Die Wohltäter als Übeltäter

Der Skandal um das britische Hilfswerk Oxfam wird verharmlost. Schuld daran ist auch unser Hirn.

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In einer gottverlassenen Bar in Phnom Penh sass eine Horde ungeduschter, speckiger weisser Kerle in meiner Nähe und feierte. Die letzten Zuckungen des kambodschanischen Bürgerkriegs waren noch spürbar, die Wunden sah man überall in der Stadt, und ich fragte mich, woher diese Männer ihre gute Laune hatten. Dann erzählten sie sich, was sie mit kleinen Buben und Mädchen anstellten. Einige erwähnten nebenbei, dass sie als Friedenssoldaten der UNO ins Land gekommen waren.

An diese unappetitliche Szene erinnerte ich mich, als diese Woche der Skandal um das britische Hilfswerk Oxfam publik wurde. Entwicklungshelfer hatten auf Haiti Sexpartys veranstaltet mit Frauen, die nach dem Erdbeben 2010 in der Not ihren Körper verkauften. Täglich kommen neue Details ans Licht: Von Vertuschungen und ignorierten Warnungen ist die Rede, von Vergewaltigungen und Korruption durch Oxfam-Leute in anderen Ländern. Auch bei Ärzte ohne Grenzen soll es mehrfach zu sexuellem Missbrauch gekommen sein.

Bei der UNO haben diese Skandale Tradition. Ob in Kambodscha, Moçambique, Bosnien oder dem Kosovo: Sobald die «Peacekeeper» auftauchten, kam es zu Vergewaltigungen und sexueller Ausbeutung. Auf Haiti betrieben UNO-Soldaten während zehn Jahren einen Kindersexring; die Buben und Mädchen erhielten pro Nacht 75 Cents – oder einen Schleckstängel. Kambodscha hat seit dem UNO-Einsatz ein Aids-Problem, zuvor war die Krankheit im Land nahezu inexistent. 2016 listete die UNO 21 Länder auf, in denen es zu solchen und ähnlichen «Vorfällen» gekommen war. Zu befürchten hatten die Täter aber auch nach dieser Untersuchung nichts. Als Höchststrafe wurden sie zurück in ihre Heimat geschickt.

«Die sonst so gerne kultivierte Empörung in den sozialen Medien hielt sich in Grenzen.»

Im Gegensatz zu den Missbräuchen in der aktuellen #MeToo-Debatte blieb es damals relativ ruhig. Auch die aktuellen Oxfam-Enthüllungen werden meist nur verharmlosend als «Prostitutionsskandal» bezeichnet. In den sozialen Medien hielt sich die sonst so gern kultivierte Empörung in Grenzen. Ein vergewaltigender Filmproduzent ist zweifellos schlimm – geradezu monströs sind jedoch die Taten jener, die gekommen sind, um den Schwächsten zu helfen, die wie kleine Götter in die Ruinen der Elendsviertel hinabsteigen und als Gegenleistung für Nothilfe Frauen und Kinder ausbeuten.

Der britische Publizist Daniel Hannan versuchte letzte Woche, zu erklären, warum Menschen so unterschiedlich reagieren. Unser Hirn neigt dazu, die Welt in gut und böse einzuteilen. Organisationen wie Oxfam oder die UNO erhalten automatisch mehr Sympathie als zum Beispiel Banken. Das zeigte sich letzte Woche exemplarisch an den Pressekonferenzen der Credit Suisse und der Deza, der Entwicklungshilfeorganisation des Bundes. Übertrumpften sich die Journalisten bei der CS mit kritischen Fragen, mussten sich die Deza-Chefs weder zur Zusammenarbeit mit Oxfam noch zu sexuellen Richtlinien ihrer Mitarbeiter oder zu ihrem notorischen Finanzchaos äussern. Am nächsten Tag erschienen die harten Storys zur CS – und die nach exaktem Drehbuch vorgegebenen Berichte über die Deza.

Das Problem dabei ist, dass diese selektive Blindheit viele Fehler überhaupt erst ermöglicht. Mangelnde öffentliche Kontrolle und moralische Überlegenheit haben noch keinem Unternehmen gutgetan. Auch diese Woche rechtfertigten Entwicklungshelfer die Oxfam-Enthüllungen damit, dass sie ansonsten ja so viel Gutes getan hätten. Dass ausgerechnet ihr positives Image und ihr Selbstverständnis als wohltätige Helfer mitverantwortlich sind für die derzeit wieder einmal hervorbrechenden Skandale, mögen leider weder die Entwicklungshilfe-Organisationen noch deren Unterstützer gerne eingestehen. Kein Wunder: Das menschliche Hirn bewertet solche Argumente sofort als schlechten Stil.

Erstellt: 17.02.2018, 21:12 Uhr

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