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«Das Alter ist ein gerechtes Kriterium»

Gesundheitsökonom Stefan Felder fordert Leistungskürzungen in der Grundversorgung.

Sie wollen die medizinische Versorgung für Allgemeinversicherte einschränken. Warum? Es kann nicht ewig so weitergehen mit der Kostensteigerung. Nicht alles, was medizinisch machbar ist, ist für die Allgemeinheit auch bezahlbar. Ich sehe keinen anderen Weg, als dass wir den gesetzlichen Leistungskatalog einschränken. Wir sollten Leistungen, bei denen das Kosten-Nutzen-Verhältnis ungünstig ist, streichen und der privaten Zusatzversicherung überlassen.

Woran denken Sie? Zum Beispiel an das systematische Brustkrebs-Screening oder den PSA-Test in der Vorsorge gegen Prostatakrebs. Oder auch an die teuren Operationen des vorderen Kreuzbandes beim Knie, die sich als relativ sinnlos herausgestellt haben. Irgendwann kommt das künstliche Herz – wir müssen uns fragen, ob das wirklich jeder, der es braucht, bekommen soll. Das wäre extrem teuer.

Soll die Medizin für alte Leute rationiert werden? Das Alter ist ein einfaches und auch gerechtes Rationierungskriterium – vorausgesetzt, der Staat informiert die Bürger frühzeitig. Ich denke, es muss diskutiert werden, ob die Allgemeinheit beispielsweise neue Hüftgelenke auch für 85-Jährige bezahlen soll. Jedenfalls kommt die Solidargemeinschaft an ihre Grenzen, und wir sollten über eine Altersrationierung reden.

Die Leute wollen Zugang zur Spitzenmedizin für alle. Wie lässt sich da Rationierung rechtfertigen? Es steht seit 20 Jahren im Gesetz, dass medizinische Leistungen nicht nur wirksam und zweckmässig, sondern auch wirtschaftlich sein müssen. Hohe Kosten bei gleichzeitig geringer Wirkung rechtfertigen somit den Ausschluss einer Leistung. Wir tun es nur nicht.

Wo wollen Sie die Grenze ziehen? Man legt einen Höchstbetrag fest, der angibt, was uns ein qualitätsbereinigtes Lebensjahr wert ist. In der Fachsprache nennt man das ein Qaly.

Was ist das? Damit misst man den Nutzen einer medizinischen Intervention. Wenn zum Beispiel eine Krebstherapie das Leben im Durchschnitt um ein halbes Jahr verlängert und diese zusätzliche Zeit in einem guten Gesundheitszustand verbracht werden kann, ist der Nutzen ein halbes Qaly. Falls der Gesundheitszustand schlecht ist, beträgt der zusätzliche Nutzen vielleicht nur ein viertel Qaly.

Und was dürfte ein ganzes zusätzliches Lebensjahr kosten? Das Bundesgericht hat diesen Wert in einem Grundsatzurteil auf 100 000 Franken veranschlagt. Ich sähe ihn eher bei 150 000 Franken. Das bedeutet: Leistungen, die für diesen Preis ein zusätzliches Qaly ermöglichen, wären im Leistungskatalog eingeschlossen – diejenigen, die das nicht erfüllen, wären nicht gedeckt. Mit der Zusatzversicherung könnte sich der Versicherte einen Betrag bis zu 250 000 oder mehr abdecken lassen.

Mit 20 denke ich nicht ans Lebensende und habe für eine Zusatzversicherung auch kein Geld – und mit 50 nimmt mich die Privatversicherung nicht mehr. Wie lösen Sie das Problem? Das lässt sich nicht ändern. Der Schutz des Staates gilt nun mal nur für die Basisversorgung. Alles andere ist privatrechtlich zu regeln – mit allen Unwägbarkeiten eines privaten Versicherungsmarktes. Das ist im Bereich der Lebensversicherungen auch nicht anders. Aber natürlich braucht es eine Übergangsfrist, sodass sich die Bürger frühzeitig auf das neue System einstellen könnten.

Ihr Vorschlag führt zu einer Zweiklassenmedizin. Stört Sie das nicht? Die gibt es heute schon – nur dass sie im Versteckten abläuft. Die Ärzte rationieren bereits. Das widerspricht aber dem Gleichbehandlungsgebot. Wenn wir mit klaren Kriterien festlegen, was bezahlt wird und was nicht, wäre das eine Rationierung, die sehr transparent ist.

Interview: Catherine Boss

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