«Das Thema Tod ruft danach, sich darüber lustig zu machen»

Patrick Frey über seine Sterbehilfekomödie «Exit Retour», die befreiende Wirkung des Lachens und den Suizid seines Vaters.

«Gevatter Tod, der den Becher bringt»: Patrick Frey im Bühnenbild von «Exit Retour» im Casinotheater Winterthur. Foto: Michele Limina

«Gevatter Tod, der den Becher bringt»: Patrick Frey im Bühnenbild von «Exit Retour» im Casinotheater Winterthur. Foto: Michele Limina

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Der Schauspieler und Autor Patrick Frey, 66, kommt gerade aus der Probe. Schwarz angezogen, spielt er im Stück «Exit Retour», das er zusammen mit Katja Früh geschrieben hat, einen Sterbehelfer. In der selbst ernannten «Sterbehilfekomödie» geht es um eine ältere Frau, die ihr Leben beenden will, und deren Angehörige, die damit nicht zurechtkommen. Premiere ist am Donnerstag im Casinotheater Winterthur.

Patrick Frey, kann man über den Tod Witze machen?
Klar.

Kennen Sie einen, der gut ist?
Ja. Kommt eine Frau an den Inserateschalter des «Tages-Anzeigers» und sagt mit serbischem Akzent: «Guten Tag, ich möchte gerne Todesanzeige aufgeben.» Die Dame am Schalter fragt: «Was wollen Sie schreiben?» Die Frau antwortet: «Dragan tot.» Die Schalterdame erwidert: «Wollen Sie nicht mehr Text?» – «Kein Geld», sagt die Frau. Da sammelt die Schalterdame bei ihren Kollegen Geld und bietet es der Frau an. Diese sagt: «Gut, Sie jetzt schreiben: ‹Dragan tot. Opel Vectra zu verkaufen›.»

Sehr lustig.
Ja, das Thema Tod ruft sogar danach, sich darüber lustig zu machen. Es ist so geladen, dass eine Entlastung durch Lachen wichtig ist. Wir haben alle Angst vor dem Tod und verdrängen ihn. Die Angst vor dem Tod ist ein grossartiges Thema.

«Mit meinem eigenen Tod befasse ich mich gar nicht»

Haben Sie auch Angst?
Ich habe vor allem Angst, dass eines meiner Kinder stirbt. Oder meine Frau. Oder mein Hund. Mit meinem eigenen Tod befasse ich mich gar nicht. Ich lebe ja und habe einen Job: möglichst brisante Themen zu einer Komödie zu verarbeiten.

Ist Ihre Sterbehilfekomödie eine Provokation?
Nein. Es geht darin um die Wirkung der Sterbehilfe auf die Angehörigen. Die Grossmutter, die sterben möchte, kommt auf der Bühne gar nicht vor. Die Familie aber ist in der schrecklichen Situation, dass sie den assistierten Suizid der Mutter und Grossmutter nicht verhindern kann. Das ist dramatisch und spannend.

Aber nicht lustig.
Es ist natürlich eine Tragödie. Deshalb machen wir auch keine doofen Witze darüber, sondern untersuchen die absurden Ideen der Menschen, wie sie den Suizid ihrer Nächsten verhindern wollen. Der Sohn versucht, seine Mutter als unzurechnungsfähig zu erklären. Auf denkbar blöde Art natürlich. Das hat etwas Verzweifeltes und sehr Komisches. Das Stück lebt von der Situationskomik, wie eine klassische Komödie.

«Aus der Trauer ins Lachen zu geraten. Das wirkt hoffentlich befreiend»

Fürchten Sie nicht, Betroffene in ihren Gefühlen zu verletzen?
Jeder gute Witz verletzt irgendjemanden. Mein Witz mit der Todesanzeige etwa die Serben. Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Aber ich kann sagen: Katja Früh und ich gehen von unseren persönlichen Erfahrungen aus. Katjas Mutter hat Sterbehilfe in Anspruch genommen, meine Mutter ist im Kreis der Familie über Monate hinweg in einem langsamen Prozess gestorben, begleitet von Morphium. Falls wir schlechte Witze machen, verletzen wir also auch unsere eigenen Gefühle. Deshalb versuchen wir, uns ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen, den Ernst aber immer wieder zu brechen. Aus der Trauer ins Lachen zu geraten. Das wirkt hoffentlich befreiend.

Sind Sie Mitglied von Exit oder einer anderen Sterbehilfeorganisation?
Nein.

Finden Sie gut, was Exit macht?
Ja. Aber ich habe trotzdem ein Problem damit. Solche privaten Organisationen sind nur eine Übergangslösung. Für die Angehörigen ist die Sterbehilfe ein Schock. Oft werden sie auch zu spät informiert. Sie können überhaupt nichts mehr dagegen tun. Implizit ist das Stück sogar eine Kritik am assistierten Suizid, aber ich bin nicht gegen die Sterbehilfe an sich.

Die Grossmutter im Stück hat keine unheilbare Krankheit, sondern entscheidet sich für den Altersfreitod, wie er zurzeit innerhalb von Exit diskutiert wird.
Ja, diese Diskussion irritiert mich. Es soll keine ärztliche Diagnose mehr brauchen und keinen Polizisten, der danach kommt. Da wird es mir unwohl. Exit tut Gutes, die Organisation springt in die Lücke, um Leuten zu helfen, die sich sonst von einer Brücke stürzen würden. Aber ich kenne auch Fälle, in denen es nicht so würdevoll ablief. Auch für die Angehörigen nicht. Ein privater Verein ist nicht die Lösung des Problems, wie wir mit dem Altersfreitod umgehen sollen. Es ist ein gesellschaftliches Problem.

Was wäre die Lösung?
Eine öffentliche Institution wie ein Kantonsspital oder eine psychiatrische Klinik. Also eine Sterbeklinik, die von der Palliativpflege bis hin zum aktiven Suizid alle Optionen anbietet.

Würde das nicht den Druck auf alte Leute erhöhen, freiwillig aus dem Leben zu scheiden?
Nein, im Gegenteil. Man geht da hin für einige Wochen und entscheidet sich dann für einen Weg. Zusammen mit Ärzten, die mitentscheiden. Wir müssen uns als Gesellschaft mit diesem Thema auseinandersetzen. Der geplante Tod muss zu einer öffentlichen Angelegenheit werden, wie etwa die Bildung. Der Staat soll, in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft, ganzheitliche Lösungen anbieten.

«Der Tod muss einen Platz in der Gesellschaft bekommen»

Laut einer Studie wollen aber nur 15 Prozent der Senioren sterben.
Das sind ja nicht wenige, wenn es immer mehr alte Menschen gibt. Wie möchten diese sterben? Ich glaube zum Beispiel nicht, dass sie Natriumpentobarbital schlucken wollen. Das ist keineswegs ein ideales Mittel, jedoch das einzige, das abgegeben werden darf. Der Tod muss einen Platz in der Gesellschaft bekommen. Das leistet Exit nicht. Exit erledigt das Thema ganz privat: Der Einzelne soll auf diskrete Weise die Gesellschaft verlassen können, möglichst geräuschlos.

Können Sie sich vorstellen, Ihren eigenen Abgang zu planen?
Nein. Ich habe ein traumatisches Verhältnis zum Suizid. Mein Vater hat sich das Leben genommen, als ich drei Jahre alt war. Ich habe das noch nicht überwunden. Einen Suizid in der nächsten Umgebung überwindet man nie. Während meines ganzen Lebens hat mich dieser Suizid verfolgt. Besonders, als ich so alt war wie mein Vater, als er sich umbrachte. Aber auch sonst immer wieder. Ich will gar nicht über meinen Tod nachdenken. Ich bin noch nicht so weit.

In Ihrem Solokabarettprogramm «Dormicum» setzen Sie sich mit dem Altern auseinander. Wie alt wollen Sie werden?
Gestern besuchte ich meine 101-jährige Tante. Die Schwester meines Grossvaters wurde 105. Es könnte also gut sein, dass ich sehr alt werde. Das erschreckt mich. Dann habe ich ja womöglich noch über 30 Jahre vor mir. Was mache ich bloss in dieser langen Zeit?

Fühlen Sie sich mit 66 alt?
Nein, ich habe mich schon älter gefühlt.

Wann?
Vor ein paar Jahren, als ich noch ungesünder lebte. Jetzt halte ich mich fit, gehe jeden Tag mit meinem Hund spazieren. Acht Kilometer. Das ist fantastisch.

Sie geniessen das ­Rentnerdasein?
Nein, so ein Spaziergang ist Arbeit! Ich arbeite beim Gehen. Da kommen mir die besten Ideen. Ich habe immer das Handy dabei und schreibe Texte und lerne meinen Part auswendig.

Man hört, «Exit Retour» hätte zuerst ein Film werden sollen.
Ja, es gab diverse Drehbuchfassungen von Katja Früh. Lilo Pulver hätte die Grossmutter spielen sollen, aber sie wollte nicht, weil ihr das Thema zu nahe ging. Und der Film konnte nicht finanziert werden. In den entsprechenden Fördergremien herrscht offenbar der Konsens vor, dass das Thema Sterbehilfe kein Stoff ist für eine Komödie. Also haben wir die Geschichte auf ein Theaterstück heruntergebrochen. Theater ist einfacher und schneller als Film.

«Auf der andern Seite ist er der Todesengel. Gevatter Tod, der den Becher bringt»

Sie spielen im Stück selber mit, einen Sterbehelfer. Haben Sie für die Recherche mit Sterbehelfern gesprochen?
Nein, extra nicht. Ich will meine eigene Vorstellung der Rolle entwickeln. Der Sterbehelfer hat eine unglaubliche Ambivalenz. Er ist der Superhelfer, die Apotheose des Helfers. Auf der andern Seite ist er der Todesengel. Gevatter Tod, der den Becher bringt. Diese ungeheure Spannung ist das, was mich fasziniert – und die Figur natürlich überfordert.

Kennen Sie auch einen Witz über Sterbehelfer?
Ja. Wer wäre der beste Sterbe­helfer?

Keine Ahnung.
Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Bis er einem erklärt hätte, wie das geht mit dem Becher, wäre man schon längst von selbst gestorben. Mourir, c’est pas bon pour la santé! (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.06.2017, 22:18 Uhr

Bücher, Bühne und TV

Patrick Frey ist ein Sonderfall der Schweizer Kulturszene. Er gibt Kunstbücher heraus, schreibt Schwänke und Arztromane, trat in der TV-Soap «Lüthi und Blanc» auf und schrieb das Lukas-Evangelium zum legendären Dada-Gedicht «Wiwinanagschigschi» um. An der Seite von Beat Schlatter machte er von 1983 bis 1998 mit dem Kabarett Götterspass Furore, zurzeit ist er mit seinem Soloprogramm «Dormicum» unterwegs. Aufsehen erregte Frey auch mit seiner TV-Laudatio für Alt-Bundesrat Adolf Ogi, die nie ausgestrahlt wurde. Frey hat vier Söhne und lebt in Zürich.

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