Als im Bundeshaus die Dämme brachen

Didier Burkhalters Rücktritt überraschte alle – im Rückblick war er zwingend.

Didier Burkhalter bei der Ankunft in Brüssel im April 2016.

Didier Burkhalter bei der Ankunft in Brüssel im April 2016. Bild: Olivier Hoslet/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nichts deutete auf einen spektakulären Nachmittag mit einem Bundesratsrücktritt hin. Der Nationalrat mühte sich am Mittwoch durch eine langweilige Traktandenliste, bis Ratspräsident Jürg Stahl um halb vier den Rücktritt von Aussenminister Didier Burkhalter verkündete: ­Stille im Saal, offene Münder, ungläubiges Staunen. Keiner hatte damit gerechnet. Auch wir nicht – obwohl wir just an jenem Sonntag zuvor, an dem Burkhalter seinen Entschluss fasste, über die Amtsmüdigkeit und politische Isolation des FDP-Mannes berichtet hatten.

Als Burkhalter seine Entscheidung erklärte, war diese «glasklar» – und nicht nur für ihn. ­Irgendwie war es plötzlich völlig logisch, dass der Mann nicht mehr weitermachen konnte und wollte. Und rückblickend betrachtet, wäre es schon lange zu sehen gewesen, jenes Kräuseln des Sees, von dem der Neuenburger immer wieder spricht und das den kommenden Wind, vielleicht gar den Sturm ­anzeigt. Die Sonntags­Zeitung hatte seit Monaten darüber berichtet, dass der Aussenminister auf dem Weg ins politische Abseits war: Ausser­stande, sein ­Projekt eines Rahmenvertrags mit der EU im Bundesrat durchzudrücken, und gleichzeitig ­unfähig, in Alternativen zu denken. Mehr und mehr flüchtete Aussenminister Burkhalter vor Pflicht und Aufgabe.

«Burk­halters ­Distanz 
zu seinem Amt war zu gross ­geworden»

Polit-Bern hat es ihm lange nachgesehen. ­Vorletzte Woche brach dann alles auf – als sei der Punkt erreicht worden, an dem ihn Politiker und Diplomaten aufgeben, ja zum Abschuss ­frei­geben wollten. Plötzlich war bei Recherchen nicht mehr nur die übliche politische Kritik zu hören. Jeder, der mit ihm zu tun hatte, erzählte von ­seiner Amtsmüdigkeit, seiner Gereiztheit und seinem Unwillen zum politischen Dialog oder zum Kampf. Die Dämme im Bundeshaus brachen, Burkhalters Distanz zu seinem Amt war zu gross geworden.

Und man fragt sich: Wie hat es mit jemandem, der seit 30 Jahren Politik als Beruf betreibt, so weit kommen können? Natürlich musste Burkhalter letztlich weg, weil ausgerechnet seine europafreundlichen Partner eine politische Flurbereinigung wollten und der Aussenminister ­dieser im Wege stand. Aber es bleibt auch die ­Erkenntnis: Didier Burkhalter ist kein Machtpolitiker, kein Mann mit Gestaltungswillen. Er ist nicht bereit, gegen Widerstand zu kämpfen oder opportunistisch nach Alternativen zu suchen. Burkhalter, das zeigt er auch im Interview in ­dieser Zeitung, ist ein nachdenklicher und philosophischer Mensch. Er wollte sich in den Dienst von Ideen und nicht von Mehrheiten stellen. Dafür hat er grossen Respekt verdient. Als Aussen­minister war er damit aber am falschen Platz. Und das ist eine doch eher bittere Erkenntnis aus seinem Rücktritt. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.06.2017, 23:07 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Waagrechtstart: An den Festlichkeiten des St. Juliantag in Malta, springt ein Wettkämpfer von einem rutschigen Pfahl und schnappt sich die Fahne über dem Wasser. (20.August 2017)
(Bild: Darrin Zammit Lupi ) Mehr...