«Diese Kinder werden zu kleinen Königen erzogen»

Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm über neue Supermamas, gegängelte Väter und das Streben nach perfekten Kindern.

«Es ist enorm, wie die Mütter glorifiziert werden»: Margrit Stamm, 69, aufgenommen in der Universität Zürich. Foto: Sebastian Magnani

«Es ist enorm, wie die Mütter glorifiziert werden»: Margrit Stamm, 69, aufgenommen in der Universität Zürich. Foto: Sebastian Magnani

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Margrit Stamm weiss, wie Eltern in der Schweiz ticken. Sie ist eine der bekanntesten Stimmen, wenn es um Erziehungsfragen geht, und veröffentlichte zahlreiche Bücher zum Thema. Im Sommer erscheint ihr neues Werk, das sie soeben fertig geschrieben hat. Es handelt von heutigen Vollblutmüttern, die sich und ihre Familien ans Limit bringen.

Frau Stamm, manchmal kommt man zum Schluss: Rückblickend würde ich anders handeln. Sie haben zwei erwachsene Kinder. Was haben Sie als Mutter falsch gemacht?
Für die Erziehung war ich nicht allein zuständig, ich habe ja einen Partner . . .

. . . immer noch den gleichen?
Wir sind seit über 40 Jahre verheiratet. Ich glaube, wir haben als Eltern vieles gut gemacht, aber auch einiges falsch.

Zu viel Laisser-faire?
Im Gegenteil. Bei meinem Sohn habe ich zu viel Druck gemacht, wenn es um Schulisches ging. Vor allem aber haben wir unseren Kindern zu viel Selbstverantwortung übergeben. Mein Mann und ich gehören zu einer Generation, die autoritär erzogen wurde. Darum haben wir von Anfang an gesagt: Wenn wir Kinder haben, machen wir das anders, wir übergeben ihnen Selbstverantwortung. Damit haben wir sie manchmal etwas überfordert.

Sie haben gerade das Manuskript Ihres neuen Buchs «Der Super-Mama-Mythos» fertiggestellt. Das klingt eher nach Helikopter- als nach Hippie-Erziehungsstil, der im Nachgang der 68er-Bewegung auf Selbstverantwortung setzt.
Die Basis sind Forschungen, die wir in den letzten Jahren gemacht haben. Im Buch geht es um das Mutterbild, wie es 2020 praktiziert wird.

«Als die Kinder weg waren, hatte ich fast einen Herz­infarkt»: Professorin für Erziehungswissenschaften Margrit Stamm. Foto: Sebastian Magnani

Was haben Sie festgestellt?
Das heutige Mutterbild ist sehr traditionell. Die Interessen der Mutter sollen klar hinter denen des Kindes zurückstehen, sie sind zweitrangig. An erster Stelle kommen immer die Kinder, alle ihre Bedürfnisse werden befriedigt, man soll sie die ganze Zeit innigst lieben und fördern.

In der Schweiz gilt: Je mehr eine Mutter entbehrt, desto besser sorgt sie für die Kinder?
Heute wird erwartet, dass sich eine Mutter zugunsten der Kinder als Person mehr oder weniger aufgibt.

«Mich erstaunt, dass Frauen dieses Mutterbild relativ unkritisch übernehmen und es nicht mehr Widerstand gibt. Das ist eine eigenartige Entwicklung.»

Was macht dieses intensive Muttersein mit einem Kind?
Es überfordert die Kinder. Sie können nicht selbstständig werden. Mit Liebe überflutet zu werden und stets im Mittelpunkt zu stehen, ist keine Gnade, sondern eine Belastung. Diese Kinder werden zu kleinen Königen erzogen, denen jedes Hindernis aus dem Weg geräumt wird. Es überfordert aber auch die Väter.

Inwiefern?
Sie werden zu Hause häufig zu Juniorpartnern degradiert, die der Frau zudienen müssen. Es gibt berufstätige Mütter, die von der Arbeit nach Hause telefonieren, um zu kontrollieren, ob der Mann mit den Kindern alles richtig macht. Manche Väter flüchten ins Büro, weil sie sich zu Hause nicht entfalten können.

Halten Sie diese intensiven Supermütter für einen Rückschritt bei der Emanzipation der Frau?
Ja, ganz klar. Wir erleben einen bedenklichen Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten.

So schlimm?
Bis 1988 durften Männer in der Schweiz ihren Frauen verbieten, arbeiten zu gehen. Das war gesetzlich so vorgesehen. In den Achtzigerjahren mussten wir dafür kämpfen, dass wir vom Herd raus in den Beruf oder an die Uni konnten. Unsere Kinder waren wichtig und wurden geliebt, aber sie hatten nie diesen überragenden Stellenwert, den sie jetzt haben. Heutige Mütter sind oft unglaublich belesen und wollen das, was in den Erziehungsratgebern steht, Schritt für Schritt umsetzen. Für diese Mütter ist die Erziehung des Kindes fast eine Doktorarbeit.

Vielen jungen Frauen gefällt es, nur noch eine perfekte Mutter zu sein. Was ist dagegen einzuwenden?
Wenn eine Frau das macht, was sie möchte, finde ich das wunderbar. Aber das heutige Mutterbild passt nicht zu den emanzipierten Frauen, die berufstätig und gleichgestellt sind.

Das katapultiert uns zurück in die Zeiten unserer Grossmütter?
Es geht in diese Richtung. Mich erstaunt, dass Frauen dieses Mutterbild relativ unkritisch übernehmen und es nicht mehr Widerstand gibt. Das ist eine eigenartige Entwicklung.

«Hausmänner erzählen in unseren Fallstudien, dass sie von den Müttern ­ignoriert oder mit Ratschlägen eingedeckt werden.»

Haben Sie eine Erklärung?
Wahrscheinlich will man den Erwartungen der Gesellschaft an die Mütter entsprechen. Dann wächst man in diesen Mutterwunsch hinein. Heute ist man als Frau nur ganz, wenn man Mutter wird. Es ist enorm, wie die Mütter glorifiziert werden.

Es ist doch erstaunlich: Frauen haben heute so viele Freiheiten wie nie zuvor, Sie können ein Kind mit oder ohne Partner haben, einen Beruf wählen und arbeiten gehen. Und trotzdem gibt es ein Problem?
Sie haben zwar alle Möglichkeiten, aber noch immer heisst es: «Du kannst tun, was du willst – aber du musst eine gute Mutter sein!» Den Frauen schaut man auf die Finger, nicht den Männern. Die werden schon hochgejubelt, wenn sie viereinhalb statt fünf Tage arbeiten und Windeln wechseln können.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich Frauen so intensiv um den Nachwuchs kümmern: weil die Männer zu wenig tun.
Dieses unsägliche Väter-Bashing ist seit einiger Zeit modern. Noch mal: Es gibt Frauen, die das Engagement der Väter blockieren. Auf Englisch heisst das «gatekeeping». Unsere Familienstudie, die wir vor einiger Zeit gemacht haben, zeigt: Ein Drittel der Väter, die sich zu Hause überhaupt nicht engagieren, haben Frauen, die solche Türsteherinnen sind. Die ihren Männern, wenn sie abends nach Hause kommen, sagen, was sie zu tun haben und wie sie das Kind halten sollen. Wenn man Väter und Mütter beurteilen will, muss man das Gesamtbild anschauen.

Es geht um mehr als das Hüten der Kinder?
Ein guter Vater ist nicht einfach einer, der viel zu Hause ist. Neben der Kinderbetreuung oder dem Haushalt, der erledigt werden muss, gibt es noch weitere Aufgaben, damit eine Familie überhaupt funktionieren kann: Wer macht die Steuern, wer kümmert sich um die Versicherungen, und wer bringt eigentlich das Geld nach Hause, von dem die Familie lebt? Unsere Untersuchung hat gezeigt: In 70 Prozent der Fälle sind die Männer die Haupt­ernährer der Familie. In 90 Prozent der Fälle hat das Paar das gemeinsam entschieden. Es ist also nicht so, dass der Mann einfach sagt: Ich bleibe 100 Prozent berufstätig.

Hausmänner gibt es in der Schweiz nur wenige. Wie viele?
Rund 1 Prozent der Männer.

Und diese Exoten werden dann auf dem Spielplatz diskriminiert?
Sie erzählen in unseren Fallstudien, dass sie von den Müttern ­ignoriert oder mit Ratschlägen eingedeckt werden.

«Die Hochbegabungsdiagnose ist eine Modediagnose geworden. Es gibt Eltern, die durch psychologische Praxen ziehen, bis einer sagt, das Kind habe ein sehr hohes Potenzial.»

In Ihren Untersuchungen haben Sie auch festgestellt, dass es unter Müttern eine grosse Konkurrenz gibt. Auf welchen Schlachtfeldern wird dieser Wettbewerb ausgetragen?
Bei berufstätigen Frauen geht es etwa um die Frage: «Warum bringt die alles problemlos unter einen Hut und ich nicht?» Oder man misst sich daran, wer den gesündesten Znüni in den umweltfreundlichsten Tupperware-Behältern macht. Seit einiger Zeit gibt es einen Trend zurück zur Natur. Es gibt Mütter, die den Babybrei selber zubereiten und den Kindern wieder Stoffwindeln anziehen. Und das Stillen des Kindes ist fast eine neue Religion. Es bindet ein Kind an die Mutter und umgekehrt. Das ist von der Bindungstheorie her auch richtig, aber man hat das stark überinterpretiert.

Die Bindungstheorie besagt, dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis haben, enge Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen und das stärkste Band jenes zwischen Mutter und Kind sei. Das ist doch nicht falsch.
Die Bindungstheorie ist schon richtig, aber man legt sie heute so aus, als ob eine Mutter sieben Tage die Woche rund um die Uhr verfügbar sein müsse. Es gibt jedoch einen Punkt, an dem das Kind genug Bindung erfahren hat, gesättigt ist von der Zuwendung und von der Mutter weggeht. Dann muss sie das Kind nicht dauernd bei sich haben wollen. Die Bindungstheorie blühte interessanterweise genau dann wieder auf, als die Mütter stärker in die Arbeitswelt drängten. Auch die Hirnforschung, die von sensiblen Phasen spricht, in denen man das Kind unbedingt optimal ­fördern müsse, hat diese über­triebene Mutterzuwendung angeheizt.

Folgen Eltern heute eherder Forschung und der Fachliteratur als ihrer Intuition?
Die Fähigkeit zur Intuition ist der heutigen Elterngeneration abhandengekommen. Man hält Intuition für schlecht, weil es sich um ein Bauchgefühl handelt, und vertraut lieber den Elternratgebern. Häufig ist der nächste Schritt, dass man zu einem Therapeuten rennt. Die Zahl der Diagnosen, Abklärungen und Therapien ist bei Kindern in den letzten beiden Jahrzehnten um bis zu 50 bis 70 Prozent gestiegen. Man will das Kind auf Vordermann bringen, wenn es nicht der Norm entspricht. Wie ein Auto, das man in den Service bringt.

Oft geht es auch darum, dass Eltern in ihrem Kind einen kleinen Einstein wittern. Als Indiz reicht oft schon, dass sich ihr Spross in der Schule langweilt.
Die Hochbegabungsdiagnose ist eine Modediagnose geworden. Es gibt Eltern, die durch psychologische Praxen ziehen, bis einer sagt, das Kind habe ein sehr hohes Potenzial.

Stecken dahinter zum Teil nicht berechtigte Sorgen um die Zukunft des Kindes?
Natürlich. Aber schauen Sie die Biografien von berühmten Leuten an! Viele erfolgreiche Menschen haben eine holprige Schullaufbahn hinter sich. Man meint immer, wenn ein Kind eine geradlinige Schulkarriere bis zur Matur hinlegt, sei alles gut. Das stimmt nicht. Junge Menschen machen den Knopf manchmal erst mit 17 oder 20 auf und leisten dann etwas ­Besonderes.

«Wenn der Nachwuchs auszieht, muss man als Paar einen neuen Weg finden, wie man miteinander umgeht.»

Inzwischen sitzt die erste Generation dieser wohlbehüteten Geschöpfe in den Hörsälen der Universitäten. Was haben Sie da als Professorin beobachtet?
Ich erinnere mich an den «Erst­semestrigentag» an der Uni Freiburg. Ich kam in den Raum und sah, dass da auch ältere Frauen sassen. Da dachte ich: Schön, jetzt haben wir wieder ein paar ältere Kommilitoninen. Bis ich merkte, dass das Mütter waren, deren Spross auf dem Stuhl danebensass. Die Mütter haben alles aufgeschrieben, rege aufgestreckt und Fragen gestellt, die eigentlich von den Jungen kommen sollten.

Ziehen wir eine Generation heran, die nicht erwachsen wird?
Ich begegne an den Universitäten, an denen ich lehre, vielen jungen Menschen, die sagen: Ich weiss nicht, was ich für ein Studium machen soll – aber meine Eltern wollen, dass ich studiere. Das Phänomen, dass sich junge Leute noch stark als Kinder ihrer Eltern fühlen, gibt es nicht nur in der Schweiz. Ich stelle das auch bei Studenten im Ausland fest.

Wird diese Abhängigkeit zum Teil auch von den Eltern gefördert – aus Angst vor dem leeren Nest?
Wenn der Nachwuchs auszieht, muss man als Paar einen neuen Weg finden, wie man miteinander umgeht. Um diesen Entwicklungsschritt nicht machen zu müssen, versuchen Eltern, unbewusst oder sogar bewusst, die Kinder zu Hause zu behalten. Wenn Kinder ausziehen, ist das einschneidend. Ich habe das an mir selber erlebt.

Was ist passiert?
Ehrliche Antwort? Ich bin in ein Loch gefallen und habe das als sehr hart erlebt. Als die Kinder weg waren, hatte ich fast einen Herz­infarkt.



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Erstellt: 25.01.2020, 20:04 Uhr

Die Forscherin

Margrit Stamm, 1950 in Aarau geboren, studierte Pädagogik, Psychologie und Soziologie. Ab 2007 war sie ordentliche Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg. 2013 ging sie frühzeitig in den Ruhestand und leitet seither das von ihr gegründete Forschungsinstitut Swiss Education in Aarau. Stamm ist verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder.

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