Chefs von Lafarge wussten von heiklen Deals

Schutzgeld- und Lösegeldzahlungen an islamistische Rebellen in Syrien waren der Konzernzentrale in Paris bekannt.

Mit Terrorgruppen kollaboriert: Zementfabrik der Lafarge-Gruppe in Jalabiya bei Aleppo. Foto: Daniel Riffet

Mit Terrorgruppen kollaboriert: Zementfabrik der Lafarge-Gruppe in Jalabiya bei Aleppo. Foto: Daniel Riffet

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der weltgrösste Zementhersteller LafargeHolcim gab diese Woche zu, dass die französische Lafarge-Gruppe in den Jahren 2013 und 2014 mit islamistischen Terrorgruppen in Syrien kollaboriert hatte. In der Fabrik Jalabiya, nahe Aleppo, hatten die örtlichen Verantwortlichen gemäss einer internen Untersuchung Wegzölle an bewaffnete Gruppen gezahlt, um sicherzustellen, dass die Mitarbeiter ungehindert das Werk ­betreten und verlassen konnten.Ausserdem wurden Schutzzölle gezahlt, damit Rohstoffe in die Fabrik gebracht und Fertigprodukte ausgeliefert werden konnten.

Bestens informiert: Ex-Lafarge-Chef Bruno Lafont (l.), der heutige CEO Eric Olsen. Foto: PD

Konzernchef Eric Olsen versuchte, die Schuld auf die örtlichen Verantwortlichen abzuladen. «Aufgrund der Untersuchung ist zu schliessen, dass das lokale Unternehmen Gelder an Dritte zahlte», liess er am Donnerstag verlauten. «Die für Syrien Verantwortlichen» hätten erhebliche Fehleinschätzungen getätigt, die nicht mit dem geltenden Verhaltenskodex vereinbar waren. Von einer Mitverantwortung der Konzernzentrale in Paris war nicht die Rede.

Tägliche Telefonkonferenz zwischen Syrien und Paris

Doch die Lafarge-Chefs waren bestens im Bild. Nachdem im Frühling 2013 zuerst Kämpfer der Al-Nusra-Front und dann des sogenannten Islamischen Staates (IS) die Gegend eingenommen hatten, fand eine tägliche Telefonkonferenz der Lafarge-Leute in Syrien, ihres aus Sicherheitsgründen nach Kairo verlegten Vorgesetzten und Vertretern des Konzern-Sicherheitsdienstes in Paris statt. Dabei wurde über operative und Sicherheits-Belange gesprochen, und ­Paris wurde über die Schutzgeldzahlungen informiert.

Regelmässige Teilnehmer der Telefonkonferenz waren laut einem Insider auch ein hochrangiges Kadermitglied – der Chef des Geschäftsbereichs Afrika und Naher Osten –, sowie Vertreter der Konzernkommunikation und der Personalabteilung.

Diese Information ist brisant, denn bis Ende August 2013 war Eric Olsen als Konzernleitungsmitglied Chef für Organisatorisches und Personal. Damit musste er von den Schutzgeldzahlungen gewusst haben. Auch Konzernchef Bruno Lafont war gemäss dem Insider im Bild. Ein Sprecher von LafargeHolcim will sich dazu nicht äussern, dementiert die Information aber auch nicht.

Am Donnerstag war bekannt geworden, dass Lafont den Verwaltungsrat verlässt. Ob sein Rücktritt im Zusammenhang mit den Zahlungen in Syrien steht, ist nicht bekannt. Der heutige Konzernchef Olsen sprach von einem «persönlichen Entscheid» Lafonts.

Er kündigte personelle Konsequenzen an, falls die Abschlussuntersuchung Verstösse gegen Gesetze und den Verhaltenskodex belegen sollte. Sich selbst sieht er nicht in der Verantwortung. Durch einen Sprecher lässt er ausrichten, «dass er an den täglichen Briefings betreffend Syrien nicht teilgenommen hat und dass er nie für die ­geschäftlichen Aktivitäten von Syrien zuständig war».

Bezahlt wurden 13 Tranchen von umgerechnet rund 100 000 Euro. Während LafargeHolcim nur die Zahlung von Schutzgeldern bestätigt, spricht der damalige Sicherheitsverantwortliche von Lafarge in Syrien, Jacob Waerness, auch von Lösegeldern. In einem Buch über seine Erlebnisse schrieb er, dass er bewaffneten Rebellengruppen Lösegelder bezahlen musste, um entführte Mitarbeiter zu befreien. Auf einem Bild, das Waerness auf Instagram veröffentlichte, ist laut seinen Angaben zu sehen, wie Mitarbeiter das Lösegeld zählen. Von den Wegzöllen, die Lieferanten und Kunden von Lafarge abgepresst wurden, habe auch der IS profitiert.

Es läuft ein Verfahren wegen Terrorfinanzierung

Trotz der täglichen Informationen unterliess es Lafont, die Fabrik zu schliessen. Lafarge betrieb sie noch bis September 2014, bis der IS das Gelände stürmte.

LafargeHolcim selbst bestätigt nicht, dass Lösegelder bezahlt wurden. Ein Sprecher sagt: «Die Firma kommentiert Sicherheitsarrangements nie, weil damit das Leben und die Sicherheit der Mitarbeitenden in allen Ländern, in welchen LafargeHolcim tätig ist, kompromittiert werden könnte.»

Die Schutzgeld- und Lösegeldzahlungen können LafargeHolcim in grosse rechtliche Probleme bringen. Eine französische Nichtregierungsorganisation und ehemalige Angestellte in Syrien haben im November bei einem Pariser Gericht Klage gegen das Unternehmen wegen Terrorfinanzierung, Beihilfe zu Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingereicht.

Mitarbeiter der Lafarge-Fabrik in Syrien beim Zählen des Lösegelds. Foto: PD

Ausserdem droht LafargeHolcim ein Verfahren wegen Missachtung von EU-Sanktionen gegen ­islamistische Gruppierungen in ­Syrien, darunter den IS. Das französische Wirtschaftsministerium hat eine Klage eingereicht. Weitere Klagen wegen Sanktionsverstössen und Terrorfinanzierung sind nicht ausgeschlossen, etwa in den USA. Das könnte für LafargeHolcim teuer werden. Bislang hat das Unternehmen für die Rechtsstreitigkeiten keine Rückstellungen gebildet, weil über die Höhe allfälliger Strafzahlungen keine Gewissheit herrscht.

An der Qualität der internen Untersuchung von LafargeHolcim gibt es Zweifel. Jacob Waerness wurde dazu bis heute nie befragt, obwohl er die Vorgänge in Syrien wohl wie kein Zweiter kennt. Auf Facebook beklagte er sich gestern: «Das Statement (von LafargeHolcim) lässt es an Tiefe vermissen, möglicherweise weil die Untersuchung mangelhaft ist. Ich bin überrascht, dass das Untersuchungsteam mich nie kontaktiert hat, obwohl ich in der Mitte der Geschehnisse war. Ich habe das Gefühl, dass sie vielleicht nicht alle Details kennen wollten.» Der Unternehmenssprecher will sich zu diesem Vorwurf nicht äussern.

Erstellt: 04.03.2017, 23:02 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Klebriger Protest: Eine PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) Aktivistin protestiert im Vorfeld der Mailänder Fashion Week gegen die Lederindustrie indem sie sich mit schwarzem Schleim übergiesst. (18. Februar 2020)
(Bild: Flavio Lo Scalzo) Mehr...