Diese Jobs reichen nicht mehr zum Leben

Temporärstellen, Arbeit auf Abruf, Stundenlohnverträge – sogar bei einstigen Vorzeige-Arbeitgebern wie SBB, Post und Migros gibt es prekäre Arbeitsverhältnisse.

«Wie viele Stunden ich im Monat arbeite, ist völlig unterschiedlich», sagt Putzfrau Cristina. «Ich weiss es nie im Voraus». Foto: Thomas Egli

«Wie viele Stunden ich im Monat arbeite, ist völlig unterschiedlich», sagt Putzfrau Cristina. «Ich weiss es nie im Voraus». Foto: Thomas Egli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nennen wir sie Cristina*. Die 28-jährige Portugiesin lebt seit eineinhalb Jahren in der Schweiz, irgendwo im Kanton Zürich. Sie will nicht erkannt werden, um ihre Anstellung bei einer kleinen Reinigungsfirma in Uster ZH nicht zu verlieren. Cristina reinigt Wohnungen, Treppen, Eingangsbereiche privater Häuser. Der Mindeststundenlohn gemäss Gesamtarbeitsvertrag beträgt 18.80 Franken. Bei der erlaubten Höchstarbeitszeit von42 Stunden macht das bescheidene 3158 Franken pro Monat.

Doch in vielen Monaten erhält Cristina viel weniger. Denn in ihrem Arbeitsvertrag ist keine feste Wochenarbeitszeit festgelegt – obwohl das der Gesamtarbeitsvertrag, der seit 2012 für alle Deutschschweizer Reinigungsfirmen verbindlich ist, vorschreibt.

Verstösse gegen das Arbeitsrecht und den GAV

«Wie viele Stunden ich im Monat arbeite, ist völlig unterschiedlich», sagt Cristina. «Ich weiss es nie im Voraus.» Ihr Chef informiere sie immer erst am Abend vorher oder sogar am Morgen früh per Telefon oder SMS, wo sie sein müsse. Und: «Er sagt oft zwei Stunden vorher die Arbeit wieder ab, die er mir vorher zugesagt hat, und zahlt dafür keinen Lohn. Es kam sogar schon vor, dass er mich morgens um 5 Uhr anrief, dass ich um 7 Uhr nicht kommen müsse.» Da war sie manchmal schon auf dem Weg zur Arbeit – und erhielt trotzdem keinen Lohn. Auch rechnete der Arbeitgeber die Reisezeiten von einem Kunden zum anderen nicht als Arbeitszeit an.

Dies alles verstösst gegen das Arbeitsrecht und den Gesamtarbeitsvertrag. Und es hat für Cristina schwerwiegende Auswirkungen. «Ich habe dadurch praktisch kein Privatleben. Ich kann keine Freundschaften pflegen, nichts abmachen.» Noch schlimmer sind die finanziellen Folgen: In schlechten Monaten kann sie kaum ihre festen Kosten zahlen. «Ich muss mich stark einschränken, sogar beim Essen.» Kino, Theater, der ersehnte Deutschkurs – all das liegt nicht drin. Bisher habe sie alle Rechnungen pünktlich zahlen können. Aber nur, weil ihr Partner einen Festvertrag als Haustechniker in einem Hotel hat. Das heisst, die junge Frau, die in Portugal an der Universität Rechnungswesen studiert hat, ist von ihm finanziell abhängig. Cristina ist desillusioniert: «Ich dachte immer, in der Schweiz sei alles gut organisiert, und die Regeln würden eingehalten. Jetzt habe ich ein anderes Bild.»

Arbeit auf Abruf nimmt am deutlichsten zu

Cristina ist mit ihrem Schicksal nicht allein. Unsichere Arbeitsverhältnisse, die zu wenig Lohn zum Leben bringen, nehmen in der Schweiz zu. Das zeigt eine Studie, die das Forschungsunternehmen Ecoplan Ende 2017 im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft veröffentlicht hat. Noch 2010 waren 100'000 Personen in einem sogenannt atypisch-prekären Arbeitsverhältnis. Bis 2016 war diese Zahl auf 113'000 angestiegen. Primär sei die Zunahme dem Beschäftigungswachstum geschuldet, heisst es in der Studie, doch auch die zunehmende Arbeitslosigkeit von 2013 bis 2015 könnte zur Zunahme geführt haben.

Unter atypisch-prekären Arbeitsverhältnissen verstehen die Autoren Jobs mit unsicheren Arbeitszeiten und Löhnen, die nur unfreiwillig in Kauf genommen werden. Konkret geht es um Temporärarbeit, Arbeit auf Abruf, Unterbeschäftigung und um Heimarbeit mit einer tiefen Entlohnung unter dem mittleren Einkommen aller Beschäftigten.

Die deutlichste Zunahme gab es bei der Arbeit auf Abruf. Prekäre Arbeitsverhältnisse finden sich vor allem im Gastgewerbe, im Immobiliensektor und bei den sonstigen Dienstleistungen. Dazu zählt das Reinigungsgewerbe.

Grafik vergrössern

Ein besonderes Problem besteht bei der Reinigung von Hotels. Mercedes*, eine Spanierin, die in einer grossen Hotelkette in Zürich arbeitet, sagt: «Oft werden wir aufgeboten, aber wenn die Gäste die Zimmer noch nicht verlassen haben, können wir nicht anfangen mit Putzen. Manchmal müssen wir zwölf Stunden vor Ort sein, bezahlt ist aber nur die Hälfte, also dann, wenn wir tatsächlich putzen.» Das ist eine klare Verletzung des Arbeitsrechts und des Gesamtarbeitsvertrags.

Überdurchschnittlich betroffen von prekären Arbeitsverhältnissen sind gemäss der Ecoplan-Studie Frauen, Junge und Personen mit tiefem Bildungsniveau. Der Anteil der Erwerbstätigen mit einem ­prekären Arbeitsverhältnis ist zwischen 2013 und 2016 von 2,2 auf 2,5 Prozent gestiegen. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Denn nicht berücksichtigt sind Grenzgänger, Kurzaufenthalter, Asylbewerber und Personen ohne gültige Aufenthaltsbewilligung. Sie sind aber häufig in prekären Arbeitsverhältnissen tätig.

In jüngster Zeit machten mehrere Unternehmen negative Schlagzeilen, die bislang als Musterarbeitgeber galten. So sorgte die Post für Unmut, indem sie Ende März für Pöstler der Abendzustellung die Arbeit auf Abruf einführte. Statt wie bis anhin zwei Wochen vorher erfuhren sie gemäss «Blick» neu erst zweieinhalb Stunden vorher, wann ihre Schicht begann. Nach einer Protestwelle musste die Post die Änderung rückgängig machen.

Die SBB stehen in der Kritik

Nach heftiger Kritik geht auch die Migros über die Bücher, die ihren Lieferanten des Onlineshops Amigos nur ein Taschengeld bezahlt. Diese haben keinen Arbeitsvertrag und sind auch nicht gegen Unfälle versichert. Nun überdenkt die Migros das rechtliche Konstrukt und verspricht höhere Entschädigungen.

In der Kritik stehen auch die SBB. Bei ihnen ist die Zahl der Temporärmitarbeiter von 1120 im Jahr 2014 auf 3253 im vergangenen Jahr gestiegen. Darunter sind langjährige Angestellte, die im Stundenlohn bezahlt werden und nur von einer Drittfirma einen Temporärvertrag erhalten. Sie geniessen somit den Schutz des Gesamtarbeitsvertrags nicht.

Beim Bund prüft man nun, wie Beschäftigte in atypisch-prekären Arbeitsverhältnissen besser abgesichert werden können. Welche Optionen infrage kommen, will das Staatssekretariat für Wirtschaft nicht verraten. Bis Ende Jahr wisse man mehr.

* Name der Redaktion bekannt



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 05.05.2019, 14:08 Uhr

Artikel zum Thema

Lieber Top-Job statt Top-Lohn

Kommentar Das Gehalt spielt bei der Berufswahl junger Frauen offenbar kaum eine Rolle. Zu ihrem Nachteil. Mehr...

Zwei verlorene Jahre für Arbeitnehmer

Nach 2017 ist auch im vergangenen Jahr die Teuerungsrate schneller gestiegen als die Nominallöhne. Über einen längeren Zeithorizont hinweg stiegen die Reallöhne aber merklich. Mehr...

Konjunktur in der Schweiz kühlt sich weiter ab

Die Ökonomen des Bundes senken ihre Prognose für das Schweizer Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...