«Das ist ein Fall Jegge, kein Fall Märtplatz»

Die Stiftung Märtplatz, das Lebenswerk des einstigen ­Vorzeigepädagogen, ­vollzieht den endgültigen Bruch mit Jegge.

Jürg Jegge vor seinem Haus in Rorbas ZH: Die Staatsanwaltschaft will ihn einvernehmen. Foto: Reto Oeschger

Jürg Jegge vor seinem Haus in Rorbas ZH: Die Staatsanwaltschaft will ihn einvernehmen. Foto: Reto Oeschger

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Das verwinkelte Industrieareal im zürcherischen Freienstein war drei Jahrzehnte lang Lebens- und Wirkungsstätte des «Lehrers der Nation». Hier gründete 1985 der damals 42-jährige Sonderschullehrer Jürg Jegge, Autor des Bestsellers «Dummheit ist lernbar», mit einem Kollegen den Märtplatz. Für junge Menschen, die nicht so viel Glück hatten, steht hier ein Ausbildungsplatz mit ­therapeutischem Angebot bereit. Heute werden 42 Lehrlinge für ein Dutzend verschiedene Berufe ­vorbereitet. Generationen von Männern und Frauen mit zerrüttetem Elternhaus oder mit psy­chischen Problemen verdanken der Einrichtung ein selbstständiges ­Leben. 2011 trat Jegge als Leiter ­zurück und blieb Ehrenpräsident. Bis letzte Woche.

Jetzt ist alles anders. Die Angesprochenen auf dem Märtplatz-­Gelände reagieren mit einem schweren Seufzer, wenn sie den Namen des Gründers hören. Zu tief sitzt der Schock, seit Jegges ehe­maliger Schüler Markus Zangger die sexuellen Übergriffe des Starpädagogen enthüllt hat. Zu gross ist die Wut darauf, wie selbst­gerecht der Überführte ­seine Taten öffentlich verharmlost. Zu sehr hat man Angst, dass der ­Skandal die Institution Märtplatz beschädigt, die auch von Spenden lebt.

­Integration in die Arbeitswelt

Seit 2011 ist Kuno Stürzinger der Leiter vor Ort. Er sagt: «Das ist ein Fall Jegge, kein Fall Märtplatz!» Dann schildert er, wie er und seine Mitarbeiter aus Zanggers Buch von den Vorfällen erfahren hätten. Noch immer seien sie «bestürzt und fassungslos». Bekannt waren lediglich Jegges Trinkgeschichten. Eine Lehrmeisterin, die 18 Jahre mit ihm zusammenarbeitete, sagt: «Seine Schwäche ist der Alkohol.» Dass der Märtplatz bei einem ­grünen Veltliner entstanden ist, sei ein offenes Geheimnis.

Ein Jegge-Zögling ist Stürzinger nicht, er stiess von aussen zur Stiftung. Er zählt sich nicht mal zur Schule der Reformpädagogen. Die Argumentation seines Vorgängers, der seine Übergriffe in den da­ma­ligen Kontext stellt, findet er «inakzeptabel». Jegge ­schade mit seinen Taten der ­Pädagogik.

Stürzinger setzt seit seinem ­Antritt als Märtplatz-Leiter andere Akzente. Er hat die Ausbildung ­professionalisiert und fördert die Weiterbildung seiner Leute. Oberstes Ziel sei die Integration der ­Lehrlinge in die Arbeitswelt. Vom Geist der Siebziger, als ­Gurus in Latzhosen das Interesse der Ju­gend­lichen über alles stellten, ist in Freienstein nicht mehr viel zu spüren. «Ich habe dem Märtplatz die Arbeitswelt nähergebracht», sagt Stürzinger.

Leitung erteilt Hausverbot

Jetzt haben die Verantwort­lichen der Institution den end­gültigen Bruch mit dem Gründer vollzogen. Seit letzter Woche ist Jegge nicht mehr Ehrenpräsident. Vor einigen Tagen hat die Leitung gegen Jegge sogar ein Hausverbot erteilt. Er darf das Gelände, das er dreissig Jahre lang geprägt hat und das in Gehdistanz zu seinem Haus liegt, nicht mehr betreten.

Laut Stürzinger ist die drastische Massnahme notwendig – im Märtplatz arbeiten Junge mit verschiedensten Lebensgeschichten; auch solche, die Ähnliches erlebt haben wie Jegges Opfer. «Es sind uns einzelne Lehrlinge bekannt, die selber, bevor sie zum Märtplatz kamen, missbraucht wurden.» ­Diesen Leuten sei nicht zuzumuten, «dass sich ein geouteter Täter an ihrem Arbeitsplatz aufhält». Jegge habe das Rayonverbot zur Kenntnis genommen.

Bis 2011 war Jegge operativ für den Märtplatz tätig, als Ehren­präsident wohnte er manchmal einer Sitzung bei. Trotzdem seien ihm bis jetzt keine Fälle von missbrauchten ehemaligen Lehrlingen bekannt, sagt Stürzinger. «Sollte sich aber jemand melden, bieten wir unsere bestmögliche Hilfe an.»

Jürg Jegge ist abgetaucht

Jetzt denkt man in Freienstein über eine Verbesserung der Abläufe und eine Sensibilisierung bei den ­Themen Machtausübung und ­Befangenheit nach: Abhängigkeitsverhältnisse sollen künftig besser beachtet werden können. «Eine ­zusätzliche Möglichkeit ist das Angebot einer externen Ombuds­stelle», sagt Stürzinger. Man sei auch im Gespräch mit der Opferhilfe-Stiftung Castagna.

Jürg Jegge ist abgetaucht; für die SonntagsZeitung war er nicht erreichbar. Auch als die Polizei am Dienstag sein Haus durchsuchte, war er nicht da. Obwohl die bekannten Vorfälle verjährt sind, ­haben die Strafverfolger ein Vorabklärungsverfahren eingeleitet. Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat ihn zur Einvernahme geladen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.04.2017, 09:54 Uhr

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