Die Kriegsgewinnler in der Drogenküche

Unter dem Einfluss von Captagon werden Geschäfte gemacht und Menschen getötet. Besuch beim Grossdealer.

Heroin, Kokain, Crack, Marihuana, Haschisch, die halluzinogene Pflanze Salvia, Speed und selbst synthetisches Morphium: Im Bekaa-Tal ist alles erhältlich. Foto: Sebastian Backhaus

Heroin, Kokain, Crack, Marihuana, Haschisch, die halluzinogene Pflanze Salvia, Speed und selbst synthetisches Morphium: Im Bekaa-Tal ist alles erhältlich. Foto: Sebastian Backhaus

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«Dope» steht in grossen, schwarzen Buchstaben auf Mohammeds Baseballkappe. Der amerikanische Slangausdruck steht für Rauschmittel. Davon hat Mohammed mehr als genug. In seinem Aktenkoffer aus Kunststoffleder, der neben ihm auf dem Schreibtisch liegt, hat er Heroin, Kokain, Crack, Marihuana, Haschisch, die halluzinogene Pflanze Salvia, Speed und selbst synthetisches Morphium.

Die Kunden, die am frühen Nachmittag im Nebenhaus einer Villa in Hamdouieh langsam eintrudeln, müssen nur auf einen der Plastikbeutel deuten. Dann wiegt Mohammed die gewünschte Menge auf seiner elektronischen Waage bis aufs Zehntel genau ab. Für den Konsum liegen Pfeifen und Alufolie bereit. Jeder kann es sich, so lange er möchte, auf einem der Sofas bequem machen. Angst vor der Polizei gibt es nicht. Das Dorf Hamdouieh liegt im Bekaa-Tal. In dieser Region im Nordosten des Libanon schreiben die Bewohner ihre eigenen Gesetze. Es ist ein Gebiet, das vom Staat nicht kontrolliert wird.

Captagon verleiht das Gefühl der Unbezwingbarkeit

Knapp 940 000 Menschen leben in der dünn besiedelten Hochebene, davon sind über 360 000 syrische Flüchtlinge. Das eine Autostunde von der libanesischen Hauptstadt Beirut entfernte Tal ist 120 Kilometer lang und 8 bis 12 Kilometer breit. Seit Jahrzehnten regieren Grossdealer und andere Kriminelle mit ihren Privatarmeen. Es ist ein Geschäftszentrum mit mehreren 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Hier werden Waffen, gestohlene Autos und geschmuggelte Zigaretten verhökert. Den grössten Profit bringen allerdings die Drogen. Schon die Römer bauten im Bekaa-Tal Marihuana und Opium an. Heute werden Heroin, Koks und Speed produziert.

Der Hauptsitz der Dealer in Hamdouieh, im Vordergrund ein Hanffeld. Foto: Sebastian Backhaus

Der Drogenhandel hat längst Dimensionen angenommen, die nur mit Unterstützung auf höchster politischer Ebene möglich sind. Drogenexperten sprechen von einem Narkostaat, der sich durch den syrischen Bürgerkrieg sogar noch weiter verfestigt hat. Denn die Gewinne aus dem Drogengeschäft stiegen ins Unermessliche. Der Grund dafür ist eine Droge, die hierzulande kaum bekannt ist: Captagon. Die ­Amphetaminpillen sind bei Soldaten der syrischen Armee, bei Kämpfern moderater sowie islamistischer Rebellengruppen gleichermassen beliebt.

Durch den Bürgerkrieg Profit verdreifacht

Captagon hält über Tage wach, wirkt angsthemmend und verleiht das Gefühl der Unbezwingbarkeit. «Allerdings löst es erratische Reaktionen aus», sagt Nadya Mikdashi von der Drogentherapieeinrichtung Skoun in Beirut. Sehr wahrscheinlich stand der Rebellenkrieger unter Captagon-Einfluss, der 2013, wie im Wahn, einem Regimesoldaten das Herz herausgeschnitten und davon gegessen hatte. Mehrere Kommandanten unterschiedlicher Milizen erklären, dass Soldaten vor Gewaltexzessen ­Amphetamine konsumiert hätten.

«Wenn ich gewusst hätte, dass Sie kommen, hätte ich Ihnen richtig grosse Mengen gezeigt», sagt ein sympathischer Mittfünfziger mit Glatze, der plötzlich durch die offene Tür ins Nebenhaus kommt. Dabei liegen einige Kilo Heroin, Kokain, Crack und Haschisch unausgepackt in einer Ecke. Der Glatzkopf ist Abu Ali, der Boss, für den Mohammed arbeitet. Unter dem Unterhemd steckt eine Pistole im Gürtel.

Seine Geschäfte laufen so gut wie nie zuvor: Abu Ali, der Boss der Drogendealer. Foto: Sebastian Backhaus

Abu Ali zündet sich eine Zigarette an. Unverblümt beginnt der Drogendealer zu erzählen. Opium werde aus Afghanistan und dem Iran importiert und im Bekaa-Tal zu Heroin verarbeitet. Aus Südamerika stamme die Kokapaste, aus der er Kokain herstelle. «Pro Kilo bringt das 500 Gramm mehr, anstatt das Kokain direkt zu importieren», rechnet Abu Ali vor. Während er spricht, strahlt er über das ganze Gesicht. Seine Geschäfte laufen so gut wie nie zuvor.

Produziert werde die Droge in Kleintransportern

Durch den syrischen Bürgerkrieg habe sich sein Profit verdreifacht, sagt er und grinst. «Am besten läuft Captagon», sagt er. Das Captagon-Geschäft habe sich seit 2011 versechsfacht. Eine Fabrik, in der Captagon produziert werde, könne er nicht zeigen. Das Produktionsequipment sei verpackt und versteckt. «Wir lassen es nicht mehr wie früher irgendwo in einem Haus stehen.» Produziert werde die Droge in fahrenden Kleintransportern.

Der Grund dafür sei die radikale schiitische Organisation Hizbollah, der er selber angehörte, bevor er Mitte der 1990er-Jahre zum Dealer wurde. Die Hizbollah kämpft in Syrien aufseiten des Regimes und möchte verhindern, so Abu Ali, dass die Pillen zur al-Qaida und zum Islamischen Staat (IS) kommen. «Die Hizbollah will nüchterne Gegner und nicht Jihadisten, die high auf Captagon sind.»

Der grösste Absatzmarkt für Captagon ist nach wie vor Saudiarabien. Dort ist es Usus, eine Tablette in den Frühstückstee zu mischen. Auf dem Schwarzmarkt kosten Tabletten zwischen 10 und 20 Dollar. Als der Bürgerkrieg in Syrien begann, erhöhten sich auch die Verkaufszahlen im Golfstaat. Von Saudi­arabien aus wird Captagon als Kämpferdroge zu Rebellengruppen nach Syrien geschafft, die der reiche Ölstaat bis heute unterstützt. «Die Saudis legen Captagon den Waffenlieferungen für ihre Milizen bei», sagt Abu Ali.

2015 wurden über 15 Millionen Pillen konfisziert

Die ungeheuren Ausmasse dieses Handels werden am Beispiel des saudischen Prinzen Abdel Mohsen Bin Walid Bin Abdulaziz deutlich. Er wurde im Herbst 2015 in Beirut mit zwei Tonnen Captagon an Bord seines Privatjets verhaftet, kurz bevor er nach Hause fliegen wollte. Insgesamt fanden sich 40 Amphe­taminkisten an Bord des Prinzen-Flugzeugs. Der Grosshandelswert der Ladung entsprach 40 Millionen Dollar. Diese Menge konnte nicht allein für den Schwarzmarkt in Saudiarabien bestimmt sein.

Der saudische Prinz sitzt noch immer im libanesischen Gefängnis, was angesichts der engen Beziehungen zwischen dem Libanon und dem Königreich am Golf seltsam ist. Saudiarabien ist einer der wichtigsten Kreditgeber für den hoch verschuldeten Zedernstaat. «Da steckt die Hizbollah dahinter», glaubt Abu Ali. «Die Verhaftung des Prinzen war die Rache für Sheik Nimr und seinen Neffen Ali al-Nimr, die die Saudis zum Tode verurteilten.» Sheik Nimr war ein schiitischer Geistlicher, der für mehr Freiheit protestiert hatte und inzwischen hingerichtet wurde. Sein Neffe wartet weiter auf die Vollstreckung des Todesurteils.

Dope aus dem Aktenkoffer: Mohammed beim Abwiegen von Kokain. Foto: Sebastian Backhaus

Die Captagon-Mengen des Prinzen sind nicht überraschend, wenn man sie mit den Zahlen des libanesischen Zolls vergleicht. 2015 wurden über 15 Millionen Pillen konfisziert. Experten rechnen damit, dass Zoll und Polizei nur 10 Prozent des gesamten Schmuggelguts entdecken. Die tatsächlich exportierte Menge ist also um ein Vielfaches grösser. «Früher wurde Captagon hauptsächlich in Syrien produziert», sagt Abu Ali, der Dealer aus dem Bekaa-Tal, weiter. Das Zentrum der Herstellung sei die Industriestadt Aleppo gewesen. Wegen des Bürgerkriegs sei die Produktion in den Libanon verlegt worden.

Unter Kontrolle der «Partei Gottes»

«Die chemischen Rohstoffe für die Produktion sind lokal nicht erhältlich und müssen über Häfen, Flugplätze und auf dem Landweg geschmuggelt werden», sagt Jeremy Arbid, ein investigativer Journalist aus dem Libanon. Natürlich funktioniere dieser Import von vielen Tonnen an Material nicht ohne Einfluss auf höchster Ebene. «Klar, es geht um Korruption, aber es ist sehr schwierig, zu sagen, wo die Bestechung genau stattfindet», meint Arbid.

Vielfach wird die Hizbollah als der Drahtzieher des Drogenhandels gesehen, da die «Partei Gottes» das Bekaa-Tal politisch unter Kontrolle hat. Arbid bestätigt diesen Vorwurf nicht. «Die amerikanischen Behörden sagen das, aber wer weiss, ob das stimmt.» Erst im Juni klagte das aussenpolitische Komitee des US-Repräsentantenhauses die Hizbollah zum wiederholten Male an, «ein breites kriminelles Netzwerk von Drogenhandel über Zigarettenschmuggel und Geldwäscherei» zu unterhalten. Wenn es eine politische Beteiligung gebe, glaubt Arbid, dann würden verschiedene Gruppen mitmischen.

Familienbande wichtiger als politische Strukturen

Auch Abu Ali nimmt die Hizbollah in Schutz. «Sie lehnt Drogen ab und hat nichts mit dem Business zu tun.» Im Bekaa-Tal scheint der Drogenhandel in der Tat auf einem komplexeren System zu basieren. Mit einem Schuldigen ist es nicht getan. Hier kennt jeder jeden. Die Gesellschaft ist von Clan- und Stammeszugehörigkeiten geprägt. Abu Ali hat einen Cousin, der selbst zu den grossen Dealern der Region gehört. Ein anderer Verwandter ist Scheich Sobhi al-Taufeili, einer der Gründer und erster Generalsekretär der Hizbollah, der sich aber im Streit von der schiitischen Organisation trennte. Ein weiterer Cousin arbeitet in der Stadtverwaltung.

Zum Teil werden die Drogen vor Ort konsumiert, zum Beispiel Crack. Foto: Sebastian Backhaus

Familienbande sind wichtiger als politische Strukturen. Die Mitarbeiter Abu Alis sind alle mit ihm verwandt. Und dann ist da noch der soziale Faktor. Wie alle Drogendealer sorgt Abu Ali für seine Grossfamilie mit rund 50 Mitgliedern. Zudem gibt er Geld an Bedürftige, spendet an Krankenhäuser und die Gemeinde. Auch für den Bau einer Strasse schiesst er mal Geld ein. «Das ist selbstverständlich», sagt er. «Wir halten hier alle zusammen.»

Als Beweis sucht er ein Video auf seinem Handy und drückt mit einem süffisanten Lächeln auf Play. Es ist die Reportage eines libanesischen Fernsehsenders, der Drogenfahnder bei einer Razzia im Haus von Abu Ali begleitet hat. «Hier nehmen sie meinen Cousin fest und wollen ihn abtransportieren», sagt er. «Sehen Sie nun, was passiert.» Kaum stehen die Polizisten im Hof, wird auch schon von allen Seiten auf sie geschossen. Den Beamten bleibt nur die panische Flucht im Kugelhagel. «Das ganze Dorf hat auf sie geschossen», sagt Abu Ali. «Sie hatten einen Toten und mehrere Verwundete.»

Das war vor zwei Jahren. Seitdem ist Ruhe in Hamoudieh eingekehrt. Das Pfeifen der Vögel in den Bäumen ist zu hören, das nur vom Rauschen der elektronischen Feuerzeuge und dem tiefen Inhalieren der Crack- und Heroinraucher unterbrochen wird. «Kommen Sie bald wieder», ruft Abu Ali freundlich winkend, als wäre er der Leiter eines Landschulferienheims.

Erstellt: 01.07.2017, 22:39 Uhr

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