Die Zündler

Unser Autor lässt sich nicht provozieren von Rammstein, die mit Stechschritt-Rock den Tabubruch zelebrieren. Oder doch?

Feuerwerk und Nazi-Ästhetik: Rammstein 2010 im New York Square Garden. Foto: The New York Times/Redux/Laif

Feuerwerk und Nazi-Ästhetik: Rammstein 2010 im New York Square Garden. Foto: The New York Times/Redux/Laif

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Gestählte Männerkörper. Brennende Menschen. Abspritzende Dildos. Monumentale Leni-Riefen­stahl- und Sadomaso-­Ästhetik. Hochgetunter Synth-Rock. Das rollende R von Till Lindemann. Befehle wie «Bück dich!». Ach, so langweilig, sage ich dann, weil ich mich nicht provozieren lassen will von einer Band, die genau das erreichen will: mich zu provozieren.

Dieses Spiel mit dem Tabubruch, das sie auch jetzt wieder spielen, begannen Rammstein vor über zwanzig Jahren, als ihr Debüt «Herzeleid» in den Plattenläden auftauchte und bald einmal die Runden auf meinem Pausenplatz drehte. Richtig krasser Stoff sei das, raunten sich die hartgesottenen Jungs zu, weil hier eine Band in einer drastischen Sprache sang, die nicht nur die Eltern herausforderte. Und ja, diese Härte – da konnte die damals so krass wirkende (und heute gänzlich unbedeu­tende) Crossover-Skate-Musik der Mittneunziger-Gegenwart im Dorf nichts dagegen ausrichten.

Aber nein, ich wollte schon damals nicht das «Blut vom Degen lecken», wie Till Lindemann einmal grollt, und man kann mir nun vorwerfen: Ich hab das alles nicht kapiert (weil ich das als heranwachsender Bube auch noch nicht konnte) – diese Vermengung von Sex, Männlichkeit, Gewalt und der Abarbeitung an der deutschen Geschichte, die die Band aus der ehemaligen DDR bereits damals zelebrierte.

Die Band sucht das Missverständnis

Was ich jedoch kapiert habe: Rammsteins Stechschritt-Rockspielart, die sie als «Tanzmetall» etikettieren, ist enorm dumpf (aber, so das Totschlagargument, «sehr gut produziert»). So dumpf und gänzlich untanzbar, dass man sie überlagern muss – mit Befehlen, die einem im Kasernenton entgegengeschmettert werden, mit pyromanischen Shows und dem Tanz mit dem Grauen und dem Makaberen, der ja bereits im Bandnamen aufblinkt. Mit diesem erinnern sie an den Flugshowhorror von Ramstein im Jahr 1988, als 70 Menschen starben und über 1000 verletzt wurden.

Aber, heisst es dann, selbst von hoch geschätzten Freunden und Kollegen: Warum denn so verbiestert und moralinsauer? Die Lieder von Rammstein seien ja durchzogen von Humor und Ironie – ob ich diese Gebrochenheit denn nicht erkennen könne, nicht erkennen wolle? Und hat Pop nicht schon immer so funktioniert – in der Aneignung und Neuinterpretation von Symbolen? Mit Grenzüberschreitungen? Man denke nur an das Hakenkreuz bei den Punks, die Parole «Tanz’ den Adolf Hitler» im «Mussolini»-Hit der Band Deutsch Amerikanische Freundschaft und sowieso all die Anlehnungen an die faschistische, totalitäre Ästhetik, die bei vielen subversiven Industrial-Bands tonangebend war?

Ja, klar, antworte ich. Aber das ist nun schon eine Weile her. Und in Zeiten, in denen Nazi-Symbolik längst wieder gegenwärtig geworden ist – ob in Ostdeutschland, in Schwyz, in Charleston –, kann es keine gute Idee sein, mit einem Teaser zu zündeln, in dem sich die Bandmitglieder als KZ-Häftlinge und damit als Opfer inszenieren (eine Szene, die im knapp zehnminütigen Clip-Bildersturm zum neuen Song «Deutschland» aufgelöst wird).

Debatten, denen man nicht aus dem Weg gehen kann

Hätten Rammstein nicht einfach mit der Amazone werben können, die im Clip als Germania auftritt? Und gemessen an der knappen Aufmerksamkeitsökonomie der Gegenwart, was bleibt hängen: die «Deutschland»-Rufe oder der hinterhergesungene Zusatz «...meine Liebe kann ich dir nicht geben»? Rammstein ziehen so genau jene falschen Freunde an, von denen sie sich abgrenzen wollen: indem sie das Missverständnis geradezu suchen und dann so tun, als hätten sie nichts getan.

Natürlich merke ich genau in jenen Momenten: Ich lasse mich hinreissen von Rammstein, die – anders als ein irrlichternder Weltstar wie Madonna – immer noch wissen, wie sie einen maximalen Promoeffekt erzielen können. Eine Band, die Debatten anstachelt, denen man unmöglich aus dem Weg gehen kann – und im Stillen geniesst, wie über ihre Deutung gestritten wird.

Dann höre ich doch viel lieber Schlager.

Das neue Album erscheint am 17. Mai. Konzert: 5. Juni, Stade de Suisse, Bern (ausverkauft)



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Erstellt: 05.05.2019, 21:18 Uhr

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