Stadt am Genfersee Kopfschmerzen wie ein schlechter Wein. Es drohen Millionenverluste, weil man viel mehr Besucher budgetiert hatte, als tatsächlich gekommen sind.

Solche Probleme kennt man in zehn Kilometer Uferlinie Entfernung, im Dörfchen Veytaux bei Montreux, nicht. Dort thront seit dem 12. Jahrhundert wie eine schwimmende Festung das Schloss Chillon, das seit geraumer Zeit stetig wachsende Besucherzahlen verzeichnet. 2017 waren es erstmals über 400'000. Vergangenes Jahr kamen nochmals über 7 Prozent mehr, und 2019 steuert das Château auf einen neuerlichen Rekord zu. Die Steigerung der Tageseintritte zwischen 2005 und 2018: 49 Prozent.

Drei Viertel der Besucher sind ausländische Touristen, allen voran aus China und Nordamerika. Die jüngste ­Zunahme von Einreisen in die Schweiz aus diesen Fernmärkten genügt indes nicht als Erklärung für den Besucher-Boom. Denn die Region Genfersee insgesamt hat zuletzt nur ein Gästeplus von rund 2 Prozent erzielt. Chillon ist heute das meistbesuchte historische Monument in der Schweiz und wird im landesweiten Gesamt-Ranking einzig vom Verkehrshaus in Luzern übertrumpft.

Geschäftsleitung besteht bis auf eine Ausnahme nur aus Frauen

Ein prägendes Gesicht hinter dieser Erfolgsgeschichte ist Marta Sofia dos ­Santos. Die Kunsthistorikerin und Tochter einer portugiesischen Einwandererfamilie arbeitet seit 2002 im Château de Chillon und hat 2014 dessen Leitung übernommen. Nach ihrem Studium an der Universität Lausanne und einer Weiterbildung für Finanzwesen und Buchhaltung war dos Santos Teil des Kernteams, das die GmbH Château de Chillon nach der Jahrtausend­wende in eine Stiftung umwandelte und damit auf ein neues finanzielles Fundament stellen konnte.

Gleichzeitig trug sie wesentlich zu Aufbau und Umsetzung einer ­neuen operativen Strategie bei. Denn das über lange Zeit starre Angebot konnte nur noch wenig neue und fast gar keine Wiederholungsgäste mehr anziehen. «Ich initiierte daher neue Kulturprogramme im Schloss, ab 2008 zum Beispiel ­temporäre Ausstellungsreihen mit immer neuen Themen und Exponaten. Diese haben sich bis heute als wertvollen Publikumsmagnet etabliert», sagt dos Santos. Sie war damals bereits zur Vizedirektorin der Stiftung ernannt worden und eröffnete ein Jahr später auch eine neue Boutique innerhalb der Schlossmauern. Der ausgebaute und modernisierte Angebotsmix kam beim Publikum gut an. Parallel zur wachsenden Nachfrage konnte das Chillon die einzelnen Besucher auch länger im Schloss halten und damit die Einnahmen pro Eintritt steigern.

Marta Sofia dos Santos. Foto: Corinne Cuendet

Nach ihrer Ernennung zur Stiftungsdirektorin, sozusagen der Krönung zur Schlossherrin per 1. November 2014, hat dos Santos die bewährte Strategie konsequent weiterverfolgt und verfeinert. Die positiven Zahlen geben ihr recht und haben auch einen Personalausbau mit Fix- und Teilzeitkräften nach sich gezogen. Umgerechnet deckt das aktuelle Team 31 Vollzeitstellenprozente ab und damit fast ein Drittel mehr als beim Amtsantritt von dos Santos.

Auffallend ist, dass das 13-köpfige Managementteam bis auf eine ­Ausnahme nur aus Frauen besteht. «Das hat nichts mit Sexismus gegenüber den Männern zu tun», sagt dos Santos lächelnd, ­sondern es sei eine Folge davon, dass in den Sparten Kultur und Tourismus der weibliche Anteil bei den Top-Fachkräften überdurchschnittlich hoch sei. Gleichwohl betont sie, dass im Chillon im Gegensatz zu vielen anderen Arbeitgebern eine Mutterschaft kein Hinderungsgrund für eine Karriere sei. «Bei uns werden ein paar zentrale Kaderstellen von Frauen im Teilzeitpensum besetzt.»

Die Touristenhochburg ist fast vollständig eigenfinanziert

Für eine gesunde Zukunft sollte im Château de Chillon auch aus finanzieller Sicht gesorgt sein. Während viele andere Kulturinstitutionen in der Schweiz am staatlichen Subventionstropf hangen, verfügt das Schloss am Genfersee über einen Selbstfinanzierungsgrad von 95 Prozent. Zum Vergleich: Der Louvre in Paris bringt es gerade mal auf 51 Prozent.

«Vom Kanton Waadt erhalten wir pro Jahr 250'000 Franken, vom Bund in periodischen Abständen weitere 80'000 Franken», schildert Marta dos Santos. Damit kann das Schloss gerade mal ein Fünftel bis maximal ein Viertel der jährlich anfallenden Reparatur- und Unterhaltsarbeiten berappen. Den viel beträchtlicheren Teil der Kosten wie Löhne, laufender Betrieb, Kulturprogramm und Ausstellungen generiert das Chillon zu 100 Prozent aus den eigenen Einnahmen. Die Jahresrechnung kann stets ausgeglichen gestaltet werden. «Wenn wir das Einnahmenbudget übertreffen, fliesst der Gewinn direkt in einen Investitionsfonds zur Umsetzung neuer Kundenattraktionen», so dos Santos.

In diesem Jahr dürfte der Fonds von einem schönen Zustupf profitieren – dank dem Grossanlass «Fête des Vignerons». Dieser habe dem Château Chillon speziell aus dem Besuchermarkt Deutschschweiz und Tessin mindestens 1000 zusätzliche Eintritte gebracht, so die Direktorin. Für die Winzer ist dies vermutlich nur ein schwacher Trost.



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Erstellt: 05.10.2019, 20:54 Uhr

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