«Die Zahl junger Frauen, die rauchen, ist nach wie vor hoch»

Felix Gutzwiller über Zigaretten, Alkohol sowie Erfolge und Misserfolge in der Prävention.

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Die Schweizer werden gesünder, trinken weniger Alkohol. Warum?
Grundsätzlich handelt es sich dabei um eine gesellschaftliche Entwicklung, die typisch ist für wohlhabende Gesellschaften. Je besser es einem Land geht, desto gesünder leben die Leute. Gesundheit als Eigenwert wird wichtig. Ein Sinnbild für diesen Zustand sind die Apps und Uhren, mit denen wir Schritte zählen und uns selber vermessen.

Und welchen Anteil hat die Gesundheitsprävention an dieser Entwicklung?
Sehr wichtig ist die unspezifische Prävention. Dazu gehört in erster Linie die Schulbildung. Mit zunehmendem Bildungsniveau wird die Gesundheit der Menschen besser. Bildungsferne Menschen rauchen und trinken mehr.

Welche Art von spezifischer Prävention bringt am meisten?
Aus der Forschung wissen wir, dass Anreizsysteme oft gute Resultate zeigen. Das macht die Schweiz etwa mit der stetigen Erhöhung der Tabakpreise gut: Kostet ein Päckchen viel, sinkt der Anreiz für junge Menschen, mit dem Rauchen anzufangen.

Warum wird nicht auch der Alkohol immer teurer? 
Der politische Wille muss da sein. Letztlich geht es um die Frage, was eine Gesellschaft will. Ein wichtiger Anreiz in der Alkoholprävention wäre allein schon die Pflicht, dass das günstigste Getränk in ­allen Gaststätten alkoholfrei sein muss. Aber es gibt auch beim Alkohol erfolgreiche Beispiele mit der Besteuerung.

Zum Beispiel? 
In den 1990er-Jahren kamen die Alcopops auf. Die Getränkehersteller verkauften damals Wodka und andere hochprozentige Getränke, die mit derart viel Zucker versetzt waren, dass die Süsse den Alkohol übertünchte. Es kam zu einem Boom. Vor allem junge Frauen konsumierten die neuen Getränke. Die massive Besteuerung brach den Trend.

«Im Jugendschutz erachte ich Verkaufsverbote als sinnvoll, Konsumverbote jedoch nicht.»

Das klingt nach Volkserziehung und Verbot. Finden Sie das gut?
Im Jugendschutz erachte ich Verkaufsverbote durchaus als sinnvoll. Konsumverbote hingegen bringen nichts. So lässt sich das Verhalten der Jugendlichen nicht steuern. Bei Erwachsenen hingegen vertrete ich eine zutiefst freiheitliche Meinung: Jeder soll selber entscheiden, welche Substanz er seinem Körper zuführen will. Die Freiheit endet erst, wenn Dritte zu Schaden kommen. 

Und an welchem Punkt ist das der Fall?  
Denken Sie an die Problematik mit dem Passivrauchen. Es war für uns damals im eidgenössischen Parlament ein harter Kampf, das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden durchzusetzen. Die Gastwirte gingen auf die Barrikaden. Aber es hat sich gelohnt: Studien belegen, dass das Gastgewerbepersonal heute deutlich seltener an typischen Raucherkrankheiten leidet. Insbesondere Herzinfarkte, aber auch Lungenkrankheiten sind zurückgegangen.

Gibt es auch Misserfolge in der Gesundheitsprävention? 
Schlimm finde ich, dass die Zahl der jungen Frauen, die rauchen, nach wie vor hoch ist. Gleichzeitig nehmen als Folge die Fälle von Lungenkrebs bei Frauen zu. Das ist die tödlichste Krebsart. Selbst wenn heute alle Frauen sofort ­aufhören würden zu rauchen, würde die Rate beim Lungenkrebs noch 20 Jahre weiter steigen, weil es sehr lange geht, bis die Krankheit ausbricht. 

Warum ist die Prävention da gescheitert? 
Die Fachleute haben es bislang nicht geschafft, gegen das Lebensgefühl, das eine Zigarette Mädchen und jungen Frauen angeblich vermittelt, ein Rezept zu finden. Dabei gäbe es unzählige Ansätze: Nur allein schon die schädlichen Auswirkungen des Rauchens auf die Fruchtbarkeit sind fatal. 

Wann funktioniert Gesundheitsprävention nicht? 
Wir wissen zum Beispiel, dass längerfristige Planungen mehr bringen als kurzfristige, überstürzte Aktionen. Auch extreme Angstkampagnen sind selten erfolgreich, sie können sogar kontraproduktiv sein. Zum Beispiel Gräberfelder, wie man sie bei einer der ersten HIV-Kampagnen im Ausland zeigte, oder schwarze Lungen beim Rauchen. 

Warum? 
Aus der Forschung wissen wir, dass solche Kampagnen, wenn sie im öffentlichen Raum gemacht werden, bei den betroffenen Betrachtern Stress auslösen können. Das wiederum führt dazu, dass diese Personen wiederum mehr Substanzen konsumieren.

Viele Untersuchungen zeigen, dass die Westschweizer mehr Alkohol trinken als die Deutschschweizer. Warum ist das so?
Diese Befunde decken sich mit meiner persönlichen Erfahrung. Als ich in Lausanne arbeitete, gab es manchmal bereits nach der Morgensitzung eine Flasche Wein. Das ist heute sicher nicht mehr so. Trotzdem ist die Trinkkultur eine andere als in der Deutschschweiz.

Erstellt: 21.10.2018, 21:34 Uhr

Felix Gutzwiller war von 1988 bis 2013 Professor für Präventivmedizin an der Universität Zürich. Zudem sass er für die FDP im Nationalrat und später im Ständerat. (Bild: Keystone )

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