Diego gegen Maradona

Ein Porträt über die Jahre des Fussballgenies beim SSC Neapel: Gefeiert wie Gott und verjagt wie der Teufel.

Diego Maradona nach einem Spiel gegen Juventus Turin (links Antonio Cabrini) im März 1986. Foto: Getty Images

Diego Maradona nach einem Spiel gegen Juventus Turin (links Antonio Cabrini) im März 1986. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Den besten Film über Diego Maradona hat Emir Kusturica gedreht. Der serbische Regisseur und doppelte Gewinner der Goldenen Palme von Cannes sagte 2006 in seiner unbescheidenen Art: «Ich bin der beste Regisseur der Welt und porträtiere den besten Fussballer der Welt.» Der daraus resultierende Film «Maradona by Kusturica» überzeugt im Aufeinanderprallen der beiden unberechenbaren Charaktere. Maradona kam zur Premiere nach Cannes, liess sich feiern und jonglierte vor der Vorführung auf der Bühne mit dem Ball.

Jetzt gibts einen neuen Film namens «Diego Maradona». Gedreht hat ihn der britische Regisseur Asif Kapadia, der vor drei Jahren für «Amy» über die Sängerin Amy Winehouse einen Oscar bekommen hat und auch einen brillanten Dokumentarfilm über den brasilianischen Autorennfahrer Ayrton Senna realisierte. Seine Methode: Er arbeitet fast ausschliesslich mit Archivmaterial, bekannten Bildern und solchen, die er mit seinem Team in aufwendigen Recherchen aufstöbert. Dazu führt er zahlreiche Interviews, aber es gibt keine «talking heads», die Stimmen werden über die Bilder gelegt. Die Porträtierten bleiben so Ikonen, aber erscheinen in neuem Licht.

Im Stadion die Prominenz, Polizei, einfache Leute und die Mafia

Es gibt allerdings einen Unterschied: Amy und Senna waren tot, als die Filme über sie erschienen, Maradona dagegen ist – nun ja – einigermassen im Saft. Kapadia konzentriert sich auf eine Periode seines Lebens: Es geht um die Jahre beim SSC Neapel; 1984 heuerte der bestbezahlte Fussballer der Welt bei einem Club an, der noch nie etwas gewonnen hatte. Wo er dann, dank dem errungenen Meistertitel, gefeiert wurde wie ein Gott. Später aber, als er als argentinischer Nationalspieler Italien im Elfmeterschiessen aus der Heimweltmeisterschaft schoss, auch verteufelt wurde. Und 1991 schliesslich nach einer Dopingprobe, die den Konsum von Kokain nachwies, gehen musste. All das zeigt das Porträt. Maradona blieb der Premiere dieses Mal fern.

«Das heisst überhaupt nicht, dass sein Verhältnis zum Film schlecht ist», sagt dazu Fernando Signorini. Er muss es wissen, er kennt den Fussballer seit dessen Kindheitstagen in Argentinien und ist als Fitnesstrainer und Freund von Maradona selber eine Legende. Fitnesstrainer beim Fussballer, der oft übergewichtig war, ist das nicht ein Widerspruch in sich, Sr. Signorini? «Nein, sein Körper ist ein Wunder», antwortet er, «Maradona hat alle Abstürze überlebt, Sie und ich wären schon lange tot, wenn wir so mit uns umgegangen wären wie er.»

Signorini kennt auch den Grund für das Fernbleiben des Stars an der Premiere: «Er ist momentan Trainer in Mexiko. Und seine Mannschaft hat soeben ein wichtiges Spiel verloren.» Dann lächelt er und ergänzt: «Nun gut, wenn sein Team gewonnen hätte, wäre das vielleicht für ihn auch ein Grund gewesen abzusagen. Man weiss nie, woran man ist mit ihm. Aber man sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen.»

Das tut Kapadias Film nicht, im Gegenteil. Er zeigt Maradona in den Neapel-Jahren mit all seinen Facetten: Wie er 1986 die argentinische Nationalmannschaft in Mexiko zur Weltmeisterschaft führte, im Viertelfinal gegen England sein irreguläres Tor mit der «Hand Gottes» erzielte und vier Minuten später ein weiteres, ebenso berühmtes, bei dem er über das halbe Feld dribbelte. Wie er das Stadion bei Meisterschaftsspielen in Neapel füllte, mit lokaler Prominenz, einfachen Leuten, Polizei, aber auch Vertretern der lokalen Mafia, von der er sich hofieren liess. Wie er Vater eines Sohnes wurde, den er jahrelang verleugnete.

«Er ist nie irgendwo angekommen. Ausser vielleicht in Neapel»

All das arbeitet der Film akribisch heraus. «Maradona wird dabei nicht von oben herab behandelt. Er mag es, wenn man ihn nicht mit Samthandschuhen anpackt», sagt Fernando Signorini. Von ihm stammt auch das Bild, das den Charakter des Fussballers am besten auf den Punkt bringt: Diego und Maradona sind für ihn zwei verschiedene Personen. Auf der einen Seite ist dieser Diego, der verspielte Junge aus armem Haus, der auf der Strasse lernte, Fussball zu spielen. Und auf der anderen Seite Maradona, der von der Öffentlichkeit gejagte Star, der sich verschliesst und abkapselt, und zwar ebenfalls von Kindheit an.

«Maradona hatte mit 15 Jahren bereits so viel verdient, dass er seinen Eltern ein Haus kaufen konnte», sagt Regisseur Kapadia. «Seither ist er ständig auf Achse, immer auf der Suche nach einem Zuhause. Aber er ist nie irgendwo angekommen. Ausser vielleicht in Neapel.»

Ist der neue Maradona-Film nun besser als der alte? Sagen wir es fussballtechnisch so: Kusturica spielte damals intuitiv wie ein Strassenfussballer, der Film hatte wunderbare Momente, aber auch wahnwitzige Abstürze. Kapadia dagegen ist mehr Techniker: fleissig, schnell, präzise – dem Film fehlt jedoch der Hauch von Genialität, der mit Maradona verbunden wird.

«Diego Maradona»: ab Donnerstag im Kino



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 31.08.2019, 18:13 Uhr

Artikel zum Thema

«TV-Serien stecken im 19. Jahrhundert fest»

Interview Autor Lukas Bärfuss sieht den Serien-Hype kritisch. Das grosse Gespräch über langweilige Konflikte, den Writer’s Room und einen öden Trick von Kevin Spacey. Mehr...

Zum Neptun mit Brad Pitt

Im Science-Fiction-Film «Ad Astra» spielt Brad Pitt einen gefühlskalten Astronauten. Am Filmfestival Venedig erklärte er, wieso. Mehr...

Gipfeltreffen der Lebemänner

Im Film «Thalasso» spielen der Schauspieler Gérard Depardieu und der Schriftsteller Michel Houellebecq sich selbst. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Der grosse Sweet-Home-Geschenkeratgeber

Geldblog Medacta enttäuscht die Anleger

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...