«Ich gebe beiden einen Kuss und hole ein Messer aus der Küche»

Der Fall Flaach erschütterte die ganze Schweiz. Natalie K. tötete ihre beiden Kinder. Auszüge aus dem Tagebuch einer Kindsmörderin.

Am letzten Abend Pizza und Fernsehen mit «Alice im Wunderland»: Das Haus in Flaach, in dem Natalie K. mit ihren Kindern lebte. Foto: Michele Limina

Am letzten Abend Pizza und Fernsehen mit «Alice im Wunderland»: Das Haus in Flaach, in dem Natalie K. mit ihren Kindern lebte. Foto: Michele Limina

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ihr Buch, schreibt Natalie K., widme sie «allen Frauen, Männern, Müttern und Vätern». Verfasst hat es die 27-Jährige im Gefängnis. Sie hatte in Flaach ZH ihre Tochter Alessia, 2, und ihren Sohn Nicolas, 5, getötet. Weil sie fürchtete, dass die Kinderschutzbehörde ihr die beiden entzieht und in einem Heim aufwachsen lässt. «Mir ist bewusst, dass nicht jeder Verständnis für mein Verhalten hat, und das wünsche ich mir auch nicht» , erklärt Natalie K. im Vorwort: «Die Wahrheit ist selten angenehm.» Natalie K. nahm sich in der Haft das Leben. Das Manuskript mit ihren Aufzeichnungen liess sie an die Schriftstellerin Zoé Jenny schicken, mit der Bitte, es zu veröffentlichen.

***

Heute ist Dienstag, der 04. 11. 2014, der Tag, an dem alles begann, und gleichzeitig der Tag, an dem alles endete. Es klopft heftig an der Tür, ich setze mich auf den Bettrand und sehe Mike verwundert an. Meine Uhr zeigt 7 Uhr morgens. Ich zieh mir schnell meine Trainerhose an und laufe hinter Mike zur Tür. Polizisten stehen davor und treten sofort ins Haus. Mike wird in das Schlafzimmer gedrängt, und ich gehe zum Esstisch. Die Beamten halten mir einen Haftbefehl hin, gegen mich. Ich lese ihn ungläubig durch: Betrug, Urkundenfälschung und Zechprellerei. Ich verstehe nicht, wie die auf so etwas kommen. Nun sind mindestens ein Dutzend Polizisten in unserer Wohnung und fangen an, alles zu durchsuchen. Ich gehe zu den Kindern und helfe ihnen beim Anziehen. Ich erkläre den Kindern, dass Mami und Papi zu der Polizei müssen und sie zu Omi und Opi gehen. Mike hat sie bereits angerufen, und sie machen sich auf den Weg, um die Kinder abzuholen.

«Ich wollte
nie jemandem schaden.
Ich liebte nur
den falschen Mann»

Jetzt kommen noch mehr Leute herein und stellen sich vor. Sie sind von der Kesb und haben den Auftrag, die Kinder vorübergehend zu hüten. Sie akzeptieren nicht, dass meine Eltern sie zu sich nehmen, bis ich wieder frei bin. Sie versprechen mir aber, gut zu den Kindern zu schauen, bis sie wieder, nach meiner Entlassung aus der U-Haft, zu mir zurückkehren können. Ich frage mehrmals nach, ob ich die Kinder wiederkriege, und jeder der Anwesenden verspricht es mir.

*** Am nächsten Morgen werde ich zu einem zuständigen Polizisten gebracht. Er ist gross, schlank, hat blonde Haare und sieht sehr sympathisch aus. Mir fällt ein Stein vom Herzen, habe ich ein Glück, so einen netten Polizisten zu ­haben.

***

Der Polizist zeigt mir einen sehr grossen Stapel Papier. Das seien alles Anzeigen gegen meinen Mann. Wo ist Mike, den ich liebte? Ich erkenne diesen Mann, von dem der Polizist redet, nicht wieder. Er hat so vielen Menschen geschadet. Den Vermietern, privaten Leuten, Autohändlern und vielen anderen. Mir tun diese Leute schrecklich leid. Ich wollte nie jemandem schaden, aber ich liebte nur den falschen Mann. Jedes Mal, wenn sich ein Geschädigter bei mir gemeldet hat und ich darauf Mike zur Rede stellte, hatte er eine passende Ausrede. Entweder hiess es «Oh, stimmt, muss ich wohl vergessen haben zu bezahlen, ich erledige es sofort» oder «Das ist alles längst bezahlt, die sind nur zu blöd, um richtig nachzuschauen». Wie nur konnte ich mich so in jemandem täuschen?

***

Während der Untersuchungshaft habe ich mir schon Gedanken gemacht, was ich nun alles zu erledigen habe, damit ich mit den Kindern neu anfangen kann. Das Erste ist das Sozialamt, da ich dringend Geld brauche. Ich bin geschockt, als ich höre, was für ein Hungerlohn mir zusteht. Zum Glück helfen mir meine Eltern. Ich habe mich auch um einen Job bemüht, aber auch da habe ich nur Absagen erhalten. Ich war ja in den vergangenen sechs Jahren Mutter und Hausfrau.

***

Ich sitze im Auto meiner Eltern. Wir fahren in das Heim, um die Kinder zu besuchen. Mein Vater erzählt mir, dass sie die letzte Woche gekämpft haben, damit die Kinder zu ihnen ziehen können, anstatt im Heim zu sein. Doch die Kesb blockte nur ab, sie interessierten sich überhaupt nicht und machten sich auch keine Mühe, um zu prüfen, ob eine Platzierung bei den Grosseltern überhaupt infrage kommt. Aber ich bin ja wieder draussen, und ab jetzt haben sie keinen Grund mehr, die Kinder länger im Heim zu behalten.

***

Ich rufe täglich im Heim an, um mit den Kindern zu sprechen. Es ist schön, ihre Stimmen zu hören, aber es schmerzt, zu hören, wie sie weinend fragen, wann sie wieder nach Hause dürfen.

***

Am Dienstagabend, den 16. 12. 2014, erhalte ich vom Vizepräsidenten den wohl schlimmsten Anruf. Er sagt mir, dass er jetzt vor den Ferien keinen Entscheid mehr fällen wird, und so müssen meine Kinder am 05. 01. 2015 wieder zurück ins Heim. Ich sage ihm, dass ich alles getan und eingereicht hätte, was sie wollten, und sie hätten es den Kindern und mir versprochen, dass sie in drei Tagen nach Hause dürfen. Er sagt nur, dass die Kinder es sicher verstehen werden, und es brauche einfach mehr Zeit, um zu sehen, was die Zukunft bringe. Ich kann es nicht fassen, was ich da zu hören bekomme. Nur weil er keinen Bürokram erledigen will, müssen meine Kinder wieder ins Heim!

***

Morgen dürfen meine Kinder endlich wieder zu mir. Ich freue mich schon sehr darauf und meine Kinder auch. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass meine Anwältin erreichen kann, dass sie bei mir bleiben dürfen.

***

Der nächste Tag beginnt wie jeder andere Tag. Morgenkuscheln, Frühstücken und Spielen, und danach wird zusammen gekocht. Auch während des Mittagsschlafs kann ich nicht schlafen. Ich streiche meiner kleinen Maus über die Haare. Sie schläft friedlich in meinem Arm. Nicolas wollte fernsehen, anstatt zu schlafen. Mein Handy piepst, und ich sehe eine neue Mail meiner Anwältin. Diese Mail veränderte alle meine Hoffnungen und löste diese in Luft auf. Sie schreibt, dass unsere Beschwerde abgelehnt wurde. Es steht im Schreiben vom Vizepräsidenten des Bezirksrats, dass mit dem Entscheid vom 19. Dezember 2014 die superprovisorische Massnahme bestätigt wird und aufgrund instabiler Familiensituation in eine vorsorgliche Massnahme übergeht. Ich breche in Tränen aus und schicke die Mail sofort meinem Vater weiter. Sie machen sich sofort auf den Weg zu mir. Meine Kinder versuchen mich zu trösten – aber ich kann mich kaum beruhigen. Sogar der Bezirksrat steht hinter der Kesb – wie soll ich da weiterkämpfen? Ich habe keine Chance und auch keine Hoffnung mehr. Alles, wofür ich gelebt habe, waren meine Kinder. Ich habe alles getan, damit es ihnen gut geht, und ihnen meine ganze Liebe geschenkt. Und nun soll ich zusehen, wie sie psychisch kaputtgehen und in einem Heim aufwachsen sollen? Das kann ich ihnen nicht antun, das haben sie nicht verdient! Ich drücke sie ganz fest an mich und sage ihnen, dass ich sie von ganzem Herzen liebe und immer für sie da sein werde. Meine Eltern haben ebenfalls Tränen in den Augen. Ich weine immer wieder, denn ich weiss nicht, wie ich weitermachen soll. Nach dem Zvieri wollen meine Kinder baden gehen. Sie setzen das ganze Badezimmer unter Wasser.

«Sie halten
ihre Lieblingsstofftiere
in den Armen. Aber sie
schlafen nicht, sie sind tot»

Meine Eltern verabschieden sich wieder, und ich bestelle für mich und die Kinder eine Pizza, 2 Mal Glace und etwas zu trinken. Im Fernseher läuft «Alice im Wunderland», und meine Kinder lachen über die lustige Katze. Nach dem Essen bringe ich Nicolas in sein Bett und gebe ihm einen Kuss und gehe mit Alessia in mein Bett. Sie schläft schnell in meinen Armen ein, und ich nicke auch ein. Richtig aufgewacht bin ich erst wieder im Spital. Vom Rest des Abends habe ich nur zwei schreckliche Szenen im Kopf: Ich stehe neben meinem Bett und sehe beide Kinder in meinem Bett liegen. Sie sind zugedeckt und halten ihre Lieblingsstofftiere in den Armen, aber sie schlafen nicht, sie sind tot. Ich gebe beiden einen Kuss und hole ein Messer aus der Küche. Ich muss sie erstickt haben, weil sie blaue Lippen haben. Da sie schliefen, hat die Bewusstlosigkeit sicher schnell eingesetzt, aber ich kann mich an das nicht mehr erinnern. Ich sehe nur das Bild von meinen zwei toten Kindern im Bett, und es zerreisst mich. Das Nächste, was ich noch weiss, ist, dass ich weiter oben im Wald auf einer Bank sitze. Ich halte ein Messer in der Hand und sehe, wie mir das Blut aus dem Hals läuft. Mein Shirt ist schon voller Blut, aber ich bin noch nicht tot. Ich setze das Messer nochmals an und lasse mich mit Wucht gegen einen Baum fallen. Ich laufe zurück – ich möchte bei meinen Kindern sterben.

***

Heute bin ich genau einen Monat in dieser Hochsicherheitsklinik. Meine kleine Zelle hat ein Gummibett, das steinhart ist, ein Lavabo und ein WC. An der Wand hängt ein Foto meiner Eltern, das sie mir beim ersten Besuch gegeben haben. Abends, wenn ich allein in der erdrückenden Zelle bin, überfallen mich die Gedanken, Angst und Verzweiflung. Ich wünsche mir so sehr einen Neuanfang wie ein Phönix. Das alte Leben muss sterben, und es wird zur Asche, und daraus entsteht ein neuer Phönix. Ich wünsche mir auch einen Neuanfang mit meinen Kindern zusammen im Himmel. Ich weiss jetzt, wie es meinen Kindern im Heim erging, als sie eingesperrt wurden und ihnen die Freiheit entzogen wurde, und das alles nur, weil mein Mann ein Lügner ist. Hier drin in dieser Klinik habe ich Angst und möchte einfach nur noch aus diesem Albtraum fliehen, genau wie bei meinen Kindern. Wie hätte ich sie wieder ins Heim bringen können? Ich habe sie beschützt vor einer schlimmen Zukunft, und wir können jetzt im Himmel endlich für immer zusammen sein, und niemand kann uns je wieder trennen.


Natalie K. «Meine Geschichte beginnt in einem wunderbaren Dorf» Die Aufzeichnungen einer Kindsmörderin. Herausgegeben von Zoë Jenny, Salis-Verlag, 27 Franken

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 21.01.2017, 23:02 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Kesb ist nicht schuld an der Tragödie»

Der Witwer der Frau, die 2015 in Flaach ZH die beiden gemeinsamen Kinder und später sich selbst getötet hat, stand vor Gericht. Er wurde wegen Betrugs und anderer Delikte verurteilt. Mehr...

Fall Flaach: Intime Details «mussten» veröffentlicht werden

Der Zürcher Regierungsrat verteidigt seine Informationspolitik zum Fall der Kindstötung in Flaach. Mehr...

Fall Flaach: Mutter hat Suizid im Brief angekündigt

In einem Brief an ihre Eltern hat die Frau, die in Flaach ihre Kinder getötet hat, ihren Suizid angekündigt. Der Vater macht den Behörden Vorwürfe. Mehr...

Bild

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kühe soweit das Auge reicht: An der traditionellen Viehschau in Schwellbrunn. (25. September 2017)
(Bild: EPA/GIAN EHRENZELLER) Mehr...