Diese Apps entlarven bedenkliche Produkte

Millionen von Konsumenten analysieren mit dem Smartphone ihre Einkäufe. Die Resultate seien teilweise «widerlegt», kritisiert die Migros.

Stimmen die Versprechen auf der Verpackung? Smartphone-Apps schaffen Klarheit Foto: Getty Images

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Was steckt im ­Duschmittel, im Deodorant oder in der Zahnpasta? Die Hersteller machen blumige Marketing-Versprechen. Das Duschgel von Unilever etwa verspricht, die «Austrocknung der Haut zu bekämpfen». Die Zahnpasta der Migros wird «von Zahnärzten empfohlen.» Doch trägt Butylphenyl Methylpropional zur Pflege der Haut bei? Und sind Tetrasodium-Pyrophosphate für den «Komplettschutz» der Zähne wirklich nötig?

Die Inhaltsstoffe solcher Produkte können nur Experten entschlüsseln. Konsumenten haben jedoch die Möglichkeit, die Werbeslogans der Industrie mit ihrem Smartphonezu überprüfen. Die Apps Codecheck und Yuka analysieren die Zusammensetzung von ­Kosmetika, Nahrungsmitteln und anderen Produkten. Den Strichcode mit der Kamera scannen, und schon erscheint die Bewertung.

Yuka vergibt ­Punkte und ein Urteil von sehr gut bis schlecht. Codecheck zeigt einen rot-grünen Kreis – je mehr rot, desto bedenklicher. Palmöl in der Schokolade oder Mikroplastik im Haarshampoo kommen auf die rote Liste.

Schweizer Nutzerzahlen haben sich zum Vorjahr verdoppelt

Die Apps verbreiten sich schnell. Codecheck hat in der Schweiz bereits 320 000 Nutzer – doppelt so viel wie noch vor einem Jahr. In Europa wurde die App, die einem Schweizer Unternehmen gehört, schon über 7 Millionen Mal herun­tergeladen. Sie war im September in Deutschland die gefragteste Anwendung im App Store von Apple. Yuka ist seit Anfang 2017 aktiv. Ein Jahr später nutzten die App eine Million ­Konsumenten in Europa. Heute sind es nach Angaben der Firma mehr als 13 Millionen.

Nordal Cavadini, Partner des Beratungsunternehmens Oliver Wyman, ist überzeugt, dass solche Anwendungen weiter an ­Bedeutung gewinnen werden. Die Industrie müsse diese Entwicklung ernst nehmen. «Die Konsumenten wollen mehr Transparenz. Die Bewertung durch Smartphone-Apps kanndarüber entscheiden, ob der Kunde ein Produkt kauft oder nicht.» Die üblichen Kennzeichnungen der Produkte reichten vielen Konsumenten nicht aus.

Auch Barbara Pfenniger vom Westschweizer Konsumentenverband FRC sieht die Hersteller unter Druck. «Mithilfe solcher Anwendungen können Konsumenten falsche Marketingversprechen entlarven und die Produkte anhand von Fakten beurteilen.»

Doch wie unabhängig und zuverlässig sind die Angaben? Codecheck etwa ist mit Werbung durchsetzt. Teilweise können eingescannte Produkte online bestellt werden. Unternehmenschef Boris Manhart sagt, dass Werbepartner «weder Einfluss auf die Bewertung noch die redaktionellen Inhalte» haben. Bei der Einstufung der Inhaltsstoffe stützen sich Yuka und Codecheck auf Quellen wie die deutsche Verbraucherzentrale, die Europäische Kommission und nationale Gesundheitsbehörden.

Die Hersteller passen die Rezepturen an

Eine Stichprobe mit Zahnpasten zeigt, dass Produkte der gleichen Kategorie sehr unterschiedlich abschneiden. Gute Noten erhalten bei Yuka Elmex sowie die preiswerten Produkte der Discounter Aldi und Lidl. Schwach schneiden dagegen die Zahnpasten Colgate Total und Candida Multicare ab. Auch Code­check findet bei diesen beiden Produkten gewisse Inhaltsstoffe «sehr bedenklich».

Yuka und Codecheck kritisierten die Candida-Zahnpasta aus «teilweise nicht ­nachvollziehbaren, teilweise sogar widerlegten Gründen», sagt ein Migros-Sprecher. Die Inhaltsstoffe seien in der verwendeten Konzentration sicher. Die Migros verweist darauf, dass einzelne Produkte mit veralteter Rezeptur abgebildet werden. Das sagen auch andere Hersteller. Die Apps beziehen ihre Informationen von Nutzern und direkt von Herstellern und Produktdatenbanken. Beide Anbieter geben an, ­dieseDaten zu verifizieren, um Manipulationen zu verhindern.

Je mehr Konsumenten die Anwendungen nutzen, desto stärker kommen Hersteller unter Druck. Laut Barbara Pfenniger ziehen einige Unternehmen bei schlechten Bewertungen Konsequenzen. «Hersteller haben beispielsweise bedenkliche Konservierungsmittel aus Pflegeprodukten entfernt.»

So hat etwa das Duschgel Dove Men + Care Extra Fresh von Unilever bei Yuka die schlechtest mögliche Bewertung erhalten: 0 von 100 Punkten. Das Unternehmen hat reagiert. Zwei von Yuka und Codecheck als sehr bedenklich eingestufte Inhaltsstoffe seien seit Anfang Jahr nicht mehr enthalten, sagt eine Sprecherin. Darunter ein Konservierungsstoff, der laut den beiden Apps allergieauslösend, hautreizend sowie krebserregend sein kann.



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Erstellt: 20.10.2019, 07:33 Uhr

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