Sprengstoff entschärfen

Hunderte Frauen und Männer waren beim Psychiater Harald Oberbauer in Innsbruck und wollten nur eines: das Ende ihrer Qual.

Eifersucht ist Gift: Sie führt zu Streitereien – und manchmal zu Mord. Foto: Getty Images

Eifersucht ist Gift: Sie führt zu Streitereien – und manchmal zu Mord. Foto: Getty Images

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Die Frau rief an und bat aufgeregt um einen Termin. Dass sie 300 Kilometer weit fahren mussten, um von Oberösterreich nach Innsbruck zu kommen, schreckte weder sie noch ihren Mann ab. Der Psychiater und Sprechstundenleiter ­Harald Oberbauer war in ihrer ­verzweifelten Lage die letzte Hoffnung. «Manche Patienten glauben wirklich, ich sei der Wunderwuzzi», sagt dieser mit dem Charme des Österreichers und schüttelt ­abwehrend den Kopf. Dabei ­mache er etwas, was viele andere auch könnten, nämlich Eifersucht ­behandeln. Das sei keine Exklusivität. Immerhin bietet der 54-Jährige die einzige Eifersuchtssprechstunde im deutschsprachigen Raum an. In den letzten 16 Jahren hat er 1300 Betroffene und deren Angehörige gesehen und oft auch therapiert. Gleich viele Männer wie Frauen, der jüngste 17, die ­älteste 92, von der Hilfsarbeiterin bis zum Universitätsprofessor. Er weiss, was pathologische Eifersucht anrichten kann: «Wer zu mir kommt, leidet wirklich.»

Die beiden Oberösterreicher ­gehörten zweifellos dazu. «Dieser Fall hat mich sehr berührt», sagt Oberbauer. Reizend sei das Paar, «zwei kleine Kinder, eigenes Haus, er 40, sie eine Spur jünger, eine ­fesche Person, er ein Lieber, auch ein Flotter». Aber seit einem schweren Autounfall leide er unter einer Hirnschädigung, die seine Reaktionen verlangsame und sein Kurzzeitgedächtnis ­beeinträchtige.

Betroffene sinnen nach Rache

In dieser Zeit habe sich auch die Eifersucht in seinem Leben ein­genistet. Er habe begonnen, seine Frau zu überwachen, sie regel­mässig von der Arbeit abzuholen und ihr vorzuschreiben, dass sie keine Miniröcke tragen dürfe. Streitereien habe er derart eskalieren lassen, dass seine Frau einmal die Polizei gerufen und ihn für ­einige Tage in die Psychiatrie habe einweisen lassen; sie habe Angst gehabt, dass er sich etwas antue.

Oberbauer seufzt. Er sitzt in ­seinem bescheidenen Büro auf der Privatstation der Psychiatrischen Universitätsklinik Innsbruck, wo er leitender Oberarzt ist, und ­faltet die Hände. «Was sehe ich bei dem Mann?» Seine Reaktionen zeugten von einem Eifersuchtswahn, was mit Sicherheit eine Folge seines ­geschädigten Hirns sei. Kurz: Er leide unter einer organisch-wahnhaften Störung, die dringend medikamentös behandelt werden müsse. Glücklicherweise habe der Patient eingesehen, dass er unter einer Krankheit leide, und sei ­bereit, ein Antipsychotikum zu schlucken.

Bietet in Innsbruck eine Eifersuchtssprechstunde: Psychiater Harald Oberbauer in seinem Büro an der Uni. Foto: Martin Mischkulnig

Krankhafte Eifersucht ist Gift. Betroffene leiden Höllenqualen und kommen mit ihrer Not manchmal nur klar, indem sie sich am Partner, am Nebenbuhler oder an der Geliebten rächen. Die Welt­literatur hat tragische Helden unter ihnen angesiedelt: Othello, der im Eifersuchtswahn zum Mörder wird, oder Medea, die ihre eigenen Kinder niedermetzelt, um sich am Mann zu rächen, der sie für eine andere verlassen hat.

Experten schätzen, dass drei von vier Morden aus Eifersucht begangen werden. Jüngstes Beispiel, das um die Welt ging, ist der südafrikanische Behindertensportler Oscar Pistorius, der seine Freundin Reeva Steenkamp, ein 29-jähriges Model, gepeinigt von Eifersucht durch die Badezimmertür ­erschossen haben soll.

Selbst Verfechter der freien Liebe sind vor dem ätzenden Gefühl nicht gefeit. Die französische Journalistin Catherine Millet, die in ihrem aufsehenerregenden Buch «Das sexuelle Leben der Catherine M.» einst beschrieb, wie ausschweifend sie es trieb, wurde zum Nervenbündel, als sie entdeckte, dass auch ihr Mann Affären hatte. Drei Jahre lang durchlebte sie eine existenzielle Krise, aus der sie nur mithilfe eines Psychiaters herausfand.

20 Prozent sind in einem regelrechten Wahn

Harald Oberbauer sagt, dass er Eifersucht aus eigener Erfahrung zwar kenne, davon aber nicht übermässig betroffen sei. Sein ausgeprägtes Interesse an diesem beherrschenden Gefühl sei erst geweckt worden, als er während einer ­zusätzlichen Paar- und Familientherapieausbildung und der Arbeit auf der spitaleigenen Ambulanz mit vielen Beziehungsdramen in Berührung gekommen sei. Dabei habe er gemerkt, welche Sprengkraft krankhafte oder gar wahnhafte Eifersucht entfalten könne.

Überraschenderweise hält der Spezialist Eifersucht per se aber überhaupt nicht für krank. Er mag auch das deutsche Wort nicht: «Denn Sucht kommt von siech, und siech heisst krank.» Er sei vielmehr überzeugt, dass Eifersucht, «normale Eifersucht», wie er ­betont, etwas Liebes- und Beziehungsförderndes sei: «Es ist doch prickelnd, dieses Gefühl ab und an zu spüren und sich dadurch der Liebe zu seinem Partner wieder stärker bewusst zu werden.»

Krankhaft werde die Eifersucht erst, wenn sie die eigene Lebensqualität oder die des Partners anhaltend beeinträchtige. Wenn man sich nicht mehr auf die Arbeit ­konzentrieren könne, kaum noch schlafe, ständig überlege, wo er oder sie jetzt wohl stecke, nachspioniere, hinterherfahre oder heimlich Mails und SMS checke.

«Es ist doch prickelnd, Eifesucht ab und an zu spüren und sich dadurch der Liebe zu seinem Partner wieder stärker bewusst zu werden.»Psychiater Harald Oberbauer

Die Mehrheit der Betroffenen, die er in seiner Sprechstunde sieht, leidet unter krankhafter Eifersucht, in rund 20 Prozent aller Fälle sind sie in einen ­regelrechten Eifersuchtswahn geraten. Darunter ­versteht Oberbauer «die unumstössliche Gewissheit, dass ein Seitensprung vorliegt, auch wenn es diesen real nicht gibt». Dahinter stecke meist eine biologische oder psycho-biologische Ursache: «Eine Störung dieses Ausmasses kommt nicht ­einfach so.» Bei Männern stosse er immer wieder auf eine Impotenz, die sie zutiefst verunsichere und befürchten lasse, ihre Frau werde sich ihre Befriedigung anderweitig holen, weil sie «ihren Mann nicht mehr stehen».

Auch Angst- und Zwangs­erkrankungen, Depressionen und Psychosen könnten einen «sehr ­guten Nährboden für die Entwicklung einer pathologischen Eifersucht» abgeben. Alkoholkranke, die durch jahrelanges Trinken nicht nur ihre Leber, sondern auch ihr Gehirn schädigten, könnten ebenso betroffen sein wie Menschen nach einem Schädel-Hirn-Trauma oder Alzheimerpatienten. Die ­erste Alzheimerpatientin, die in der ­medizinischen Literatur beschrieben wurde, litt denn auch unter einem massiven Eifersuchtswahn.

Im Wissen um diese Zusammenhänge arbeitet der Psychiater eng mit anderen Spezialisten zusammen. Den Mann mit der Impotenz schickt er zum Urologen, den ­Alkoholkranken reicht er an die Drogenspezialisten weiter. Solange es seine Kapazität erlaubt, ­behandelt er Männer und Frauen mit einer psychiatrischen Diagnose selbst.

«Die Gesprächskultur liegt bei vielen Paaren im Argen.»Psychiater Harald Oberbauer

Rund 98 Prozent aller Männer und Frauen, sagt die Forschung, reagierten in bestimmten Situationen eifersüchtig. Zum Beispiel, wenn die Partnerin irritierend oft und aufgeräumt mit dem neuen Nachbarn plaudert. Oder wenn er an einer Party dreimal ausgelassen mit derselben tanzt, was sie fast aus der Haut fahren lässt. «Solange es bei solchen Gefühlen bleibt, liegt alles im Rahmen», beruhigt Oberbauer. Gleichwohl konsultierten manchmal auch solch «normale» Menschen ­seine Sprechstunde – aus Angst, dass die Situation eskalieren und ihnen vollends entgleiten könnte.

Er erzählt das Beispiel einer Mittvierzigerin, die merkte, dass ihre langjährige Ehe Abnützungserscheinungen zeigte. Um die Beziehung etwas zu ­beleben, kaufte sie sich Reizwäsche und begann sich zu schminken. Sie wollte wieder attraktiver werden für ihren Mann. Doch statt Freude und Begehren löste sie latenten Unmut bei ihm aus, der in zunehmend misstrauische Bemerkungen mündete: «Für wen brezelst du dich eigentlich so auf?»

In einem Fall wie diesem sei trotzdem keine Behandlung nötig, gibt Oberbauer Entwarnung. Die beiden müssten sich einfach wieder einmal in Ruhe zusammensetzen und ein Gespräch führen, das klaren Regeln folge: einander zuhören und ausreden lassen, keine persönlichen oder verletzenden Wertungen abgeben, ehrlich über die eigenen Gefühle und Wünsche reden – natürlich auch konkret über die Eifersucht, deren Ursachen, Folgen und Lösungsmöglichkeiten.

«Die Gesprächskultur liegt bei vielen Paaren im Argen», ­bedauert er. Eine beeinträchtigte Paarkommunikation sei ein ­Mangel, der die Entwicklung von Eifersucht begünstige. Wer aber miteinander rede, könne den anderen vielleicht beruhigen und damit einer Eskalation vorbeugen. Allgemein rät Oberbauer zu Transparenz und Offenheit in der Beziehung, auch bei nagenden Themen wie der Eifersucht. Notlügen, etwa zum Umgang mit Personen des ­andern Geschlechts, seien des ­Teufels, würden sie doch Eifersüchtigen nur neue Nahrung geben, wenn sie der Wahrheit auf die Schliche kommen: «Und das kommen sie – garantiert.»

Die Angst, nicht mehr zu genügen

Wenn eine Frau also Lust habe, zur Weihnachtsfeier ihres Betriebs zu gehen, an der auch der Arbeitskollege teilnimmt, von dem sie zu ­seinem Ärger viel zu oft erzählt, solle sie das ohne schlechtes ­Gewissen kundtun, auch wenn der Hausfrieden vorübergehend schief hänge. Er stachele die Partner eifersüchtiger Männer oder Frauen gern etwas auf, sich ihre Freiheiten nicht über Gebühr beschneiden zu lassen: «Alle haben das Recht, ihre Röcke so kurz oder ihre Hosen so eng zu tragen, wie es ihnen gefällt. Das müssen auch Eifersüchtige aushalten.»

Meist gehe es bei diesem Thema ja nicht einmal um eine leibhaftige Konkurrentin oder einen konkreten Nebenbuhler: «Der reale Betrug ist die Ausnahme», sagt Oberbauer, «deutlich mehr Eifersucht schürt die diffuse Angst, eines Tages nicht mehr zu genügen und entsorgt zu werden.» Was dann? Oberbauer zögert. Manchmal helfe in solchen Fällen schon die Einsicht, dass man ein Muster aus der eigenen Kindheit wiederhole, jener Zeit, als die kleine Schwester geboren wurde und einem den alleinigen Platz im Herzen der Mutter streitig machte. Manchmal sei aber auch therapeutische Hilfe nötig, um das offensichtlich fragile Selbstwertgefühl zu stärken.

Dass vor Eifersucht niemand gefeit ist, stellt der Psychiater immer wieder fest. So weiss er von Schwulen, die trotz dem viel beschworenen Bekenntnis zur Promiskuität elend leiden, wenn ihr Liebster in einem Club mit einem Fremden im Darkroom verschwindet. Oberbauer lächelt: «Wir sind nicht so frei, wie wir ­gerne wären.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.06.2017, 21:49 Uhr

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