Die Zeit der Massen-Events ist vorbei

Grosse Veranstalter wie die Fête des Vignerons oder das Open Air St. Gallen blieben auf vielen Tickets sitzen.

Das Open Air St. Gallen verkaufte dieses Jahr 12'000 Tageseintritte weniger als noch 2018. (Foto: Keystone)

Das Open Air St. Gallen verkaufte dieses Jahr 12'000 Tageseintritte weniger als noch 2018. (Foto: Keystone)

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Es könnte ein böses Erwachen geben in Vevey. An der Fête des Vignerons wurden nur 355'000 von 420'000 Tickets verkauft. Erstmals in seiner 222-jährigen Geschichte war das Winzerfest nicht ausgebucht – und erstmals wird es aller Voraussicht nach einen Verlust schreiben. Die Ticketverkäufe machen 70 Prozent des Budgets von knapp 100 Millionen Franken aus.

Wer ein Defizit zahlen würde, ist unklar: Die Organisatoren ­wollen später informieren. Staatskanzler Vincent Grandjean richtet aus, die Waadtländer Regierung habe sich mit der Frage, ob allenfalls der Kanton einspringe, noch nicht ­beschäftigt. Nestlé, der in ­Vevey ansässige Hauptsponsor, will sich nicht äussern.

Neben Mega-Veranstaltungen wie dem Winzerfest oder der ­Zürcher Street Parade buhlen auch Open-Airs, Schwingfeste und ­Freilichtspiele um die zahlende ­Kundschaft – und haben vermehrt Mühe, ihre Tickets zu verkaufen. «Der Markt an Events ist übersättigt», sagt Daniele Ficarazzi, der mit Alta Vista Events unter anderem das Food Festival am Zürcher Hauptbahnhof organisierte. «Heute hat jedes Dorf sein eigenes Fest.»

Musicfestivals weniger stark besucht

Stark bemerkbar macht sich die Sättigung der Zuschauer im Musikgeschäft. Das Open Air St. Gallen hat 88'800 Tageseintritte verkauft, 12'000 weniger als im vergangenen Jahr. Es wird mit einem Defizit abschliessen, wie die Festivalleitung bestätigt. Das Paléo-Festival in Nyon war erstmals seit 20 Jahren nicht an allen Tagen ausverkauft. Auch das Gurtenfestival verzeichnete einen leichten Rückgang von 1000 Zuschauern.

Während die Zahl der Musik-Festivals zunimmt, stagniert das Angebot an Stars, die die grossen Festivalbühnen füllen können. Entsprechend können die Haupt-Acts auswählen, wo sie spielen werden – und so ihre Gagen nach oben treiben. «Vor 15 Jahren zahlten Festivals kaum mehr als 100'000 Franken für einen Headliner. Heute belaufen sich die ­Gagen auf bis zu eine Million», sagt Stefan Breitenmoser, Chef des Branchenverbandes Swiss Music Promoters Association (SMPA).

Das wirkt sich auch auf die ­Ticketpreise aus. Kostete 2009 ein Dreitagespass für das Gurtenfes­tival noch 155 Franken, waren es dieses Jahr 270 Franken. Im selben Zeitraum stiegen die Dreitagespass-­Preise des Open Air St. Gallen von 163 auf 220 Franken.

Auch bei vielen Freilichtspielen stockt der Ticketverkauf. Für die Tellspiele in Interlaken wurden ­ungefähr 14'000 Tickets verkauft, was einer Auslastung von 50 Prozent entspricht. Die ­Freilichtspiele Luzern lockten diesen Sommer 3500 Leute weniger an als 2017. Auch die Karl-May-­Freilichtspiele in ­Engelberg lagen mit 14'000 Besuchern an 20 Aufführungen unter den Erwartungen.

Experte: Der Trend geht hin zu kleinen, exklusiven Events

Daniel Späti, Co-Autor des Buches «Eventisierung der Stadt», sieht eine gesellschaftliche Entwicklung: «Wer heute an einer Veranstaltung teilnimmt, will sich mit Gleich­gesinnten treffen. Deshalb wird der Trend eher hin zu kleineren, exklusiven Events gehen», sagt er. Ein Treiber für diese Entwicklung seien auch die sozialen Medien, so Späti. «Auf Instagram macht sich die Teilnahme an Veranstaltungen mit einer gewissen Exklusivität einfach besser, man hebt sich ­damit von der Masse ab.»

Auch einige Organisatoren sind zur Erkenntnis gekommen, dass sie ihre Konzepte anpassen ­müssen. Die Jungen würden kaum noch ganze Alben hören, sondern Playlists. Es sei fraglich, ob sie in Zukunft noch anderthalb Stunden demselben Künstler zuhören ­wollten, sagt Stefan Breitenmoser. «Vielleicht werden die Künstler ­zukünftig an einem Festival nur noch eine halbe Stunde lang ihre aktuellen grössten Hits spielen.»

Sogar bei den Tellspielen in Interlaken, die es seit über 100 Jahren gibt, diskutiert man Änderungen. Im nächsten Jahr würden die Tellspiele sicher im bisherigen Rahmen stattfinden. «Danach müssen wir über eine Neuausrichtung nachdenken», sagt Marketingchef Dany Rhyner.

So wäre es denkbar, jedes ­dritte Jahr in der Tellspiel-Arena ein ­anderes Stück aufzuführen oder durch zusätzliche Vermietungen der Arena an Dritte eine bessere Rendite zu erreichen. Das sei aber noch nicht spruchreif, man ­befinde sich noch in der Planungs- und Konzeptphase. Trotzdem ist klar: Die Eventisierung setzt sogar dem Schweizer Nationalhelden zu.



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Erstellt: 17.08.2019, 23:01 Uhr

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