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2017 gibt Pink den Ton an

Die Farbe wird belächelt, mit kleinen Mädchen, Kitsch und Prinzessinnen assoziert. Jetzt wird sie in der Mode rehabilitiert.

Foto: Getty Images
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Es mag gerade nicht den Anschein machen, aber irgendwann wird es wieder wärmer. Irgendwann kommt der Frühling. Und mit ihm die Farbe der nächsten Saison: Pink. Das ist gut. Sogar sehr gut. Und bevor Sie jetzt ausrufen, wie furchtbar, Pink!, wer soll denn das bitte tragen!, also ich sicher nicht!, wollen wir zügig voranschreiten zur Rehabilitation dieser Farbe, die dermassen in Ungnade gefallen ist und das erst noch zu Unrecht.

Weshalb Pink? Weil es viele Designer für die kommende Saison zeigten. Und es weil es vor allem die Hohepriesterin der Mode zeigte, Phoebe Philo von Céline. Mrs Philo ist nicht bekannt dafür, dass sie regelmässig in einen Farbrausch gerät, sie mag es eher dezent. Wenn also ausgerechnet sie auf Pink setzt, dann heisst das was. Zum Beispiel, dass sich der Minimalismus definitiv dem Ende zuneigt und alles wieder etwas verspielter wird inklusive der Farben, denn man ist sich ziemlich einig, dass Philo das besitzt, was sich alle in ihrer Gilde wünschen: dieses untrügliche Gespür dafür, was Frauen tragen wollen.

Phoebe Philos Gespür dafür, was Frauen tragen sollen: Die Designerin von Céline zeigt Pink in der Frühling-/Sommer-Kollektion in Paris. Foto: Getty Images
Phoebe Philos Gespür dafür, was Frauen tragen sollen: Die Designerin von Céline zeigt Pink in der Frühling-/Sommer-Kollektion in Paris. Foto: Getty Images

Was Philo privat anzieht, hat entsprechende Strahlkraft. Dass 2015 der Stan-Smith-Sneakers zum populärsten Turnschuh wurde, hatte eine Menge mit ihr zu tun: Philo trug das Modell bereits 2011, als sie nach der Präsentation ihrer Show auf dem Laufsteg erschien. Die Moderedaktorinnen, damals alle noch in schwindelerregend hohen Hacken durchs Leben staksend, folgten ihr ehrfürchtig und mit ihnen ein wenig verzögert dann der Rest der Menschheit. So geht das mit Dingen, die Mrs. Philo lanciert.

Deshalb jetzt eben: Pink. Aber ach, die Farbe wird es schwer ­haben. Nicht nur schwerer als so etwas Banales wie Turnschuhe, sondern viel schwerer als alle anderen Farben, die jede Frühling/Sommer-Saison neu zum Trend ausgerufen werden. Orange ist so ein Ton, von dem man weiss, dass er verlässlich floppt. Für Orange kann sich niemand erwärmen, dabei ist es im Vergleich zu Pink so neutral wie Hellblau, das im vergangenen Jahr überall zu sehen war: hellblaue Hemdblusen, hellblau-gestreifte übergrosse Hemden, hellblau-getupfte Carmen-Blusen, der Sommer war ein einziges Meer von Hellblau. Hellblau mochten alle, es war frisch und harmlos und neutral.

Pink ist geschlechtermässig besetzt

Ganz im Gegensatz zu Pink. Pink ist besetzt. Es wird mit kleinen Mädchen assoziiert und mit diesem unguten Prinzessinnen-Ding, mit Glitzer und Krönchen und Kitsch, mit Barbie und mit Barbara Cartland, deren romantische Romane sich millionenfach verkauften und die passenderweise ausschliesslich Pink trug. Pink ist die Zuckerwatte unter den Farben, ein wenig klebrig, süss und quietschig und damit eben auch: wahnsinnig weiblich. So weiblich, dass die Brustkrebs-Solidaritäts-Schleifen nur eine Farbe haben konnten, aber sicher doch: Pink.

Die Farbe ist also geschlechtermässig besetzt wie keine andere und machte deswegen immer wieder Schlagzeilen. Mit dem selbst ernannten «härtesten Sheriff der Welt» etwa, der in Maricopa, Arizona, seine Häftlinge rosa Unterwäsche tragen liess. Pink, das war für Sheriff Joe Arpaio völlig klar, ist so weiblich, dass allein das Tragen der Farbe – gern auch in Form von Handschellen – einen Mann umgehend entmannen kann.

Farbiger Wurf: Frühling-/Sommer-Kollektion von Kenzo an den Modeschauen in Paris im Oktober 2016. Foto: Getty Images
Farbiger Wurf: Frühling-/Sommer-Kollektion von Kenzo an den Modeschauen in Paris im Oktober 2016. Foto: Getty Images

Pink ist so weiblich, dass es selbst den Frauen zu viel war. Wer etwas auf sich hielt, ignorierte die Farbe; sie wurde von kichernden, zu blond gefärbten Tussis getragen, am liebsten in Form eines Jogginganzugs von Juicy Couture. Pink sandte die falsche Botschaft aus. 2008 entstand mit Pink stinks! dann auch noch eine Protestorganisation, die sich dagegen wehrt, dass bereits Kinder in geschlechterspezifische Rollen gedrängt werden, sprich: dass es für kleine Mädchen keine ­Superhelden gibt wie für Buben, sondern vor allem albtraumhaft Kitschiges in Pink. Dabei haben die Gründerinnen, die Moore-Schwestern aus Grossbritannien, nichts gegen die Farbe an sich. Aber sie war derart zum Klischee geworden, dass sie sich als Symbol für rückständige Rollenbilder perfekt eignete.

Dass sich gar die Wissenschaft damit beschäftigte, hat aber andere Gründe. 1978 lancierte der Psychologe Alexander Schauss die Theorie, dass gewisse Farbtöne unser Verhalten beeinflussen können. Ein Versuch im Gefängnis von Seattle sollte 1979 zeigen, ob sich Häftlinge in pink gestrichenen Zellen schneller wieder beruhigen, was die Direktoren der Haftanstalt später bestätigten. Sie hiessen Baker und Miller, weshalb der damals verwendete Rosa-Ton heute offiziell Baker-Miller-Pink heisst. Seitdem wird Pink ein besänftigender Effekt nachgesagt.

Der überfeminisierte Farbton soll gut sein für die Linie

Das hat auch ein Mitglied des Kardashian-Klans mitbekommen und letzte Woche mittels Beweisfoto per Twitter verkündet, sie habe eine Wand bei sich zu Hause in eben diesem Baker-Miller-Pink streichen lassen, denn es handle dabei «um die einzige Farbe, ­deren beruhigende und Appetit dämpfende Wirkung wissenschaftlich bewiesen» sei. Das stimmt nicht ganz: Schlüssig nachgewiesen werden konnte die Wirkung des ­Baker-Miller-Pinks nie; in Deutschland wurden vor ein paar Jahren mehrere Versuche damit in Haftanstalten abgebrochen, weil kein positiver Nutzen festzustellen war.

Aber wie ist das jetzt mit der Appetit hemmenden Wirkung? Das ist insofern richtig, als dass man weiss, dass wir ungern von roten Tellern essen. Weil Rot für Gefahr steht. Und weil Rot wiederum der Unterton von Pink ist, scheint sich dieses auf unseren Hunger ähnlich auszuwirken. Welch eine Ironie: dass dieser überfeminisierte Farbton nun auch noch der Bikinifigur förderlich sein soll. Trotzdem spielt das letztlich alles gar keine Rolle. Pink ist eine grandiose Farbe. Sie lässt einen leuchten, sie ist und macht vergnügt. Wer Pink trägt, macht ein Statement, denn Pink braucht Mut. Ganz abgesehen davon, dass eine zünftige Portion Pink im Leben nicht schaden kann.

Pink rules, girls.

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