Das Baby-Business

Letzte Woche fand in Berlin die erste Kinderwunschmesse statt. Der Fortpflanzungstourismus floriert. Besonders umschwärmt: Paare aus restriktiven Ländern wie der Schweiz.

Künstliche Befruchtung: Die Gefahr, finanziell ausgenutzt zu werden, ist gross. Foto: Getty Images

Künstliche Befruchtung: Die Gefahr, finanziell ausgenutzt zu werden, ist gross. Foto: Getty Images

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Für alle wichtigen Dinge des Lebens gibt es eine Messe: Hochzeitsmessen für den schönsten Tag im Leben, Ferienmessen für die schönsten Wochen im Jahr. Messen für Wohnen, Auto und Garten. Und Babymessen. Passend zum Lebensentwurf, der in vielen tief verankert ist: Heirat, Haus und Kinder – mit allem, was dazugehört. Weil aber eben nicht immer alles nach Plan läuft, gibt es nun auch Kinderwunschmessen; vergangenes Wochenende fand die erste in Deutschland statt. Eintritt: 20 Euro.

Über 40 Aussteller präsentierten sich in einem Berliner Businesshotel: diverse Fruchtbarkeitskliniken, deutsche, tschechische, amerikanische, spanische. Alternative Angebote wie Fruchtbarkeitsmassagen und Kinderwunschyoga «zur Stimulierung hormonausschüttender Drüsen zum inneren Ausgleich in der Kinderwunschzeit». Und Samenbanken, darunter die weltweit grösste aus Dänemark, bei der auch Schweizerinnen fleissig bestellen: zwölf «Selbstbefruchtungskits» pro Woche, wie kürzlich in «Le Matin» nachzulesen war.

Infomesse statt Google-Lotterie

Spermien und Eizellen aus Plüsch hingen als Deko von der Decke, es gab Sperma-Gummibärchen zum Naschen, und wie es echte Spermien durch die «Spermahölle» Gebärmutterhals schaffen, erfuhren die Besucher an einem der über 60 Vor­träge. Gut für die Spermaqualität: Tomaten, Melonen, dunkle Schokolade. Nicht so gut: Koffein, enge Unterwäsche und mehr als 20 Stunden Fernsehen pro Woche.

Die Idee der Messe: einen Überblick der unterschiedlichsten Behandlungsmethoden zu bieten und das alles an einem Ort vereint. «Die einzige Alternative, die Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch haben, ist die Google-Lotterie, die einen Haufen Fehlinformationen hervorbringt», sagt der Messedirektor David McAllister von der Agentur F2F Events aus Grossbritannien. Dort gibt es bereits «Fertility Shows», an denen sich die Kinderwunschmesse orientierte. Berlin war aber erst der Anfang. «Wir wollen die Messe an verschiedene Orte in Europa bringen. Auch die Schweiz steht zur Diskussion.»

Messe als Anleitung, um Gesetze zu umgehen

Pikanterweise präsentierte die Messe auch Methoden wie die Eizellenspende und die Leihmutterschaft, die in Deutschland verboten sind, genau wie in der Schweiz. Wer hierzulande fremde Eizellen verwendet, kann mit Haft oder einer Busse von bis zu 100 000 Franken bestraft werden. Wer dafür aber ins Ausland reist, bleibt unbehelligt.

«Menschen, die versuchen, Eltern zu werden, wollen selbst entscheiden, wie sie sich behandeln lassen, und zwar unabhängig von länderspezifischen Gesetzen.» David McAllister, Messe-Direktor

Die Messe sei eine Anleitung dafür, Gesetze zu umgehen, und mache Werbung für Methoden, die ethisch inakzeptabel seien, empörten sich die Kritiker. David McAllister wehrt sich: «Der Fruchtbarkeitstourismus ist Realität. Menschen, die versuchen, Eltern zu werden, wollen selbst entscheiden, wie sie sich behandeln lassen, und zwar unabhängig von länderspezifischen Gesetzen.»

Restriktives Schweizer Fortpflanzungsmedizingesetz

Schätzungsweise 80 000 europäischen Paaren mit Kinderwunsch sind Methoden der künstlichen Fortpflanzung in ihrem Land verwehrt – das ­Geschäftspotenzial für ausländische Kliniken, in denen anderswo verbotene Methoden erlaubt sind, ist also riesig. Besonders umschwärmt: Paare und Singles aus Ländern mit strengen Gesetzen.

Die Schweiz hat eines der restriktivsten in Europa, wenngleich das neue Fortpflanzungsmedizingesetz, das kommenden Herbst erwartet wird, einige entscheidende Verbesserungen bringt. Neu erlaubt sind die Präimplantationsdiagnostik und die Möglichkeit, Embryos einzufrieren, nicht aber die Eizellenspende, obwohl man sie seit längerem der Samenspende gleichstellen will.

Deutlich mehr Kinderwunschtouristen

Frauen aus der Schweiz bleiben also potenzielle Kundinnen des Kinderwunschtourismus. 2016 ­haben sich allein in der spanischen Klinikgruppe IVI mehr als 300 Schweizerinnen behandeln lassen. Laut Sprecher Ricardo Pedrós sind das doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Die meisten reisten für eine Eizellenspende an; ab rund 7200 Franken ist man dabei, wie auf der Website nachzulesen ist – auf Deutsch übersetzt, wie bei fast ­allen anderen Anbietern auch.

«Spätestens ab ungefähr 42 bleibt als einzige Möglichkeit die Eizellenspende.»Felix Häberlin, Reproduktionsmediziner

Zum Vergleich: In der Schweiz kostet die In-vitro-Fertilisation 4000 bis 10 000 Franken; etwa 6500 Paare lassen sich jährlich damit behandeln. «Sie ist aber kein probates Mittel bei spätem Kinderwunsch», sagt Felix Häberlin, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin. Das sei ein grosser Irrtum in der Bevölkerung. «Spätestens ab ungefähr 42 bleibt als einzige Möglichkeit die Eizellenspende.»

Schweizer Ärzte verweisen Patientinnen ins Ausland

Im Gegensatz zu deutschen Ärzten, die Patientinnen für solche Behandlungen nicht ins Ausland vermitteln dürfen, tun das ­deren Schweizer Kollegen ganz ­offen. Laut Felix Häberlin steht das nicht im Widerspruch zum geltenden Recht. «Wir sind gesetzlich sogar verpflichtet, unsere Patientinnen umfassend zu beraten. Wir dürfen nicht verschweigen, was heute weltweit eine Option ist.»

Das ProCrea Swiss Fertility Center in Lugano – eines von 29 Schweizer Zentren für Fortpflanzungsmedizin – wirbt im Web sogar selber dafür: «Unser Zentrum für künstliche und heterologe Befruchtung führt Eizellspende-Behandlungen (in Italien) durch.»

Ausländische Kliniken bemühen sich um Schweizer

Die Konkurrenz unter den Reproduktionsmedizinern wächst. «Ich erlebe bei meinen Klienten immer wieder, dass sich vereinzelte Kliniken, vor allem aus Spanien, sehr intensiv um sie bemühen. Teilweise werden auch teure Diagnostikmethoden und zusätzliche Techniken empfohlen, die verfrüht oder unnötig sind», sagt die Zürcher Psychologin Karin Schmidt, die Paare mit unerfülltem Kinderwunsch betreut. In Foren hätten Kliniken aus Tschechien und der Ukraine sogar angefangen, sich als Betroffene auszugeben, um dann subtil Werbung für bestimmte ­Zentren einzustreuen.

Das Problem ist, dass Paare mit unerfülltem Kinderwunsch besonders anfällig dafür sind – wegen der tiefen Sehnsucht nach einem Baby und der Tatsache, dass ihnen nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht. Die Gefahr, finanziell ausgenutzt oder enttäuscht zu werden, ist entsprechend gross. Kinderwunschbehandlungen seien mancherorts unbestritten eine Industrie, sagt Felix Häberlin. «Aber Reproduktionsmediziner sind nicht einfach Frankensteins oder rücksichtslose Geschäftsmänner, auch im Ausland nicht.»

Die rechtlichen Grenzen der Schweiz sind für Paare meist nicht relevant, wenn sie sich für eine Behandlungsart entscheiden.

Genauso wenig wie Paare, die sich ein Kind wünschen, alles mitmachen und jede Grenze überschreiten würden. Das sieht auch Karin Schmidt so. Die rechtlichen Grenzen der Schweiz seien für Paare zwar meist nicht relevant, wenn sie sich für eine Behandlungsart entscheiden, ethisch-moralische hingegen schon: «Bisher hatten alle meine Patienten eine persönliche Grenze, die sie auch für einen noch so starken Kinderwunsch nicht überschreiten wollten, zum Beispiel die Leihmutterschaft.»

Rund 1000 Franken für gespendete Eizelle

Die persönliche Grenze ist jedoch relativ, und die Akzeptanz für die Möglichkeiten der Medizin wächst stetig. Als 1978 das erste In-vitro-Baby zur Welt kam, wurde dies noch kontrovers diskutiert. Inzwischen gibt es rund fünf Millionen Menschen, die künstlich gezeugt wurden. Bald wird man Spermien und Gebärmütter züchten und vieles mehr.

Nur: Wie weit wollen wir gehen? Dieser Frage geht auch der österreichische Dokumentarfilm «Future Baby» nach, der letztes Jahr am Zurich Film Festival lief und nun auf DVD erhältlich ist. Die Filmemacherin Maria Arlamovsky ist dafür zu Kliniken, Paaren und Spenderinnen in aller Welt gereist, auch zu einer jungen Spanierin, die sich unter Narkose Eizellen entnehmen liess. Sie wolle anderen helfen, aber natürlich tue sie es auch wegen des Geldes – pro Spende gibt es rund 1000 Franken.

Trailer «Future Baby»

Arlamovsky war auch dabei, als junge Mexikanerinnen so nebenbei im Gang einer Klinik über die Leihmutterschaft aufgeklärt wurden. Und sie begleitete verschiedene Paare, etwa ein deutsches, das sich, nachdem die Küche im neuen Haus abbezahlt war, per Eizellenbehandlung «ein Kind anschaffen» wollte und dafür eine Hypothek aufgenommen hatte. Am Ende überliess Arlamovsky die Antwort auf die Frage «Wie weit wollen wir gehen?» aber den Zuschauern.

Kinderwunschmesse thematisierte Ethikfrage nicht

Bei der Berliner Kinderwunschmesse wurde diese Frage gar nicht erst thematisiert. «Wir haben alle einen anderen ethischen und moralischen Kompass. Meiner Meinung nach ist es einzig und allein an den Eltern zu entscheiden, ­welche Behandlung sie in Anspruch nehmen wollen, solange diese irgendwo rechtlich erlaubt ist», sagt Veranstalter David Mc­Allister.

Die Berliner Messe macht deutlich, dass beim Kinderwunsch Grenzen kaum mehr eine Rolle spielen, vor allem nicht geografische. Das zeigt auch das Beispiel Samenspende, die in der Schweiz nur verheirateten Paaren vorbehalten ist. Ein paar Klicks auf der dänischen Samendatenbank, und man erhält Namen, Grösse, Gewicht, Beruf, Spermienqualität und sogar Kinderfotos des Spenders. Für knapp 650 Franken ist das «Selbstbefruchtungskit» unterwegs in Richtung Schweiz. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.02.2017, 21:42 Uhr

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