Diebe, Randalierer und Triebtäter im Spital

Wenn Patienten oder Ärzte zu Tätern werden: Exklusive Daten zeigen, wie hoch die Zahl der Straftaten in Schweizer Kliniken ist.

In guten Händen? Ärzte und Spitalmitarbeiter werden oft wegen Behandlungsfehlern verzeigt – sie sind aber auch selber regelmässig Opfer von Drohungen und Tätlichkeiten. (Foto: Marco Zanoni / Lunax)

In guten Händen? Ärzte und Spitalmitarbeiter werden oft wegen Behandlungsfehlern verzeigt – sie sind aber auch selber regelmässig Opfer von Drohungen und Tätlichkeiten. (Foto: Marco Zanoni / Lunax)

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Spät in der Nacht kommt die Frau ins Spital, an ihrem Kopf klafft eine Wunde. Ein Arzt und mehrere Pfleger wollen sich um sie kümmern. Doch die Patientin und ihr Begleiter, beide betrunken, verhalten sich aggressiv. Auch die ausgerückten Polizisten können sie nicht beruhigen. Stattdessen behändigt der Mann die Waffe eines Beamten und feuert in der Notaufnahme einen Schuss ab.

Nur durch Glück gibt es vor zwei Monaten in Münsterlingen TG keine Schwerverletzten. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft – so wie gegen Tausende andere Patienten. Dies zeigt eine Auswertung des Bundesamts für Statistik, welche der SonntagsZeitung exklusiv vorliegt. Enthalten sind alle Strafanzeigen mit Tatort «Klinik» oder «Spital». 10'679 gingen in den letzten fünf Jahren bei der Polizei ein, fast sechs pro Tag.

«Schlimm ist, dass einige ­Täter den Diebstahl vertuschen wollen, indem sie Packungen umetikettieren oder Fläschchen leeren und mit Wasser auffüllen.» Samuel Steiner, Berner Kantonsapotheker

Am häufigsten sind ­Diebstähle. Portemonnaies kommen weg, Schmuck und Smartphones. Oder auch Schlüssel von Autos, die auf dem Spital-Parkplatz stehen. Über 300 Fahrzeuge wurden laut der Statistik entwendet. Ulrich Bürgi, Chefarzt am Kantonsspital Aarau spricht von einem «Riesenproblem». Denn jeder hat Zutritt ins Spital. «Wir weisen Patienten systematisch darauf hin, aber gerade Senioren nehmen ihre Wertsachen trotzdem häufig mit.» Eindringlinge würden sich bereichern, aber genauso auch Mitpatienten – und manchmal das Personal.

Gefährlich wird es, wenn sie Medikamente stehlen. «Wir ­stellen in diesem Bereich eine steigende Tendenz fest», sagt der Berner Kantonsapotheker Samuel Steiner. Vor allem Fachpersonal decke sich auf den Stationsapotheken mit Betäubungsmitteln ein. Oft kommen Schlafmittel weg, aber auch Opi­oide. «Schlimm ist, dass einige ­Täter den Diebstahl vertuschen wollen, indem sie Packungen umetikettieren oder Fläschchen leeren und mit Wasser auffüllen», sagt Steiner. «Das kann lebensgefährlich sein für Patienten, die deshalb falsche Medikamente erhalten.»

Acht Tötungsdelikte und Tausende renitente Patienten

Tatsächlich kommt es immer wieder zu Straftaten gegen Leib und Leben. Acht Tötungsdelikte in Kliniken oder Spitälern wurden 2018 angezeigt, so viele wie noch nie. Auch die Zahl der Körperverletzungen, Drohungen und Beschimpfungen steigt im langjährigen Vergleich. Diese Anzeigen richten sich gegen Ärzte, wegen mutmasslicher Behandlungsfehler. Aber genauso gegen renitente Patienten. «Sie greifen zunehmend Ärzte und vor allem jüngere Pflegende an, beschimpfen sie, schlagen oder drohen mit dem Tod», sagt Aristomenis Exadaktylos, Co-Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Notfall- und Rettungsmedizin (SGNOR).

Es gehe nur um einen kleinen Teil der Kundschaft. «Aber dieser bindet viel Kraft und Zeit, welche andere Patienten dringend nötig haben.» Exadaktylos hat letztes Jahr die Fälle am Berner ­Inselspital ausgewertet. Zwei Drittel der Aggressoren waren Männer, meist unter 30. Bei jedem zweiten Fall griffen sie das Personal nicht nur verbal, sondern auch tätlich an.

Als Reaktion schulen immer mehr Spitäler die Mitarbeiter in Konfliktmanagement oder Selbstverteidigung. Und sie bauen ­eigene Sicherheitsdienste auf, die rund um die Uhr bereitstehen. Jener der Genfer Universitätsspitäler muss pro Jahr 5000 Konflikte mit Patien­ten lösen. Am Inselspital waren es zuletzt 1200 Einsätze, eine Verdoppelung in kurzer Zeit. «Die Zahl der Ereignisse ist auch am Universitätsspital Zürich in den letzten zehn Jahren gestiegen», sagt Sprecherin Martina Pletscher. 700 Zwischenfälle sind es mittlerweile im Jahr. Es gebe ­verschiedene Gründe, warum die Situation eskaliert. «Die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung ist generell wohl gesunken, die Anspruchshaltung dagegen hoch.»

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Die Ärztevereinigung FMH ist besorgt um das Wohl der ­Doktoren. «Zum Teil muss sogar die Polizei zugezogen werden, weil es zum Beispiel Einzelfälle gibt, in denen Personen bewaffnet an die Notfall-Porte kommen», heisst es auf Anfrage. Ein Kriterium seien Wartezeiten. «Patienten und ­Angehörige, die ihre Situation als dringlicher als jene der anderen sehen, ­werden emotional und verstehen nicht, wieso sie warten sollen. Weitere Gründe sind Unzufriedenheit mit der Behandlung, Ungeduld.»

Laut Exadaktylos sind ­steigende Krankenkassenbeiträge eine Ursache. «Deshalb erwarten einige Patienten eine Behandlung rund um die Uhr und alles inklusive.» Schon wenige Minuten im Wartezimmer seien zu viel. Beim Personal hinterlassen die Aggressionen Spuren. «Die Spitäler haben mittlerweile regelmässig Kündigungen, weil sich gerade junge Mitarbeiter lieber eine andere Stelle suchen, wo ihre Hilfe geschätzt wird.»

Exadaktylos schätzt, dass nur jeder zehnte Übergriff gemeldet wird. «Denn eine Anzeige belastet die Betroffenen zusätzlich. Es kostet viel Zeit, Nerven und Mut, wenn man vor Gericht erscheinen muss.» Eine Praxisänderung sei nötig: «Angriffe auf Polizisten werden als Offizialdelikt automatisch verfolgt.» Der Co-Präsident der Notfallärzte fordert dies auch für die Mitarbeiter von Spitälern und Rettungsdiensten. «Es wäre ein wichtiges Zeichen an die ­Patienten und Angehörigen, dass ihre Taten konsequent belangt werden.»

Neurologe liess Patienten mit freiem Oberkörper hüpfen

Noch seltener geahndet werden Sexualdelikte. Bisher gab es keinerlei Daten aus Kliniken und Spitälern. Die Statistik zeigt nun, dass in fünf Jahren 211 Anzeigen eingingen. Nicht vermerkt ist, wie oft Patienten und wie oft Angestellte die Täter waren. Vereinzelt ging es um Vergewaltigung oder sexuelle Handlungen mit Kindern, in 68 Fällen um sexuelle Belästigung.

«Das bedeutet leider nicht, dass solche Übergriffe in Spitälern tatsächlich selten sind», sagt Barbara Züst, Geschäftsführerin der Stiftung für Patientenschutz (SPO). Bei Sexualdelikten sei die Dunkelziffer generell hoch. «Hier kommt das Abhängigkeitsverhältnis zu Ärzten hinzu, das Betroffene einschüchtert.» Einige Opfer würden sich einreden, dass ein Übergriff einfach Teil der Untersuchung war. «Selbst wenn eine offensichtliche Grenzverletzung vorlag.»

Züst berichtet von einer Frau, die sich von einem Neurologen untersuchen liess. «Dieser hatte sie gegen Ende des Termins aufgefordert, ihren Oberkörper frei zu machen und herumzuhüpfen.» Zwar sei dies der Patientin merkwürdig vorgekommen. Trotzdem sei sie der Aufforderung nachgekommen. «Schliesslich ist der Arzt eine Vertrauensperson.» Die Stiftung SPO überlege derzeit grundsätzlich, wie eine anonyme Anlaufstelle für medizinisches Fachpersonal und für Patienten aussehen könnte, die belästigt wurden. «Damit sich Betroffene ungeniert melden können und eine sachliche Einschätzung erhalten», sagt Züst.



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Erstellt: 23.06.2019, 11:59 Uhr

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