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Ü-50, 20 Jahre in der Firma – und plötzlich arbeitslos

Der Fall des IT-Experten Tobias Heise zeigt: Den Altersmalus gibt es doch. Bei der Stellensuche ist das eigene Netzwerk entscheidend.

Mit 56 entlassen, dank dem Tipp einer Bekannten wieder Arbeit gefunden: IT-Systemingenieur Tobias Heise. Foto: Daniel Ammann
Mit 56 entlassen, dank dem Tipp einer Bekannten wieder Arbeit gefunden: IT-Systemingenieur Tobias Heise. Foto: Daniel Ammann

Die Betreffzeile der ­E-Mail war unverfänglich: Unter dem Titel «IT-Update» wurde Tobias Heise im März letzten Jahres von seinem Vorgesetzten bei Sulzer zu einem Gespräch aufgeboten. Der Termin war auf Montagmorgen, 9 Uhr, angesetzt. Die Tatsache, dass auch jemand aus der Personalabteilung einkopiert war, machte den IT-Systemingenieur stutzig.

Dass die zehnminütige Sitzung das Ende seiner zwanzigjährigen Karriere beim Winterthurer Industriekonzern bedeuten würde, konnte er indes nicht ahnen. Der Chef murmelte etwas von «schwieriges Gespräch». Dann wurde dem damals 56-Jährigen mitgeteilt, er sei aus wirtschaftlichen Gründen entlassen. Heise wurde zu seinem Pult begleitet, um seine Habe zu packen, und musste seinen Badge abgeben. Eine Stunde später stand der dreifache Familienvater am Sulzer-Ausgang. Status: arbeitslos.

«Diesen Moment werde ich mein Leben lang nicht vergessen», sagt Heise. «Ich hatte lange daran zu nagen.» Sulzer bezahlte ihm ein Outplacement bei Rundstedt Schweiz, einer auf die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt spezialisierten Firma. Dort merkte der Deutsche, dass die Jobsuche kein Zuckerschlecken werden würde. Heise, gelernter Konditor, war in einer Zeit in die Informatik gerutscht, als eine Ausbildung an einer Computerfachschule als Grundlage genügt hatte. Dass er zwanzig Jahre in derselben Firma gearbeitet hatte, war auch kein Plus. Und schliesslich: sein Alter. «Ich verschickte über vier Dutzend Bewerbungen und bekam lauter Absagen. Dabei habe ich herausgespürt, dass mein Jahrgang nicht förderlich war, auch wenn es niemand sagte.»

Ü-50 brauchen Nachhilfe

Der Altersmalus – keine Firma in der Schweiz würde öffentlich zugeben, dass es ihn gibt. Auch die Arbeitslosenstatistik des Bundes attestiert den über 50-Jährigen keine besonderen Nachteile: Ihre Altersgruppe zeigt nur eine leicht steigende Arbeitslosenquote. Wenn aber Ü-50 tatsächlich auf Stellensuche gehen müssen, haben sie deutlich länger, bis sie einen Job gefunden haben. Während Jüngere im Schnitt innerhalb von sechs Monaten fündig werden, kann es bei Älteren bis zu einem Jahr dauern. «Nach einer Standortbestimmung können auch über 50-Jährige wieder vermittelt werden», steht in der Jahresstatistik des Outplacement-Beraters Grass & Partner. «Das Coaching dauert einfach länger.» Mit anderen Worten: Ü-50 brauchen Nachhilfe. «Wir bereiten Kandidaten in dieser Alterskategorie darauf vor, dass die Jobsuche schwieriger ist und länger dauern kann. Aber mit einer höheren Frustrationstoleranz und Geduld finden wir für alle eine Lösung», sagt Pascal Scheiwiller, Geschäftsführer von Rundstedt Schweiz. Der Personalexperte hat die Problemzonen der 50-Plus-Generation rasch aufgezählt:

  • Zu lange beim selben Arbeitgeber: Was früher ein Gütesiegel war, macht heute hellhörig. Wer zehn, 15 Jahre für dieselbe Firma arbeitete, wird rasch als zu einseitig und zu wenig beweglich taxiert.
  • Veraltetes Wissen: Eine Ausbildung, die vor dreissig Jahren gefragt war, ist heute unter Umständen wenig bis nichts wert.
  • Unvorteilhafte Lebensläufe, schlechte Social-Media-Profile: Die Unterlagen und Informationsquellen älterer Arbeitnehmer sind meist dürftig. Im Unterschied zu den Digital Natives haben sie nicht gelernt, sich zu verkaufen.
  • Fehlender Mut, das persönliche Netzwerk zu aktivieren: Bis zu achtzig Prozent der über 50-Jährigen finden den neuen Job über das eigene Netzwerk. Bloss: Diese ­Generation neigt dazu, die Netzwerkpflege zu unterschätzen. Am schwersten tun sich die obersten Chefs: «CEOs empfinden es häufig als unter ihrer Würde, andere um Hilfe zu bitten», beobachtet Rundstedt-Chef Scheiwiller.
  • Komplexe: Über 50-Jährige nehmen sich selber oft schon als Problemfälle wahr – und schaden sich.

Firmen geben sich bedeckt

Die Angst vor dem Stigma treibt neue Blüten. «Wir stellen fest, dass ältere Arbeitnehmende vermehrt präventiv kommen, selbst wenn sie noch einen Job haben», sagt ­Daniel Neugart, Präsident und ­Geschäftsführer des Verbands Save 50 Plus. Er unterstützt Entlassene bei der Stellensuche und setzt sich politisch für einen «altersneutralen» Arbeitsmarkt ein. Firmen, die Mitglied werden, bekennen sich zu einer positiven Haltung gegenüber der Generation 50 plus.

Die Scham ablegen, den Jobverlust offen mitteilen – das empfiehlt auch Walter Burkhalter, Berater bei Grass & Partner. Er ist nicht mehr so pessimistisch wie einst: «Heute stellen die Firmen mehr über 50-Jährige ein als vor ein paar Jahren.» Doch der Personalprofi gibt zu, dass die Vorurteile der Firmen längst nicht abgebaut sind. «Statt dazu zu stehen, dass man jüngere Kandidaten bevorzugt, wird den Stellensuchenden gesagt, sie seien überqualifiziert», sagt Burkhalter.

Gerhard Kernen, ein ehemaliger Aussendienstmitarbeiter von Nestlé, kennt das zur Genüge. «Solche Sätze sind deprimierend», sagt er. Letztes Jahr hat er den blauen Brief bekommen – einen Tag nach seinem 53. Geburtstag. Mit einem neuen Job hat es schliesslich über Beziehungen geklappt. Zu einem tieferen Lohn, aber erstaunlich rasch. Genau wie bei Ex-Sulzer-Mann Tobias Heise. Seit letztem Oktober arbeitet er als ­IT-Systemadministrator an der Universität Konstanz, seinem Wohnort. Der Tipp kam von einer Bekannten. Nur sechs Monate Suchzeit – ein Privileg, das weiss Heise: «Ich hatte riesiges Glück.»

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