Der Geist von Davos ist verraucht

Jetzt kritisiert sogar das WEF den Kapitalismus und die Globalisierung, weil die Zahl der Wohlstandsverlierer in vielen Industriestaaten steigt.

Zäune bauen allein reicht nicht: Vorbereitungen aufs 47. WEF.

Zäune bauen allein reicht nicht: Vorbereitungen aufs 47. WEF. Bild: Keystone

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Aggressive Wortwahl und Kapitalismuskritik. Es sind neue alte Töne, die zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums zu hören sind. Anprangern, attackieren, Klartext reden. Das Comeback der Kapitalismuskritiker in Davos ist deutlich erkennbar. Nicht etwa durch linke Demonstranten, die in den letzten Jahren ihre Protestaktionen nach und nach eingestellt haben, sondern intern bei der WEF-Elite.

Der Gründer Klaus Schwab ermahnte die Teilnehmer noch vor dem Eintreffen zu mehr sozialer Verantwortung. Speerspitze ist Guy Standing, Professor für Entwicklungsstudien an der Universität London. Er prangert in einem offiziellen WEF-Papier «die Korruption des Kapitalismus» und die wachsende Ungerechtigkeit an. Und liefert für die Zurückgebliebenen der Globalisierung gleich die Lösung: ein bedingungsloses Grundeinkommen. Ein solches wurde im Juni vom Schweizer Stimmvolk mit rund 78 Prozent der Stimmen klar abgeschmettert.

Die Mär vom freien Markt

In seinem WEF-Aufsatz schlägt Standing knallharte Töne an und attackiert «die fünf Lügen des ­Kapitalismus». Lüge 1 sei die Mär vom freien Markt, Lüge 2 die Notwendigkeit starker Patentrechte, um teure Forschung und Entwicklung abzusichern, Lüge 3 die These, dass starke Eigentumsrechte Wachstum schaffen, Lüge 4 die ­Behauptung, dass wachsende Profite die Effizienz eines Managements beweisen und Lüge 5 das Argument, dass Arbeit der beste Weg aus der Armut sei.

Lüge 5 sei die politisch wichtigste, argumentiert der streitbare Akademiker, weil für Millionen von Menschen dieser Satz ein «geschmackloser Witz» sei. Laut Standing ist das alte Verteilungssystem kollabiert, weil sich für viele Menschen Arbeit schlicht nicht mehr lohnt. Und dafür jene Kreise profitieren, die von überdurchschnittlich hohen Einkommen wie Mieteinnahmen, Aktien, Dividenden, Copyright oder Patentrechten leben. Diese Gruppe nennt er «Rentiers», sie zählen zu den Gewinnern der Globalisierung.

«Es liegt eine Revolte in der Luft»

Auf der Verliererseite steht das Prekariat, Menschen mit geringem Einkommen in unsicheren Arbeitsverhältnissen. Dazu gehören Immigranten, Uber-Taxifahrer, Praktikanten, Putzkolonnen oder Lehrer in Teilzeitbeschäftigung. Ihre Löhne stagnieren gemäss der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung seit drei Jahrzehnten.

Der «Rentiers»-Kapitalismus ist laut Standing die Ursache der Ungleichheit, und er habe die Idee des freien Marktes korrumpiert. In seinem WEF-Papier attackiert Standing das herrschende System als «massiv manipuliert zugunsten der Rentiers». Da die Betroffenen unter sinkendem Realeinkommen und wirtschaftlicher Unsicherheit leiden, liege «Revolte in der Luft». Dies umso mehr, als die Rentiers von staatlichen Subventionen immer mehr profitieren, während das Prekariat über immer weniger Einkommen verfügt und soziale Programme gekürzt werden.

In einem weiteren WEF-Papier wettert Stefan Stern, der Direktor des Londoner Thinktanks High Pay Centre, über exzessive Manager­saläre. Der künftige US-Präsident Donald Trump hatte diese im Wahlkampf als «beschämend und totalen Witz» bezeichnet. Auch bei der Brexit-Kampagne in Grossbritannien wurden Banker und Industrielle von Brexit-Befürwortern als Feinde porträtiert, weil sie mass­lose Entschädigungen kassierten, während der Mann auf der Strasse leidet. Laut Stern trifft dieser Vorwurf insofern zu, als nach der «Global Wage»-Studie der Internationalen Arbeitsorganisation 10 Prozent der höchstbezahlten Topverdiener fast so viel einstreichen wie die untere Hälfte der Arbeitnehmer. Während vor zwanzig Jahren ein Konzernchef im Schnitt das 45-Fache des durchschnittlichen Angestellten verdiente, hat sich dieses Verhältnis heute auf das 130-Fache hochgeschraubt. Michael Sandel von der ­Harvard-Universität spricht in diesem Zusammenhang von einer «meritokratischen Hybris», die «moralisch zersetzende» Folgen habe. Die Erfolgreichen schauten auf die Verlierer herab, während die Verlierer die Aufstiegsleiter ­immer mehr als «Leiter mit ­fehlenden Sprossen» wahr­nehmen.

Von der Globalisierung abgehängt

Die Sorge, dass sich Menschen immer stärker von der Globalisierung abgehängt fühlten und dadurch die Demokratie unterminiert werde, sei berechtigt, schreibt die Wirtschaftsprofessorin Diane Coyle von der Universität Manchester in ihrem WEF-Beitrag. Sie präsentiert eine alarmierende Statistik über die Jugendarbeitslosigkeit in der EU, mit Spanien an der Spitze (49,9 Prozent), gefolgt von Griechenland (49,7), Kroatien (43,6) und Italien (42,7). Diese Daten habe man lange ignoriert und nicht gehandelt, beklagt Coyle. Jetzt sei die Krise da.

Guy Standing erwartet aufgrund anhaltend wirtschaftlicher Ungewissheit eine steigende Wut auf Eliten und «ein Zeitalter des Zorns». Es ist «viel Wut da draussen», diagnostiziert er, eine «brodelnde Unzufriedenheit». Menschen mit dauerhafter Ungewissheit lebten in chronischer Furcht. Je länger der betrügerische Prozess von Bereicherung und ­Verarmung andauere, umso wütender werde das Prekariat, lautet ­seine Prognose.

Die hässlichen politischen ­Folgen sollten mittlerweile jedem klar sein. Die neue Klasse der Wohlstandverlierer füttert und beschleunigt weltweit den Aufstieg des Populismus und hinterlässt bereits jetzt deutliche Spuren – nun auch beim WEF.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.01.2017, 23:10 Uhr

Trump und Brexit sind die eigentlichen WEF-Themen

Am Dienstag beginnt in Davos das 47. Weltwirtschaftsforum (WEF). Es dauert bis Freitag und findet unter dem Titel «Anpassungsfähige und verantwortungsvolle Führung» statt. Die inoffiziellen Themen sind wohl eher Donald Trump, seine Attacken auf den Freihandel und der Brexit.

Zu den prominentesten Teilnehmern gehören der chinesische Präsident Xi Jinping, der neue UNO-Generalsekretär António Guterres, die britische Premierministerin Theresa May, US-Vizepräsident Joe Biden und die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde. Berühmteste Abwesende sind Trump, Angela Merkel und François Hollande. Dafür haben Sängerin Shakira und Hollywoodstar Matt Damon einen Auftritt.

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