«Die Welt wird besser, aber sie wird nicht schnell genug besser»

Melinda Gates investiert zusammen mit ihrem Mann Bill Milliarden für ihre Vision einer gerechteren Zukunft.

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Grosse Häuser, schnelle Autos, Luxusreisen – oder Spenden für die Ärmsten der Welt: Ist mit Reichtum auch eine gewisse ethische Pflicht verbunden, etwas Gutes damit zu machen?
Bill und ich glauben ganz fest daran, dass das stimmt. Vor unserer Hochzeit gab es eine Teeparty, zu der nur Frauen eingeladen waren. Bills Mutter ist damals aufgestanden und hat ein paar Sätze vorgelesen, die sie für uns geschrieben hatte. Einer davon war: «Mit grossem Reichtum kommt grosse Verantwortung.» Wir wollen das Vermögen, das uns Microsoft bringt, deshalb zum ganz grossen Teil an die Gesellschaft zurückgeben. Es soll anderen Menschen, die weniger haben als wir, beim Aufstieg helfen. Jedes Menschenleben ist gleich viel wert, aber nicht jeder hat die gleichen Möglichkeiten.

«Grosser Reichtum», schreiben Sie in Ihrem neuen Buch, «kann die Wahrnehmung ganz schön trüben. Er kann Ihr Ich aufblähen und verdrehen – vor allem wenn Sie glauben, dass Ihr Verdienst Ihre Verdienste widerspiegelt.» Was tun Sie, um auf dem Teppich zu bleiben?
Ich bin mindestens dreimal im Jahr in Entwicklungsländern unterwegs. Ich lerne dort unglaublich viel – einfach weil ich mich mit Frauen zusammensetze und ihnen zuhöre. Aus diesen Geschichten entstand dieses Buch. Ich bin mir meiner Privilegien sehr bewusst und hoffe, dass mein Buch dazu beiträgt, dass wir alle unsere eigenen Privilegien besser verstehen. Denn dann können wir den Einfluss, der mit ihnen kommt, auch nutzen und mit anderen Menschen teilen, die weniger haben. Vielleicht kenne ich eine Frau, die einem jungen Mädchen einen Job organisieren kann? Vielleicht finde ich einen Weg, jemandem mit einer guten Idee Kontakte zu einem Investor zu verschaffen? Man kann oft mehr tun, als man denkt.

Ist es im Alltag schwierig, sich immer wieder daran zu erinnern, dass es nicht normal ist, so zu leben wie Sie?
Ich bin in einer Mittelklassefamilie in Dallas, Texas, aufgewachsen. Meine Eltern haben extrem hart gearbeitet. Mein Vater hatte ein Ingenieursgehalt, er hat an der Apollo-Weltraummission mitgearbeitet. Und nebenher hat er eine Immobilienfirma gegründet, damit er seine vier Kinder aufs College schicken konnte. Ich habe für die kleine Firma eine ganze Menge Öfen gereinigt, Kakerlaken aus alten Wohnungen entfernt, Wände gestrichen und Rasen gemäht. In Dallas bin ich mit reichen Kindern aufgewachsen, war mit ihnen an der Universität und habe gesehen, wie sie so waren. Mir gefiel nicht, wie sie sich verhielten. Damals habe ich mir vorgenommen, dass ich meine Kinder niemals mit solchen Werten erziehen würde.

Trotzdem leben Sie in einer Welt, in der manchmal einfach Warren Buffett anruft und jeder VIP mit Ihnen Kaffee trinken würde, wenn Sie es wollten.
Das sind natürlich die Kreise, in denen ich mich jetzt bewege – auch weil ich so versuche, die Welt zu verändern. Das heisst aber nicht, dass es sich für mich nicht auch komisch anfühlt, wenn ein Promi bei mir anruft. Im Zweifel holen mich meine Kinder auf den Boden der Tatsachen zurück. Ausserdem habe ich drei Geschwister, eine ältere Schwester und zwei jüngere Brüder. Wenn ich etwas sage, das ihnen abgehoben vorkommt, rufen sie alle: «Melinda, du musst dringend mal wieder raus und in den Supermarkt gehen!»

«Wir wollen das Vermögen zum ganz grossen Teil an die ­Gesellschaft ­zurückgeben»Melinda Gates

Was hat Sie eigentlich dazu gebracht, den Grossteil Ihres Geldes wegzugeben?
Bill und ich haben die Entscheidung schon getroffen, als wir verlobt waren. Wir waren damals zusammen auf einer Reise durch Afrika. Bei einem Strandspaziergang haben wir darüber gesprochen, wie es sein kann, dass wir uns im Jeep herumfahren lassen und uns Tiere angucken, während da Frauen ohne Schuhe die Strasse entlanglaufen, Einkäufe vom Markt auf ihren Köpfen balancieren und dabei ein Baby im Bauch tragen und eines auf den Rücken gebunden haben. Das darf einfach nicht sein. Es muss doch etwas geben, das getan werden kann, damit es den Menschen in diesen Ländern besser geht, dachten wir. Wir haben dann direkt nach unserer Rückkehr damit angefangen.

Melinda und Bill Gates in Indien: Ziel ist, dass jedes Kind geimpft werden kann. Foto: Bill & Melinda Gates Foundation

Studien belegen, dass es sich für die gesamte Gesellschaft und die Volkswirtschaft lohnt, wenn man solche Frauen fördert: Sie gehen mit Geld gut um und gründen zum Beispiel kleine Unternehmen. Warum setzt sich diese Erkenntnis jetzt erst durch?
Als ich vor gut zehn Jahren bei den Vereinten Nationen war, hat noch niemand über diese Themen gesprochen. Keiner hat sich damit befasst, wie man Mädchen unterstützen kann. Es fehlten Daten. Weil Männer die Welt regieren, haben wir auch Daten über Männer und Jungen gesammelt. In den Zahlen und der Art, wie wir sie gesammelt haben, steckte das Vorurteil der alleinigen männlichen Macht schon mit drin – oft unabsichtlich. Unsere Stiftung und andere Organisationen arbeiten daran, bessere Daten zu erheben. Früher haben zum Beispiel fast ausschliesslich männliche Ökonomen darüber entschieden, welche Arbeit überhaupt gemessen wird. Die Arbeit von Frauen war meist unsichtbar. Nun stellt sich heraus, dass Frauen im Laufe ihres Lebens sieben Jahre damit verbringen, die Wäsche zu machen und das Geschirr in den Geschirrspüler zu stellen – ohne Bezahlung. Erst heute verstehen wir deshalb, dass ganze Volkswirtschaften auf dem Rücken unbezahlter Arbeit von Frauen gebaut sind. Und plötzlich reden alle Premierminister und Präsidenten darüber, was sie für die Bildung von Mädchen tun.

Die Dinge ändern sich. Aber viele Vorurteile sind hartnäckig. Sie haben das an sich selbst erlebt. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie dachten, es gehöre sich so, dass Sie Ihren Job bei Microsoft aufgeben, als Sie Mutter wurden. Was können wir gegen diese Klischees tun?
Wenn wir uns zum Beispiel die #MeToo-Bewegung anschauen, bei der eine enorme Zahl Frauen mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit geht, ist das natürlich eine gute und wichtige Sache. Aber es besteht die Gefahr, dass es bei einem Moment in der Zeitgeschichte bleibt und sich keine wirkliche Bewegung entwickelt. Oft sehen die Dinge besser aus, als sie sind. In meinem Land haben sich zum Beispiel bei den letzten Wahlen so viele Frauen um politische Ämter beworben – und diese auch gewonnen – wie noch nie. Trotzdem sind wir noch 60 Jahre von echter Gleichberechtigung im US-Kongress entfernt, wenn der Fortschritt in dem Tempo weitergeht. 60 Jahre! Gleichberechtigung kann nicht warten.

Für ihre Kinder Jennifer, Rory und Phoebe (v. l.) hat Melinda Gates ihren Job bei Microsoft aufgegeben.

Warum gehen Sie nicht selbst in die Politik?
Bill und ich sprechen ja eine Menge Politiker in vielen Ländern der Welt an. Wir wollen Menschen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden. Das wird unsere Rolle bleiben, für den Rest unseres Lebens. Wir werden uns nicht selbst für politische Ämter bewerben, keiner von uns. Ab und zu spenden wir ein wenig für den Wahlkampf von Politikern, aber wir glauben nicht, dass es richtig ist, im grossen Stil Politiker zu finanzieren, wie es andere reiche Menschen tun.

Um zu entscheiden, wie Sie Ihr Geld verteilen, braucht es Weitblick. Haben Sie manchmal Angst, die falsche Entscheidung zu treffen?
Die Leute denken immer, unsere Ressourcen seien endlos. Aber selbst unser Vermögen ist begrenzt. Wir müssen uns darum genau überlegen, wie wir es am besten ausgeben. Dabei hilft es, uns klarzumachen, was die Rolle von Stiftungen wie der unseren ist. Wir haben den Vorteil, dass wir Risiken eingehen, Dinge ausprobieren können und die Zeit haben, abzuwarten, was funktioniert. Regierungen, die nach einigen Jahren vielleicht wieder abgewählt werden, können sich das nicht leisten und sollten das auch nicht mit den Steuergeldern tun. Sie sind dafür zuständig, Lösungen, von denen man schon weiss, dass sie funktionieren, flächendeckend umzusetzen. Wenn wir überlegen, wofür wir unser Geld ausgeben, entscheiden wir im Grunde nach einem einzigen Kriterium: Wo in der Welt sehen wir die grössten Ungerechtigkeiten? Wir kämpfen gegen die Krankheiten, unter denen die meisten armen Menschen rund um den Erdball leiden, Aids und Malaria zum Beispiel. Und wir arbeiten an Impfungen für Kinder, weil die einfach die meisten Leben retten.

«Wir glauben nicht, dass es ­richtig ist, im grossen Stil Politiker zu
finanzieren»
Melinda Gates

Warum Sie? Ist die Entwicklung von Heilmitteln oder Impfstoffen nicht die Aufgabe von Pharmakonzernen?
Es gibt im Kapitalismus schlicht Lücken. Natürlich spielen auch Unternehmen eine wichtige Rolle, aber ihre Hauptaufgabe ist nun einmal, Profit für ihre Aktionäre zu machen. Bei Impfungen haben wir eine grosse Allianz mit Unternehmen und Regierungen gegründet und versuchen, Märkte zu schaffen, die die Unternehmen bislang nicht als solche erkannt haben. So bringen wir Pharmakonzerne dazu, die richtigen Stoffe zu entwickeln. Sie würden sich sonst nur mit der reichen und vielleicht noch mit der mittelreichen Welt beschäftigen. Da versagt der Kapitalismus.

Sie haben diesem Kapitalismus viel zu ver­danken. Laut dem Magazin «Forbes» kommt Ihr Mann Bill auf ein Vermögen von 96,5 Milliarden Dollar. Ist solch extremer Reichtum unmoralisch?
Wir müssen unser Steuersystem überarbeiten, das ist klar. Wenn wir ein System haben, das riesige Vermögen ermöglicht, muss man die Reichen stärker in die Verantwortung nehmen. Wir brauchen höhere Abgaben für Reiche, niedrigere für mittlere Einkommensschichten und extrem niedrigere für Geringverdiener. Bill und ich fordern das schon seit langem. Wir wollen keine Gesellschaft mit so grosser Ungleichheit.

Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft der Welt? Eine katastrophale Nachricht, etwa zum Klimawandel, reiht sich schliesslich an die andere.
Natürlich lese ich all die negativen Schlagzeilen, aber manchmal denke ich, es wäre gut, das ein bisschen weniger zu tun. Gerade in Zeiten der sozialen Medien verleitet das zu kurzfristigem Denken. Wenn wir die Daten in Ruhe anschauen, sieht das Bild nämlich viel besser aus. Nur als Beispiel: Die Zahl der Kinder, die ihren fünften Geburtstag nicht erleben, ist in den vergangenen 20 Jahren um die Hälfte gesunken. Inzwischen sind auch deutlich weniger Menschen arm. Und es bilden sich Koalitionen, vor allem in Europa, aber auch mit China und Indien, in denen sich die Länder ernsthaft verpflichten, etwas gegen den Klimawandel zu tun. Meine älteste Tochter ist gerade mit dem College fertig, mein Sohn ist im College und meine jüngste Tochter noch in der Highschool. Wenn ich sehe, worüber sie und die anderen jungen Leute sich unterhalten, was sie beschäftigt und was sie mit ihrem Leben anstellen wollen, um die Welt zu verbessern, gibt mir das Hoffnung. Klar, die Alltagsnachrichten können einen pessimistisch stimmen, aber insgesamt bin ich optimistisch für die Zukunft der Welt.

«Die Leute denken immer, unsere Ressourcen seien endlos. Aber selbst unser Vermögen ist begrenzt»Melinda Gates

Aber der Fortschritt ist langsam.
Manchmal macht mich das schon wütend. Darum nenne ich mich eine «ungeduldige Optimistin». Die Welt wird besser, aber sie wird nicht schnell genug besser. Ich wünsche mir schneller mehr Frauen in Chefpositionen. Ich wünsche mir schneller mehr Frauen in politischen Ämtern. Schneller mehr Gerechtigkeit. Darum investiere ich, darum erhebe ich meine Stimme. Und darum versuche ich, andere Menschen dazu zu bringen, ebenfalls zu investieren – ob es ihre Zeit, ihre Energie oder ihr Geld ist. Wenn wir das tun, ändern wir die Welt.

Als Kind hat Melinda Gates Wohnungen geputzt, damit ihre Eltern sie und ihre drei Geschwister auf ein College schicken konnten. Heute ist sie einer der reichsten Menschen der Welt. Die 54-jährige Milliardärin gibt nur sehr selten Interviews. Dass ihr neustes Buch («Wir sind viele, wir sind eins. Wenn wir die Rechte der Frauen stärken, verändern wir die Welt») gerade auf Deutsch erschienen ist, nimmt sie zum Anlass, über ihre Sicht auf die Welt und ihre Erfahrungen zu sprechen.

Erstellt: 15.06.2019, 23:45 Uhr

Die Stiftung

Die Bill & Melinda Gates Foundation ist mit mehr als 1500 Angestellten und einem verwalteten Vermögen von 50,7 Milliarden Dollar die grösste private Wohltätigkeitsorganisation der Welt. Melinda und Bill Gates wollen damit ihr Augenmerk auf Problemfelder richten, die von Regierungen und Märkten vernachlässigt werden. Am Anfang ihrer Spenderkarriere lasen sie Artikel über Krankheiten wie Malaria und stellten fest, dass arme Kinder sterben, obwohl man sie hätte retten können. Ihr erstes grosses Investment ging deshalb in Impfstoffe. Bei ihren Reisen in Entwicklungsländer fand Melinda Gates später ein anderes Problemfeld, von dem sie vorher keine Ahnung hatte: Verhütungsmittel. Über die Jahre ist die Arbeit der Stiftung immer breiter geworden. Zuerst stand Melinda Gates der Stiftung weitgehend alleine vor, 2008 verliess ihr Mann ­Microsoft und wurde ihr Co-Chef. Die Gates investieren nicht nur ihr eigenes Geld – auch der Milliardär Warren Buffet hat den Grossteil seines Vermögens in die Stiftung gesteckt.

Karriere bei Microsoft

Melinda Gates studierte Informatik und Wirtschaft an der Eliteuniversität Duke in North Carolina. Ende der Achtzigerjahre begann ihre Karriere bei Microsoft, die Softwarefirma war damals noch ein kleines Unternehmen. Sie stieg die Karriereleiter empor und leitete schliesslich ein Team von mehr als 1000 Mitarbeitern. Bei einem Arbeitsessen traf sie Bill Gates, den Microsoft- Gründer und damaligen Vorstandschef. Die beiden heirateten 1994.
Als sie schwanger wurde, entschied sie sich, ihren Beruf aufzugeben, um ihre Kinder grosszuziehen. Sie sei einfach davon ausgegangen, dass Frauen das zu tun haben, sagt sie heute. Ihr Mann sah das anders. «Fassungslos» war er, als sie ihm verkündete, dass sie nicht zu Microsoft zurückkehren würde. Heute hat Melinda Gates ihre Haltung zu vielen Dingen geändert. Und sie hat neben dem Grossziehen der drei Kinder eine weitere Berufung gefunden: Sie verteilt das Geld, das Microsoft ihrer Familie einbringt, für gute Zwecke.

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