Das Buch, das seine Leser zum Weinen bringt

Hanya Yanagiharas Literatursensation «Ein wenig Leben» verschlingt sich selbst – und das Publikum gleich mit.

Hanya Yanagihara: Die 960 Seiten entwickeln eine Schwerkraft, die alles mit sich reisst.

Hanya Yanagihara: Die 960 Seiten entwickeln eine Schwerkraft, die alles mit sich reisst. Bild: Chris McAndrew/Camera Press/Keystone

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Es kommt nicht häufig vor, dass ein Literaturkritiker im «New Yorker» davor warnt, ein Buch könne den Leser verschlingen. Schliesslich ist das kein Qualitätsmerkmal für Literatur. Und doch schreibt Jon Michaud in seiner Rezension zu «A Little Life»: «Yanagiharas Roman kann Sie verrückt machen, Sie verschlingen und Ihr Leben übernehmen.» Auf die Shortlist des Man Booker Prize und ins Finale des National Book Award kam der Roman aber nicht deshalb, weil er die Jury zu Tränen rührte. Seine Anziehungskraft erschöpft sich nicht im Melodramatischen, ihre Quelle liegt tiefer.

Hanya Yanagihara wurde 1975 in Los Angeles geboren und ist hawaiianischer Abstammung. Schon in ihrem Erstling «The ­People in the Trees» (2013) widmete sie sich dem Thema Missbrauch. Während damals aus der Täterperspektive erzählt wurde, konzentriert sich «Ein wenig Leben» auf das Opfer. Der Roman erzählt von der Freundschaft zwischen vier Männern in New York.

Die Handlung setzt ein, als Malcolm, JB, Willem und Jude 27?Jahre alt und dabei sind, sich eine berufliche Zukunft aufzubauen. Zusammengeschweisst durch Collegenächte, die sie zusammen in einem Viererzimmer verbracht haben, werden die vier auch die nächsten drei Jahrzehnte miteinander in Kontakt bleiben, denn so weit erstreckt sich die Handlung des Romans.

Das meergrüne Garn der Adern auf dem Handrücken

Erzählerisch entscheidender als die Gegenwart sind allerdings die Schnitte, die die Erzählung in die Vergangenheit setzt, um sie auszuweiden und zum Vorschein zu bringen, was Jude von seinen Freunden unterscheidet. Denn nach der ausführlichen Einführung, die Malcolm, JB und Willem vorstellt, schwenkt die Erzählperspektive auf Jude und kommt bis zum Ende nicht mehr von ihm los. Schnell wird klar, dass ihn sehr viel dunklere Ängste quälen als seine Freunde. Jude ist das Epizentrum der Handlung. Um ihn kreist alles, was sich fortan ereignen wird.

Immer wieder hat er Schmerzanfälle. Erkennbar werden sie «an dem konstanten, kolibrihaften Flattern» seiner Lider und «an der Art, wie er die Hand so fest zur Faust ballte, dass Willem das meergrüne Garn seiner Adern auf dem Handrücken hervortreten sah». Aber er sagt seinen Freunden nicht, woher die Schmerzen kommen. Und die Freunde fragen ihn nicht. Sie wissen auch nicht, warum Jude keine Eltern hat. Oder was es mit seiner Kindheit im Kloster auf sich hat. Auch für den Leser bleibt lange unklar, warum Jude so sehr leidet, was es mit seinem Hinken auf sich hat und warum er nie eine Freundin oder einen Freund ­hatte.

«Sein Gehirn erbrach Erinnerungen, sie überfluteten alles andere — er dachte an Menschen, Empfindungen und Ereignisse, an die er seit Jahren nicht gedacht ­hatte. Geschmäcker erschienen auf seiner Zunge wie durch Alchemie; er roch Dinge, die er seit Jahren nicht gerochen hatte. Sein System war gestört; er würde in seinen Erinnerungen ertrinken.» Die bilderreiche Sprache Yanagiharas entfaltet langsam, was diese tiefe Wunde in Jude geschlagen hat. Und diese Kindheit hat nicht nur körperliche Narben hinterlassen. Erinnerungen an sie blitzen in Judes Flashbacks auf, schreckliche Ereignisse, auf die Andeutungen der ­Erzählstimme vorausweisen.

Jude ist ein Büsser, auf den keine Erlösung wartet

Man könnte der Autorin vorwerfen, dass sie gelegentlich mit Cliffhangern und Thrillerelementen Spannung erzeugt, etwa dort, wo sie andeutet, dass Jude seinen Mentor Harold hintergehen wird: «Er weiss es noch nicht, aber in kommenden Jahren wird er Harolds Treueschwur wieder und wieder auf die Probe stellen, wird sich gegen seine Versprechungen schleudern, um ihre Festigkeit zu prüfen.» Tatsächlich wären solche Vorausdeutungen unredlich, wenn es ihr nur darum ginge, den Leser bei der Stange zu halten, indem sie seinen Voyeurismus häppchen­weise mit Horror füttert.

Doch wenn man den Roman insgesamt betrachtet, muss man die Autorin verteidigen. Es ist konsequent, dass sie das Erzählen verzögert, denn tatsächlich handelt «Ein wenig Leben» vor allem von der Sprachlosigkeit, die von Jude ausgeht. Nicht einmal sein bester Freund Willem wagt zu fragen, warum Jude stets lange Ärmel trägt. Er fürchtet sich vor der Antwort. Jude ritzt sich die Arme mit Rasierklingen auf, um die «Hyänen» der Vergangenheit zu bändigen. Er verfügt selbst «nicht mehr über die dafür notwendige Sprache», um darüber zu sprechen, was ihm geschehen ist. Das Schweigen, das ihn anfangs schützen sollte, droht ihn zu erdrücken.

Dabei unternimmt Jude immer wieder Versuche, aus der Sprachlosigkeit auszubrechen. Die Splitter, die er dann preisgibt, treiben die Handlung des Romans in die Vergangenheit zurück. Wie die Rasierklingen, die Jude sich ins Fleisch rammt, um mit dem jähen Schmerz die Scham zu übertönen, gräbt sich die Erzählstimme in ­Judes Vergangenheit. Der Leser nimmt nicht nur am Martyrium seiner Kindheit teil, er wird zugleich zum Zeugen seiner Selbstzerfleischung. Jude ist ein Schmerzensmann, ein Büsser, auf den ­keine Erlösung wartet.

«Die Dunkelheit, die Jude umgibt, verschluckt alles Licht und alle Fröhlichkeit.»

Hanya Yanagihara hat den Roman als Versuchsanordnung an­gelegt: Was passiert, wenn in der Mitte der Handlung ein schwarzes Loch liegt, dessen Schwerkraft so stark ist, dass kein Licht, keine ­Materie und keine Information nach aussen dringen kann? Diese Anordnung treibt das Erzählen selbst in eine Krise. Der Roman kreist mit immer grösserer Geschwindigkeit um eine Hauptfigur, die sich dem Erzählen verweigert. Dass das über 960 Seiten spannend bleibt, ist grosse Kunst. Die Autorin erzählt nicht von einem Trauma, sie macht das Trauma selbst zu einem Modus des Erzählens und nähert sich seinem Ursprung in konzentrischen Kreisen.

Zwar hat Jude irgendwann alles erreicht, was ein neben einer Mülltonne ausgesetztes Waisenkind erreichen kann — lichtdurchfluteter Loft in SoHo, glänzender Ruf als Anwalt, illustrer Freundeskreis. Er wäre das Sinnbild des amerikanischen Traums – vom Findelkind zum Millionär. Aber er entkommt seiner Vergangenheit nicht. Sie wird «lebendiger, je weiter er sich von ihr entfernt». Jude verkörpert Stagnation, Schmerz und Einsamkeit, seine Geschichte ist ein grosser Antibildungs­roman. Der amerikanische Traum als individuelles Projekt, die ei­gene Vergangenheit hinter sich zu lassen, geht in «Ein wenig Leben» nicht in Erfüllung.

Unendliche Gewalt und grenzenlose Liebe

Das Buch durchkreuzt diesen Traum mit dem subversivsten Mittel, das die Literatur besitzt, der Selbstzerstörung der eigenen Erzählung. Die Dunkelheit, die Jude umgibt, verschluckt alles Licht und alle Fröhlichkeit, die Erzählzeit krümmt sich um ihn, es gibt kein Fortkommen. Ständig muss er daran denken, «was für ein blutiger, dreckverkrusteter Fetzen sein Leben war». Von Jude geht eine Schwerkraft aus, die alles mit sich reisst. Das gilt nicht nur für die anderen Figuren im Roman, die im Vergleich zu ihm zu Nebendarstellern werden. Es gilt auch für den Leser. Dieses Buch kann einen tatsächlich verschlingen.

Diese Erzählstruktur ist Stärke und Schwäche des Romans zugleich, aber eine Schwäche, der sich die Autorin freiwillig ausliefert. Einerseits ist es geschickt von ihr, so zu erzählen, dass man als Leser das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann, obwohl im Kern eigentlich nichts Neues passiert. Hanya Yanahigara schreibt so emphatisch über Jude und seine Freunde, die sich selbstlos um ihn kümmern, dass man tatsächlich Zeuge sowohl von unendlicher ­Gewalt als auch von grenzenloser Liebe und Vergebung wird. Immer wieder keimt die Hoffnung auf, es könne am Ende doch noch alles gut werden.

Andererseits erwächst aus dem schwarzen Loch im Zentrum eine Kraft, von der die Erzählung selbst zermalmt zu werden droht. Dass in diesem New-York-Roman die Stadt selbst blass bleibt und Ereignisse wie der 11. September oder der Irakkrieg nicht vorkommen, ist kein Versagen der Autorin, sondern der Struktur des Romans ­geschuldet. Ebenso wie die Tat­sache, dass es zwischen dem unendlich Guten, das Jude in Gestalt seiner Freunde umgibt, und dem unendlich Bösen, das diese Figuren von aussen bedroht, keine Graustufen gibt. «Ein wenig Leben» ist kein realistischer oder psychologischer Roman. Er ist ein ­Modellversuch. Yanagihara sagt, sie habe keine ­Recherchen über Missbrauchsopfer angestellt, sondern das Buch binnen 18 Monaten in fiebriger Nachtarbeit heruntergeschrieben.

Der Kunstfertigkeit der Autorin verdankt sich die Sogwirkung dieses Romans, der man sich kaum entziehen kann. Die Krise des Erzählens wird zur Metaebene des Melodrams. Um leben zu können, müsste Jude erzählen. Einmal kritisiert Willem das Versprechen der Psychotherapie, das Leben sei «in irgendeiner Weise reparabel». Dass Erzählen heilen kann, ist die Grundannahme der Psychoana­lyse seit Freud. «Ein wenig Leben» handelt davon, wie Jude immer wieder daran scheitert, an der Heilkraft des Erzählens teilzuhaben.

Erst ganz am Ende setzt er an, zum ersten Mal aus freien Stücken, davon zu erzählen, wie er damals während einer Party vom Dach gesprungen ist. «Es ist eine gute Geschichte», sagt er. «Ich erzähle sie dir.» Als er zu erzählen beginnt, endet notwendigerweise der ­Roman.


Hanya Yanagihara: «Ein wenig Leben», Hanser Berlin, 960 Seiten, 39.90 Franken. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 04.02.2017, 23:17 Uhr

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