«Pedro Almodóvar schuldet mir keine Entschuldigung»

Antonio Banderas spielt den spanischen Kultregisseur – seinen früheren Weggefährten. Der Schaupspieler über die schwierigste Rolle seines Lebens.

Einst unzertrennlich: Der 69-jährige Pedro Almodóvar (links) und der 58-jährige Antonio Banderas. Foto: Nico Bustos (Akg-images)

Einst unzertrennlich: Der 69-jährige Pedro Almodóvar (links) und der 58-jährige Antonio Banderas. Foto: Nico Bustos (Akg-images)

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Zu Beginn ihrer Karrieren, in den Achtzigerjahren in Madrid, waren Pedro Almodóvar und Antonio Banderas unzertrennlich. Schrille Filme haben sie gedreht und die in der Franco-Zeit erstarrte Gesellschaft aufgerüttelt. Aber dann verabschiedete sich der Schauspieler Richtung Hollywood, wurde dort Zorro und der gestiefelte Kater, während der Regisseur zu Hause blieb.

22 Jahre lang arbeiteten sie nicht mehr zusammen, 2011 gab es eine erste, komplizierte Annäherung. Jetzt aber haben sie in Cannes den neuen Film «Dolor y gloria» präsentiert, zeigten sich auf dem roten Teppich, als ob nichts gewesen wäre – obwohl Banderas vielleicht die schwierigste Rolle ­seines Lebens spielt: Pedro Almodóvar selber.

Als Ihnen Almodóvar die Rolle vorschlug, sagte er da: Du spielst mich?
Nein, er erwähnte es mit keinem Wort. Als er mir das Drehbuch schickte, warnte er mich nur, es gebe eine Menge Anspielungen an Menschen darin, die ich kenne. Diese Warnung war total überflüssig. Ich wusste sofort: Das ist er ­selber, der da im Zentrum steht. Sonnenklar. Aber wie sollte ich das spielen?

Wie?
Ich hatte keine Ahnung. Sollte ich ihn imitieren? So tun, als ob es ein ganz anderer Regisseur wäre? Ich wusste bei der Lektüre auch nicht, ob ich blonde Haare verpasst bekommen würde oder eine Glatze.

Jetzt sehen Sie aus wie er, mit hochgekämmter Frisur.
Eben. Oh mein Gott, dachte ich, der macht mich wirklich zu seinem Ebenbild. Er führte mich auch zu seinem privaten Kleiderschrank und sagte, schauen wir einmal, welche Kleider dir passen. Die Wohnung, in der wir drehten, befand sich zwar im Studio, ist aber eine exakte Kopie seiner eigenen Wohnung. Jedes Buch ist am richtigen Platz. Almodóvar ist diesbezüglich sehr pingelig, er glaubt, alle Zuschauer läsen die Titel auf den Buchrücken.

Sie sind also in seine Haut geschlüpft?
Ja und nein. Nicht alles, was zu sehen ist, stammt aus seinem Leben, aber es könnte so gewesen sein. Er liebt dieses Spiel und nennt es Autofiktion. Mir aber hat sofort gefallen, dass das Drehbuch so einfach und direkt war. Bei ihm gibt es ja sonst oft einen sehr barocken Überbau. Hier ist alles klar. Ich fragte ihn: Hast du das im Kloster geschrieben?

Ha! Hat er?
Nein. Aber die Geschichte ist wirklich entschlackt. Das ist anders als vor acht Jahren, als wir am Horrorfilm «La piel que habito» arbeiteten. Und uns ständig stritten.

«Er will dich immer aus der Komfortzone locken.»Banderas über Almodóvar

Wegen des Drehbuchs?
Nein, vermutlich letztlich wegen mir. Wir hatten damals 22 Jahre nicht mehr zusammen gedreht. Und ich war fest gewillt, meinem Lehrmeister vorzuführen, was ich alles gelernt hatte: Schau, Pedro, was für ein toller Schauspieler ich geworden bin. Damit muss man ihm natürlich nicht kommen. Er hat alles daran gesetzt, mir das auszutreiben. Wohl zu Recht. Aber damals konnte ich es nicht akzeptieren.

Und heute?
Ging ich mit anderer Einstellung an die Arbeit: Höre, dieses Mal werde ich dein Soldat sein, sagte ich ihm. Er wurde lammfromm. Wenn man sich gegen ihn auflehnt, kämpft er wie ein Löwe. Er will dich immer aus der Komfortzone locken.

Haben Sie schliesslich seine Kleider tatsächlich getragen?
Einige schon. Bei anderen, die mir nicht passten, liess er eine Kopie anfertigen, in meiner Grösse. Zum Beispiel von einem ziemlich auffallenden roten Prada-Anzug, auf den er mächtig stolz ist.

Klagt Almodóvar wirklich über so viele Krankheiten wie der Regisseur im Film?
Oh ja. Da ist nichts übertrieben.

Raucht er Heroin?
Nein, das hat er nie getan. Das ­gehört zur Autofiktion. Ich sage nicht, dass er keine Drogen konsumierte. Aber vor Heroin hatte er immer Angst und einen Bogen darum herum gemacht.

Hat er je Schauspieler so mies behandelt wie im Film?
Das ist komplexer. Es ist zwar nur eine Figur, aber ich weiss immer, wer damit gemeint ist. Manchmal ist es Carmen Maura, manchmal jemand anderes, manchmal bin ich es. «Dolor y gloria» ist für mich sein Versuch, um Verzeihung zu bitten. Und zwar auf seine Art: Er rotzt alles raus, was es zu sagen gibt. Dann macht er einem das einzige Geschenk, das von Herzen kommt: ein wunderbares Drehbuch.

Haben Sie das Gefühl, er müsse Sie um Verzeihung bitten?
Nein. Wenn meine Karriere nur aus den acht Filmen bestehen ­würde, die ich mit ihm gedreht habe, hätte es sich bereits gelohnt. Er schuldet mir keine Entschuldigung. Es gibt so viel, was ich von ihm gelernt habe. Aber nicht nur ich, sondern das ganze Land.

Wie meinen Sie das?
«La ley del deseo» war 1987 ein sehr riskanter Film im katholisch-spanischen Umfeld. Und eine Art Augenöffner, weil ich darin einen Mann küsse. Dass ich auch jemanden von der Klippe schmeisse, hat niemanden aufgeregt. Die Liebesszene aber schon. Da begannen wir uns erstmals zu fragen: Was ist falsch mit unserer Moral?

Sie haben einige homosexuelle Charaktere gespielt.
Kein Heterosexueller hat das so oft getan wie ich. Gut so.

Ihr Durchbruch in Hollywood kam im Aids-Drama «Philadelphia».
Da habe ich ebenfalls von Almodóvar profitiert. Europa war – auch dank seiner Filme – viel fortschrittlicher als Hollywood. Es gibt da diese Szene in «Philadelphia», in der ich Tom Hanks im Spital ­besuche. «Ich küsse dich auf den Mund», sagte ich ihm bei der Probe. Das stand nicht im Drehbuch.

Es war Ihre Idee?
Ja. Tom hat zuerst etwas irritiert reagiert. Aber ich insistierte: «Ich bin dein Boyfriend, ich küsse dich jetzt auf den Mund.» – «Mach es!», antwortete er. Und er ist mir bis ­heute dankbar dafür.

War Ihr Weggang nach Hollywood auch eine Flucht, weil Sie nicht mehr der Almodóvar-Boy sein wollten?
Vielleicht empfand ich es auch ein wenig als Befreiung. Aber das war nicht der Hauptgrund. In meiner Kindheit war Hollywood dieser unerreichbare Traum. Und dann hatte ich plötzlich eine Chance. Es war ein Abenteuer, und es ist noch nicht zu Ende. Ich habe versucht, das voll auszuleben.

«Das Herz ist zentral, meines war lädiert. Und Almo­dóvar wollte, dass man das sieht.»

Sind Sie ruhiger geworden, mit 58 Jahren?
Natürlich. Sie nicht?

Melancholischer?
Nein. Ja. Ich weiss es nicht. ­Darum geht es ja in diesem Film. Almodóvars wichtigste Regieanweisung war: Verstecke deine Krankheit nicht!

Sie hatten einen Herzinfarkt, vor zwei Jahren.
Genau. Almodóvar behauptet, seitdem sehe er etwas in meinem Gesicht, das vorher nicht da war. Sie haben mich in London operiert. Eine ältere Krankenschwester hat sich rührend um mich gekümmert. Sie sagte: «Sie werden etwas Seltsames erleben und sehr traurig sein.» – «Werde ich Depressionen haben?», wollte ich wissen. Sie antwortete: «Nein, Depression ist ein medizinischer Befund. Sie aber werden einfach traurig sein.»

War es so?
Ja. Normalerweise bringt mich nichts zum Weinen. Aber in dieser Zeit brach ich bei jeder Kleinigkeit in Tränen aus. Und merkte, dass das Herz wirklich ein besonderes Organ ist. Man sagt schliesslich, «ich liebe dich von ganzem Herzen», und nicht «ich liebe dich mit ganzem Hirn». Und man sagt nicht, «du hast mir die Nieren ­gebrochen». Das Herz ist zentral, meines war lädiert. Und Almo­dóvar wollte, dass man das sieht.

Wie krank ist er selber?
Manchmal verkriecht er sich wochenlang in der Wohnung. Rückenschmerzen, Migräne, was weiss ich. Die einzige Zeit, in der er nicht so ist, sind die Dreharbeiten. Die sind wie eine Droge. Er lebt richtig auf. Das tut er sonst nur noch an Filmfestivals. Darf ich noch ein wenig melancholisch sein?

Bitte.
Ich erinnere mich, als wir «Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs» in Venedig zeigten. Gleichzeitig lief «The Last Temptation of Christ» von Martin Scorsese. Die Stadt war in Aufruhr, Priester demonstrierten gegen den Film. Scorseses Team hatte die Pressekonferenz gerade vor unserer, unzählige Journalisten blieben im Saal sitzen, sprachen ernsthaft über Jesus und Sünden. Dann kamen wir herein, rosa und himmelblau angezogen, schrien und hüpften herum. Rossy de Palma zog ihr T-Shirt hoch und präsentierte ihren Busen. Es war eine Freakshow, wir waren die Verrückten aus Spanien.

Die Clowns?
Ich bevorzuge verrückt. Wir ­waren total neben den Schuhen, aber wir wussten auch, dass wir auf diese Art Orte erschlossen, die sonst unerreichbar gewesen wären.

Und jetzt, in Cannes, bekommt Almodóvar endlich seine Goldene Palme?
Schön wärs. Er hat sie längst verdient. Aber Jurys sind unberechenbar. Dafür sind wir, wie gesagt, ein wenig gelassener.

Letztes Mal sagte Almodóvar vor Cannes, seine einzige Sorge sei, dass ihm der Abendanzug nicht passe.
Davor hat er wirklich panische Angst. Das war schon immer so. Als wir «La ley del deseo» vor Jahren in New York präsentierten, kam er auf die Bühne und sagte, er sei sehr nervös ...

... weil der Film für die USA eine Provokation war?
Das dachten alle. Liza Minnelli sass im Publikum, die ganze New Yorker Prominenz. Aber er fuhr fort: «Ich bin nicht wegen des Films nervös, ich weiss, dass ihr ihn lieben werdet. Aber ich habe dieses Jackett gekauft und bin nicht sicher, ob es wirklich schön ist.» Dazu tänzelte er herum, bekam den ersten Applaus des Abends. Damit war – wie wir sagen – der Fisch verkauft. Der Film wurde ein Erfolg.

«Dolor y gloria»: ab Donnerstag im Kino.



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Erstellt: 20.05.2019, 16:42 Uhr

Palme für «Dolor y gloria»?

Antonio Banderas spielt einen Erfolgsregisseur in der Krise: Krankheiten plagen ihn und Erinnerungen an die Kindheit – Penélope Cruz gibt seine Mutter – rütteln ihn auf. Meisterhaft, wie Pedro Almodóvar seine persönliche Geschichte erzählt und die Spuren doch verwischt. Sein Weggefährte aus ersten Tagen ist die ideale Besetzung dafür. Seit der Scheidung von ­Melanie Griffith, mit der er 20 Jahre zusammen war, lebt Banderas in London. Gut möglich, dass er in Cannes am nächsten Samstag den Darstellerpreis erhält – oder Almodóvar seine erste Goldene Palme.

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