Diktatoren fliegen auf Schweizer Luxus

Paul Biya, Robert Mugabe und andere Superreiche aus armen Ländern sind bevorzugt mit Schweizer Privatjets unterwegs

Innenleben einer Boeing 767-200: Der Betrieb des fliegenden Luxushotels kostet über 9000 Dollar pro Stunde. Foto: PD

Innenleben einer Boeing 767-200: Der Betrieb des fliegenden Luxushotels kostet über 9000 Dollar pro Stunde. Foto: PD

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Oligarchen, Diktatoren und Milliardäre lieben Privatjets. Falcon 900, Gulfstream G450, Embraer Legacy 600 oder Bombardier Global 6000 sind erstklassige Statussymbole und bieten viel. Luxuriöses Reisen, Super-Service, keine lästigen Warteschlangen vor Sicherheitskontrollen, Direktverbindungen ohne Umsteigen, Hightech-Interieur, ganze Schlafzimmer oder Kommandozentralen. Zudem sind Privatjet-Anbieter äusserst diskret. Mehrere Unternehmen sind in der Schweiz aktiv.

Der Washingtoner Thinktank C4ADS hat in einer Untersuchung festgestellt, dass neben Superreichen auch Kleptokraten und Diktatoren aus einigen der ärmsten Länder der Welt mit ihren Familien und ihrer Entourage auf Kosten der Steuerzahler fleissig durch die Welt jetten. C4ADS nennt explizit den Präsidenten von Kamerun, Paul Biya. Der Herrscher ist seit 1982 an der Macht und hat laut Recherchen des Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) mindestens viereinhalb Jahre seiner Amtszeit auf Privatreisen ausser Landes verbracht – offizielle Reisen wie Staatsbesuche sind dabei nicht berücksichtigt.

Innenleben einer Boeing 767-200. Foto: PD

Sein bevorzugtes Reiseziel: Genf. Zwischen Mai 2013 und Dezember 2018 unternahm der Staatschef laut C4ADS mindestens 30 Flüge nach Genf, zum Beispiel mit einem Gulf­stream III. Biya wohnte meist einen Steinwurf vom Palais des Nations entfernt im 5-Stern-Hotel Intercontinental. Mit seiner Entourage belegte er dort jeweils den kompletten 16. Stock. So buchte er zum Beispiel 2017 gleich 48 Zimmer. Allein die Hotelkosten für seine Privatreisen schätzt das OCCRP auf rund 65 Millionen US-Dollar.

Biya und Mugabe benutzten das gleiche Flugzeug

Für 12 von 19 Privatreisen nach Genf im Zeitraum von 2008 bis 2013 mietete Präsident Biya einen Schweizer Luxusjet. Dabei handelte es sich um die Boeing 767-200 mit der Registrierung P4-CLA der Firma Comlux Aviation in Zürich. Comlux ist in der Privatjet-Branche bekannt und operiert weltweit. Die Firma mit Sitz in Zürich und Malta hat diverse Maschinen des Typs Boeing ACJ 318, ACJ 319, Bombardier Global 6000, Bombardier Challenger 850 und 605, Embraer Legacy 650 und Hawker 900 XP in der Flotte. Auch eine russische Sukhoi-Maschine vom Typ SBJ 100 ist vorhanden, soll aber verkauft werden.

Doch die Spitzenprodukte sind eine VIP Boeing BBJ 777-200 LR und die erwähnte Boeing 767-200. Das Grossraumflugzeug, das regulär zwischen 180 und 221 Passagiere aufnehmen kann, verfügt über ein Riesenbett, Badezimmer mit Dusche, Salon mit Globus, Breitband-Wi-Fi, Audioanlage sowie Satellitentelefon und rund 60 Sitzplätze. Die Maschine kann 300 Koffer und bis zu 8 Tonnen Gewicht laden und hat eine Reichweite von 9400 Kilometern. Die Boeing 767 verursacht Betriebskosten in Höhe von 9138 Dollar pro Stunde.

Das ist viel Geld für ein armes Land wie Kamerun. Ein Viertel der 23 Millionen Einwohner lebt von 2 Dollar pro Tag, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt unter 60 Jahren. Laut Transparency International ist Kamerun eines der korruptesten Länder der Welt und belegt im Korruptionsindex den 152. Rang von 180 Ländern.

Innenleben einer Boeing 767-200. Foto: PD

Was Biya und seine Entourage in Genf treiben, ist nicht bekannt. Shopping und medizinische Betreuung, vermutet der kamerunische Politikwissenschaftler Achille Mbembe.

Mugabe flog privat, während in Zimbabwe keine Schmerzmittel verfügbar waren

Beim letzten Aufenthalt des 86-jährigen Staatsoberhaupts Ende Juni kam es zu Scharmützeln zwischen Demonstranten und Leibwächtern. Die Genfer Justiz verurteilte sechs Bodyguards des kamerunischen Präsidenten nach einem Angriff auf einen Reporter des Westschweizer Radios und Fernsehens RTS zu bedingten Freiheitsstrafen.

Dieselbe Boeing der Comlux Aviation war im März 2017 im Einsatz für Zimbabwes Ex-Machthaber Robert Mugabe, der sein Land über Jahrzehnte in den wirtschaftlichen Ruin geführt hat. Gemäss Angaben der Tageszeitung «Zimbabwe Independent» benutzte Mugabe das Flugzeug für seine fünftägige Reise nach Ghana und Singapur. Kostenpunkt: 1 Million US-Dollar. Im Preis nicht enthalten waren Spezialwünsche wie Kaviar, spezielle Weine, Satellitentelefongebühren und Limousinen an den Flughäfen.

Robert Mugabe buchte das Comlux-Flugzeug, weil die eigene Luftfahrtgesellschaft Air Zimbabwe offenbar keine ­sichere Maschine bereitstellen konnte und die Regierungsmaschine gegroundet war. Er gönnte sich die Spritztour zu einem Zeitpunkt, als die Krankenhäuser im eigenen Land keine Schmerzmedikamente mehr zur Verfügung hatten.

Das Geschäft mit den Reichen wächst stetig

Comlux-Chef Andrea Zanetto führt das Unternehmen seit 2011 und ist ausgebildeter Luftfahrtingenieur. Er begann seine Karriere beim brasilianischen Flugzeughersteller Embraer. Zanetto gab in einem Interview mit dem russischen Luftfahrtmagazin «Russian Aviation Insider» im September 2018 an, 30 bis 40 Prozent seines Geschäfts in Russland und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion abzuwickeln.

In Kasachstan unterhält Comlux zwei Hangars. Russland und Moskau seien fantastisch, erzählte Zanetto, es gebe viel Reichtum, und die russische VIP-Gemeinde gehe gern auf Geschäftsreisen oder private Trips. Fragen der SonntagsZeitung wollte er nicht ­beantworten.

Business-Jets sind ein wachsendes Geschäft. Neben Comlux werben auch andere Unternehmen in der Schweiz um Kunden, zum Beispiel Jet Aviation, Lunajets oder Air Charter Service. Auf dem Euro-Airport in Basel-Mülhausen baut der Spezialausrüster für Geschäftsflugzeuge Amac Aerospace einen zusätzlichen fünften Hangar und stellt ausserdem fünfzig neue Mitarbeiter ein.

Weltweit gibt es nach Angaben des US-Magazins «Forbes» rund 22'000 Privatjets, die allein der US-Wirtschaft einen Umsatz von 150 Milliarden Dollar und rund 1,2 Millionen Jobs sichern.



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Erstellt: 24.08.2019, 18:47 Uhr

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