Die Zukunft steckt im Innern des Helms

Kleine Unachtsamkeiten können beim Velofahren bös enden. Ein Helm kann dabei Schlimmeres verhüten. Bei der Weiterentwicklung des Kopfschutzes haperts aber.

Eine kleine Wurzel, nasses Laub: Es braucht nicht viel für einen Sturz. (Foto: Keystone)

Eine kleine Wurzel, nasses Laub: Es braucht nicht viel für einen Sturz. (Foto: Keystone)

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Der Unfall ereignete sich wie in Zeitlupe, die Situation war völlig harmlos. Der Kollege rollte auf dem Mountainbike in Schritt­geschwindigkeit auf einem breiten Pfad in den italienischen Alpen. Es war Nachmittag, die Sonne stand tief, und die Tagesetappe war fast geschafft. An einer Weg­gabelung wollten wir kurz auf die Karte schauen. Beim Bremsen blieb der Kamerad mit dem Vorderrad an einer Wurzel hängen – nur ein kleines bisschen mehr Tempo, und er wäre einfach über das winzige Hindernis gerollt. Er erschrak, wurde hektisch und löste seine Schuhe nicht rechtzeitig aus den Klickpedalen. Das Velo kippte zur Seite, und er knallte mit dem Kopf gegen einen Felsbrocken, der neben dem Pfad aus dem hohen Gras ragte. In seinem Helm war eine kräftige Delle, das harte Styropor an einer Stelle gebrochen. Ihm selbst war nichts geschehen, ausser dass er einen Schreck bekommen hatte und kurz blöd aus der Wäsche schaute: Es sind Erlebnisse wie diese, die einen vom Sinn eines Fahrradhelms überzeugen.

Am häufigsten sind selbst verschuldete Stürze

«Genau für solche Alleinunfälle sind Helme ausgelegt», sagt Klaus Bauer, Unfallforscher und Bio­mechaniker am Institut für Rechtsmedizin der Universität München. Viele Unfälle ereignen sich, weil Velofahrer auf nassem Laub wegrutschen, auf Glatteis geraten, mit den Rädern in Tramschienen hineinschlittern oder auf andere Art und Weise ohne Fremdbeteiligung die Kontrolle über ihr Velo verlieren. «Die häufigsten Stürze sind solche Alleinunfälle. Sie machen etwa 20 Prozent der tödlichen Unfälle aus», sagt der Verkehrssicherheitsexperte Roland Huhn vom Fahrradverband ADFC. Todesursache ist in der Mehrzahl der Fälle eine schwere Kopfverletzung.

In einer Studie haben Unfallmediziner von der University of Tucson, Arizona, einmal bilanziert, dass ein Fahrradhelm das ­Risiko für schwere Hirnschädigungen um 58 Prozent senke und die Wahrscheinlichkeit, an einer Kopfverletzung zu sterben, mit Helm um 59 Prozent geringer sei. Solch exakte Zahlen kann man wie bei jeder Studie hinterfragen – eine Aussage aber lässt sich treffen: Bei leichten Stürzen kann ein Helm das Risiko für schwere Kopfverletzungen deutlich senken. Wenn ein Velofahrer aber mit einem Auto kollidiert, das mit einer gewissen Geschwindigkeit unterwegs ist, bietet ein Helm ziemlich sicher ­keinen relevanten Schutz mehr. Wer gegen einen Felsen kippt, hat mit Helm gute Chancen; wer von einem abbiegenden Lastwagen übersehen wird, dem hilft der beste Helm nichts.

Aus technischer Sicht stellt sich da die Frage: Könnten Fahrradhelme noch mehr Schutz bieten? «In den vergangenen Jahrzehnten hat sich da in der Entwicklung kaum etwas getan», sagt Unfallforscher Bauer. Velohelme bestehen seit ­einigen Jahrzehnten – seit etwa der Hersteller Bell einen Fahrradhelm in den USA vorstellte – aus gehärtetem Styroporschaum, über dem eine dünne Schale aus hartem Plastik liegt. Auch die DIN-Norm, die Helme erfüllen müssen, gilt seit 1997. Helme müssen es aushalten, wenn sie aus eineinhalb Meter Höhe senkrecht auf eine ­gerade Fläche fallen – mit einer Aufprallgeschwindigkeit von 19,5Kilometer pro Stunde. «Das bildet die Praxis aber nicht ab», sagt Bauer.

Wenn Velofahrer stürzen, prallen sie so gut wie nie senkrecht mit der Helmoberseite auf den Asphalt, wie soll das auch gehen? Stattdessen knallen sie mit dem Hinterkopf auf die Strasse oder schlagen mit der Schläfe oder einer anderen Kopfpartie in einem schrägen ­Winkel auf den Boden auf, sodass Rotationskräfte auf den Schädel wirken und das Gehirn durch­geschüttelt wird. Die Aufprall­geschwindigkeit bei diesen Tests entspricht etwa jener, die bei einem Sturz aus dem Stand auftritt, so wie damals in den italienischen Alpen. Die Standards und die Testmethoden müssten sich aber weiterentwickeln, um die Schutz­wirkung von Helmen zu erhöhen, fordert beispielsweise ADFC-­Vertreter Huhn.

Neue Helme sollen Energie beim Aufprall absorbieren

Bisher bleibt es Herstellern selbst überlassen, Helme zu verbessern, gezwungen werden sie nicht. Dem Thema fehlt auch etwas der Sex-Appeal. Gerade hat der US-Hersteller Trek-Bontrager einen Helm auf den Markt gebracht, der mit dem für die Sportartikelbranche üblichen Getrommel beworben wird. Wave Cel nennt sich das Konzept. Angeblich schützen diese Helme wesentlich besser vor Gehirnerschütterungen. Kernidee ist eine verformbare Wabenstruktur, die der Biomechaniker Michael Bottlang mit seinen Kollegen am Legacy Research Laboratory in Portland, Oregon, für das Innere des Helms konzipiert hat. Die Waben verformen sich bei einem Aufprall, falten sich quasi zusammen und absorbieren auf diese Weise Stossenergie. Zugleich soll sich die Wabenstruktur innerhalb der harten Helmschale verschieben und so seitliche Rotationskräfte mindern, die auf den Kopf wirken.

«Vor Schädelbrüchen schützen Helme schon lange recht gut», sagt Michael Bottlang, «aber kaum vor Gehirnerschütterungen.» Vereinfacht gesagt, schwappt die Flüssigkeit im Kopf durch ruckartige Seitenbewegungen hin und her, wobei entsprechende Verletzungen entstehen können. Die Waben reduzieren angeblich die seitlichen Kräfte, die zu Gehirnerschütterungen beitragen. Harte Styroporschalen verformen sich hingegen offenbar nicht ausreichend, um genug Stossenergie zu absorbieren – zum Beispiel bei Stürzen mit geringer Wucht. «Da wird die Energie dann fast komplett an den Schädel weitergeleitet», sagt Wissenschaftler Bauer.

Die Biomechaniker um Michael Bottlang haben Messungen zu ihrem Konzept im Fachjournal «Accident Analysis and Prevention» publiziert. «Das ist mit hohem wissenschaftlichem Standard gemacht und klingt plausibel», sagt Bauer. Es sei tatsächlich mal eine neue Idee.

Noch nicht ausgereift, aber wenigstens ein Fortschritt

Im weiteren Sinne vergleich­bare Konzepte haben auch schon andere Hersteller auf den Markt gebracht. Seit einigen Jahren existiert ein Konzept namens Mips, und die schwedische Firma POC verbaut ein ähnliches System mit der Bezeichnung Slip. Dabei befindet sich, grob vereinfacht, ebenfalls eine Zwischenschicht im Helm. Bei einem Aufprall soll sich die harte Schale auf dieser Schicht seitlich bewegen können, sodass Stoss­energie absorbiert wird. «Die Datenlage dazu ist nicht ganz klar», sagt Bauer, der Helme mit dem Mips-System getestet hat. Man könne vielleicht – wohlwollend – einen geringen Nutzen annehmen.

Kritiker weisen darauf hin, dass Helme selten so fest auf dem Kopf sitzen, dass sich die Zwischenschicht wie gewünscht verschiebt. Die Kopfhaare hätten ohnehin eine ähnliche Wirkung. Wie praxisrelevant solche Konzepte und Labormessungen sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. «Aber es war überfällig, dass sich hier mal etwas tut und die Technik weiterentwickelt wird», sagt Bauer.

Ob ein Velofahrer einen Helm aufsetzt oder darauf verzichtet, solle jedem selbst überlassen bleiben – dafür plädieren die meisten Experten. Die Bereitschaft, sich so eine harte Schale auf den Schädel zu packen, ist in den vergangenen Jahren jedenfalls stark gestiegen: Bei den Kindern sind es inzwischen rund 80 Prozent. Die besorgtenEltern setzen sich damit selbst unter Zugzwang: Den Kindern Vorträge zu halten und selbst ohne Kopfschutz Velo zu fahren, ist ­unglaubwürdig. Am Ende sprechen ohnehin nur zwei Argumente gegen Helme: dass es etwas umständlich ist, das Ding immer dabeizuhaben; und dass die Kopfbedeckungen nicht sehr chic sind. Aber ein kaputter Schädel sieht deutlich hässlicher aus.



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Erstellt: 23.06.2019, 20:57 Uhr

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