Diese unappetitliche Vorliebe für junge Mädchen

Weil Kindfrauen als legitime Männerfantasie gelten, konnte Jeffrey Epstein jahrelang Minderjährige missbrauchen.

«Lolita» von Stanley Kubrick, 1962: Der rosarote männliche Wunschtraum. Foto: Getty Images

«Lolita» von Stanley Kubrick, 1962: Der rosarote männliche Wunschtraum. Foto: Getty Images

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Sein Privatflugzeug trug den Übernamen «Lolita Express». Darin wurden junge Mädchen, 13-, 14-, 15- jährig, oft trugen sie Zahnspangen, dorthin spediert, wo sich Jeffrey Epstein gerade aufhielt. Dass es sich um Minderjährige gehandelt habe, sagte einer, der die Fracht am Zielort jeweils in Empfang nahm, sei offensichtlich gewesen: Sie hätten sich am liebsten mit Cornflakes verpflegt und literweise Milch getrunken. Waren ihre Brüste trotzdem zu gross, schickte Epstein sie weg, sie bräuchten nicht mehr wiederzukommen.

Wie viele Mädchen der amerikanische Financier Jeffrey Epstein rekrutiert, vergewaltigt und an Freunde «vermittelt» haben soll, ist unklar; die Journalistin Julie K. Brown, die für den «Miami Herald» in einer minutiös recherchierten, erschütternden Serie bereits letztes Jahr die kriminellen Machenschaften Epsteins aufgezeigt und damit im Alleingang für seine erneute Verhaftung Anfang Juli gesorgt hatte, machte 80 Opfer ausfindig.

Dass sich der 66-Jährige einen Monat später während der Untersuchungshaft das Leben genommen hat, ändert für sie alle nichts. Sie bleiben versehrt zurück. Weil ihnen niemand half, niemand zuhörte, niemand glaubte. Denn Epsteins Vorliebe war bekannt – spätestens seit 2002, als Donald Trump im «New York Magazine» gesagt hatte, Epstein sei ein «grossartiger Typ», wie er möge er schöne Frauen, «und viele davon auf der jüngeren Seite».

Vier von Financier Epstein vergewaltigte Mädchen: Michelle Licata, Courtney Wild (o.), Virginia Roberts, Jena-Lisa Jones (u.)

Dieser Satz wird nun immer und immer wieder zitiert, er soll eine besondere Nähe Trumps zu Ep­stein suggerieren. Nur – wenn man doch schon vor 17 Jahren darum gewusst hatte: Weshalb hat damals niemand Fragen gestellt? Weshalb geschah nichts? Weshalb blieben von denen, die den Satz heute mit einer Mischung aus Häme und Anklage zitieren, alle still?

Vielleicht weil das Faible für Teenager-Mädchen als lässliche Sünde gilt. Weil die minderjäh­rige Verführerin, die Kindfrau, das Nymphchen, die Lolita, als legitimes Objekt der männlichen Begierde gesellschaftlich akzeptiert ist. Ja, weil das Verständnis dafür ziemlich gross ist.

Als Jeffrey Epstein 2008 wegen Sex mit Minderjährigen zu 13 Monaten Gefängnis verurteilt worden war – wobei er die Strafe nur insofern absitzen musste, als dass er die Nacht im Gefängnis verbrachte und tagsüber seinen üblichen Geschäften nachgehen konnte –, wurden die 13, 14, 15 Jahre alten Mädchen in den Gerichtsunter­lagen als «Kinder-Prostituierte» bezeichnet.

Machtmissbrauch, gestohlene Jugend, Vergewaltigung

Man sprach ihnen damit ab, Opfer zu sein. Tönte an, sie hätten eine aktive Rolle gespielt. Liess durchblicken, dass sie eine Mitschuld treffe. Stellte, wie oft bei Sexualverbrechen, die Täter-Opfer-Konstellation auf den Kopf. So wurden aus Mädchen mit Zahnspangen, die aus zerrütteten Familien stammten und daheim Gewalt erfuhren, frühreife Früchtchen, Lolitas eben, die einen Mann, der Millionen für Harvard spendete und mit Schwergewichten wie Tesla-Chef Elon Musk oder Bill Clinton feierte, in Versuchung gebracht hatten.

Genau so klang das in «Lolita», dem berühmtesten Buch des russischen Schriftstellers Vladimir Nabokov aus dem Jahr 1955. Darin nimmt sich ein Mann namens Humbert Humbert des 14-jährigen Waisenmädchens Dolores Haze an – er nennt es «Lolita» – und tut so, wie wenn die beiden eine Beziehung führen würden, während es sich in Tat und Wahrheit um Missbrauch handelt: um einen Mann, der jahrelang einen Teenager vergewaltigt.

Das Buch war ein Skandal, man fand es «pornografisch»; aber natürlich wurde es gerade deswegen gleich zweimal verfilmt: 1962 von Stanley Kubrick, dann 35 Jahre später mit Jeremy Irons in der Rolle des Humbert Humbert. Da war der Name des Opfers, Lolita, längst zum Synonym geworden für angeblich frühreife Mädchen, die mit ihrer gespielten, lasziven Unschuld gestandene Männer reihenweise um den Verstand bringen sollen. Lolita, das hiess: Die Kindfrau als Täterin und der erwachsene Mann als Opfer, der schlicht nicht anders kann, als ihr mit Haut und Haar zu verfallen.

In Frankreich ist darüber eine heftige Debatte entbrannt. Am vergangenen Donnerstag erschien dort das Buch «Journal de L.» des renommierten Journalisten, Produzenten und Autors Christophe Tison. «L.» steht für Lolita, und Tison schreibt die bekannte Geschichte neu, nämlich aus ihrer Sicht. Da klingt dieser Roman, der vom Magazin «Esquire» vor zwei Jahren zu jenen 80 Büchern gezählt worden war, die jeder Mann gelesen haben müsse, ganz anders. Er klingt nicht nach Erotik. Sondern nach Machtmissbrauch, Vergewaltigung und gestohlener Jugend.

Niemand, der in seiner Jugend so etwas erlebt habe, komme unverletzt davon, sagt Tison, und er weiss, wovon er spricht: Der 58-Jährige wurde im Alter von 9 bis 14 von einem Freund seiner Eltern missbraucht. Er habe sich erst zur Wehr setzen können, als er ­altershalber dazu körperlich in der Lage gewesen sei. Danach stürzte Tison ab, wurde alkohol- und drogenabhängig, verbrachte längere Zeit in der Psychiatrie.

American Apparels dampfender, schlüpfriger Sexappeal

Christophe Tison will nicht nur Lolita, dem Opfer, eine Stimme geben. Er stört sich daran, wie beharrlich sich das Klischee des jungen Mädchens als Verführerin in Frankreich hält, wie wenig insbesondere ein Teil der Pariser Intellektuellen bereit ist, diese letztlich pädophile Haltung zu kritisieren.

In jenen Kreisen sieht man es offenbar so wie Jeffrey Epstein, der sich wegen seiner Neigung unverstanden und ungerecht behandelt fühlte. Letztes Jahr diktierte er einem Journalisten der «New York Times» ins Mikrofon, dass er, der verurteilte Sexualstraftäter, sich als Opfer des Zeitgeists sehe: «Sex mit Teenager-Mädchen zu kriminalisieren», sei eine «kulturelle Verirrung und früher absolut akzeptiert gewesen».

Der zweite Halbsatz stimmt – wenn auch die Gründe dafür anders sind, als sich das Epstein wohl eingebildet hat. Der 25-jährige Elvis zum Beispiel verliebte sich 1959 in Deutschland in die 14-jährige Priscilla und nahm sie mit nach Amerika. Wo sie, anstatt zur Schule zu gehen, in Graceland darauf wartete, bis er von seinen Auftritten nach Hause kam. Man tuschelte zwar, aber der Begeisterung für den King tat das keinen Abbruch.

Woody Allen konnte sich in «Manhattan» als 42-Jähriger in eine 17-jährige Schülerin verlieben und später im richtigen Leben als 56-Jähriger eine Beziehung mit seiner 22-jährigen Adoptivtochter eingehen. Man liebte ihn trotzdem, für seine Neurosen, für seine Einzigartigkeit, für jeden neuen Film. Man sah es ihm nach.

Man nahm es auch Roman Polanski nicht übel, dass er 1977 die 13-jährige Samantha Geimer anal und vaginal vergewaltigt hatte; er wurde als Regisseur gefeiert. Als er vor 10 Jahren vom Zurich Film Festival für sein Schaffen geehrt werden sollte, huldigte ihm die hiesige Kulturszene begeistert, kritische Fragen waren unerwünscht.

Mit genauso viel Goodwill durfte American Apparel (AA) lange Zeit rechnen. Die amerikanische T-Shirt-Firma, mittlerweile pleite und Geschichte, warb jahrelang mit eindeutig-zweideutigen Sujets: vorzugsweise mit jungen Mädchen in Kniestrümpfen, die Beine leicht gespreizt, der Rock hochgerutscht – die unmissverständliche, aufreizende Inszenierung der Lolita. Aber sie war ein voller Erfolg; unter denen, die man heute als Hipster bezeichnen würde, war die Marke Kult. Bei AA einzukaufen, war auch hierzulande gleichbedeutend mit cool sein, und es lag nicht daran, dass die T-Shirts und Shorts «made in downtown LA» waren. Es lag am dampfend-schlüpfrigen Sexappeal.

Auch nach 1968 blieb die Sexualität männlich definiert

Denn es wäre ja uncool gewesen, sich angesichts der Sujets irritiert oder gar empört zu zeigen. Seit den 68ern gilt: Wer etwas auf sich hält, gibt sich sexuell aufgeschlossen. Coolness wird bis heute daran gemessen, wie schwer jemand mit sexuellen Präferenzen zu schockieren ist.

Dabei war die sexuelle Befreiung der 68er keineswegs umfassend, sondern einseitig. Gretchen Dutschke, Witwe des Wortführers der deutschen Studentenbewegung, Rudi Dutschke, ist nach wie vor überzeugt, dass die Bewegung viel Gutes gebracht hat. Mit einem Vorbehalt: Die viel gepriesene «freie Sexualität», sagte sie einst in der «Emma», habe letztendlich bedeutet, «dass die Frauen den Männern immer zur Verfügung standen». Auch nach 1968 blieb die Sexualität männlich definiert. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Sein ganzes Umfeld habe von den Minderjährigen in Epsteins Schlafzimmer gewusst, schrieb die «New York Times», immer wenn man über ihn gesprochen habe, sei auch von ihnen die Rede gewesen – beiläufig, als Nebensache.

Die Minderjährigen wurden so dreifach zu Opfern: von Epstein. Von der Justiz. Von einer Gesellschaft, die missbrauchte Mädchen als «Nebensache» betrachtet und in angeblichen Lolitas keine Opfer sieht. Für sie alle, schreibt die «Miami Herald»-Journalistin Julie K. Brown, dank deren Hartnäckigkeit die Öffentlichkeit dann doch irgendwann hinschauen musste, habe es ein Leben vor und ein Leben nach Epstein gegeben. Viele von ihnen waren davor gut in der Schule gewesen. Viele von ihnen waren danach drogen- und alkoholabhängig.

Eines der Opfer nahm sich vor zwei Jahren das ­Leben, es hinterliess einen kleinen Sohn. Der Tod der jungen Frau machte keine Schlag­zeilen.



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Erstellt: 24.08.2019, 17:16 Uhr

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