Die Wehrpflicht ist ein Auslaufmodell

Politik und Armee müssen endlich der Wahrheit ins Gesicht schauen: Es braucht die freiwillige Miliz.

Schweizer Grenadiere bei einem Einsatz im Tessin. Foto: Keystone

Schweizer Grenadiere bei einem Einsatz im Tessin. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Bestand der Armee sei gefährdet, weil es zu viele Zivildienstler und «Abschleicher» gebe. Deshalb soll der Zivildienst unattraktiver und sollen die Abschleicher abgestraft werden. Doch das treibt die Schweizer Männer nicht ­zurück in den Militärdienst, sondern in den Vollausstieg aus der Dienstpflicht über den «blauen Weg» und die Untauglichkeit.

Politik und Armee müssen endlich der Wahrheit ins Auge schauen: Die Wehrpflicht ist ein Auslaufmodell. Die Schweizer Männer stehen heute in Beruf und Studium in harter Konkurrenz zu Ausländern und Frauen und stellen nur noch eine kleine Minderheit dar. Bei den 30- bis 35-Jährigen ist der Ausländeranteil heute über 40 Prozent, entsprechend der Anteil der Schweizer Männer unter 30 Prozent. Wenn ungleich behandelte Minderheiten ihren Lasten ausweichen, ist das wenig überraschend.

«Als Freiwillige dienen die überdurchschnittlich Motivierten»

Darauf wurde schon lange, aber falsch reagiert. Mit den letzten Armeereformen wurde die Dienstlast weg von den politisch einflussreicheren Älteren und ihren Arbeitgebern auf die ganz Jungen verschoben. Die faktische Dienstaltersgrenze für Soldaten sank von 42 auf rund 27. Dadurch wurde der Bestand der Armee etwa gedrittelt. Weil aber die Pflichtdiensttage pro Mann nur wenig sanken, blieben die insgesamt geleisteten Diensttage und so die volkswirtschaftlichen Kosten etwa konstant. Zugleich wurde das Verhältnis von teurer Grundausbildung und effektiver Dienstzeit immer ungünstiger. Zudem ist die Kampfkraft von so jungen Truppen eingeschränkt.

Für die Schweiz gibt es deshalb nur eine sinnvolle Armeeform: die freiwillige Miliz. Die Freiwilligen werden anständig entschädigt und leisten ihren Dienst in kurzen Kursen. Als Freiwillige dienen die überdurchschnittlich Motivierten. Sie sind leistungsorientierter und lernwilliger und leisten zumeist über lange Jahre Dienst. Das macht die Truppe militärisch stärker und fördert die Verbundenheit von Volk und Militär, die Bildung wertvoller Netzwerke sowie den Transfer ziviler Fähigkeiten.

Eine freiwillige Miliz ist volkswirtschaftlich günstiger und militärisch stärker als eine Zwangsmiliz oder eine Berufsarmee. Die Kosten sinken dank kleineren Beständen, weniger jährlichen Diensttagen, höherer Effizienz und weil dank der langjährigen Dienstleistung jährlich viel weniger Personen die teure Grundausbildung durchlaufen müssen.

Selbstverständlich gäbe es in der Schweiz mehr als genügend bestens qualifizierte Freiwillige. Bei einem Bestand von 50 000 Mann und Frau und einer Durchschnittsdienstzeit von 20 Jahren müssten pro Jahrgang nur 2500 Freiwillige rekrutiert werden, das heisst, weniger als jeder dreissigste Schweizer oder Schweizerin. Zudem könnten viele später eingebürgerte Schweizer für den Dienst gewonnen werden.

Natürlich braucht der Aufbau einer freiwilligen Miliz Zeit. Aber wir können sofort damit beginnen: Die Armee soll den guten Soldaten, die ihre Dienstpflicht abgeleistet haben, ein Bleibeangebot als Freiwillige machen. Dann wäre das ­Bestandesproblem sofort gelöst. Danach könnte die Freiwilligkeit sukzessive aus- und der Zwang abgebaut werden. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.06.2017, 07:54 Uhr

Reiner Eichenberger ist Professor für Theorie der Wirtschafts- und Finanzpolitik an der Universität Freiburg (Schweiz). Er hat 1991 im Auftrag der Schweizer Armee das Konzept einer freiwilligen ­Miliz entwickelt.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Geldblog Bezahlen fürs Pflegeheim der Mutter?

Die Welt in Bildern

Klein übt sich: Ein Gruppe Mittelschüler in Hangzhou, China, absolviert eine Militärübung. (August 2017)
Mehr...