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Über 100 Anrufe vom Ex – täglich

Ein Mann terrorisierte seine ehemalige Partnerin, verfolgte sie und wurde handgreiflich. Irgendwann sagte sie: Ich will mein Leben zurück. Und wehrte sich.

Sie ging nur noch mit dem Pfefferspray aus dem Haus aus Angst vor ihrem Ex. Foto: Esther Michel
Sie ging nur noch mit dem Pfefferspray aus dem Haus aus Angst vor ihrem Ex. Foto: Esther Michel

134-mal hatte er angerufen. An einem einzigen Tag. Das tat er oft. Er passte ihr bei der Arbeit ab. Wenn sie die gemeinsame Tochter vom Kindergarten abholte. Zu Hause. Er schlich ums Haus, klopfte, klingelte, hämmerte an die Tür. Er warf Steinchen gegen das Fenster. Anfangs liess sie ihn rein. Dachte, man könne reden. Vernünftig, sachlich. Dann merkte sie, dass es nichts bringt. «Wenn ich dich nicht haben kann», sagte er, «soll dich kein anderer haben.»

Er drohte, sie zu töten. Er drohte, ihr das Kind wegzunehmen. Er drohte, Leute zu kennen, die gegen Honorar einzelne Finger abschnitten. Sie machte nicht mehr auf, wenn es klingelte, sie hielt still, hörte auf zu atmen, und wartete, bis es aufhörte. Sie verliess das Haus nicht mehr ohne Pfefferspray. Das dauerte fünf Jahre. Sie sagt: «Ich hatte kein Leben mehr. Ich ­reagierte nur noch.» Weil ihr Ex-Partner der Meinung war, dass er es sei, der darüber entscheide, wann die Beziehung zu Ende sei. Und nicht sie.

Trennung nach 1½ Jahren – es ging nicht mehr

Angefangen hatte es mit einem harmlosen Streit, wie er bei allen Paaren vorkommt, erst recht nach der Geburt eines Kindes. Aber er wurde so laut und so grob, dass sie mit einem Mal Angst hatte vor dem Vater ihrer Tochter. Sie wusste in diesem Moment, dass etwas nicht stimmt. Dass das nicht normal ist. Er war immer besitzergreifend und kontrollierend gewesen, wollte stets wissen, wo sie sich wann mit wem trifft. Sie hatte sich gesagt, das sei ein Zeichen besonderer Verliebtheit. Heute schüttelt sie den Kopf. «Ich wollte so sehr, dass wir es schön haben. Ich wollte diesen Traum von der glücklichen Familie leben. Ich wollte es vor allem für unser Kind. Und es gab ja auch die schönen Momente.»

Sie wollte keinen Krieg, sie wollte Frieden.

Trotzdem trennte sie sich nach eineinhalb Jahren. Es ging nicht mehr. Sie gewährte ihm Besuchsrecht, mit der Tochter war er liebevoll umgegangen, und das Kind sollte eine Beziehung zum Vater haben. Er sah es regelmässig. Aber zu seinen Bedingungen. Rief eine Stunde vorher an und sagte, ich komme sie holen, oder stand plötzlich vor der Tür. Sie spielte das Spiel mit. Dem Kind zuliebe. Und weil sie immer noch den Traum der glücklichen Familie hatte, vielleicht würde sich ja alles einrenken, wenn sie sich nur kooperativ zeigte und sich die Fronten nicht verhärteten. Sie wollte keinen Krieg, sie wollte Frieden.

Sie hatte immer den Pfefferspray parat

Sie sagt, es sei rückblickend unfassbar, wie sehr man sich an Dinge gewöhne. Wie man zuerst erschrecke ob der Aggressivität während eines Streits, aber diese irgendwann normal würde. So, wie die Gegenstände, die später flögen. Oder die Handgreiflichkeiten. «Weisst du noch», fragt ihre fünfjährige Tochter heute noch, «wie du am Boden lagst und der Papa über dir stand mit erhobenen Fäusten und schrie?» Woran sie sich nicht mehr erinnern kann, ist, dass er sie sprechen lehrte mit Sätzen wie: «Sag: Die Mama ist strohdumm.»

«Weisst du noch», fragt ihre fünfjährige Tochter heute noch, «wie du am Boden lagst und der Papa über dir stand mit erhobenen Fäusten und schrie?»

Sie sagte sich, dass alle Paare schwere Zeiten durchmachen. Die Durchhalteparolen wurden zum Überlebensmantra, und ihre Fassade war perfekt. Sie arbeitete als Pflegefachfrau in der Kardiologie. Lächelte, war professionell, engagiert. Aber wenn sie nach Hause ging, hatte sie den Pfefferspray griffbereit. Und sie schämte sich. Für das Scheitern der Beziehung. Für ihre Situation, die so überhaupt nicht zu ihr passen wollte, zu ihr, die so geradlinig war, so ­rational und letztlich auch so sanftmütig. «Es ist verrückt», sagt sie, «ich begegnete im Pflegealltag vielen schweren Schicksalen, auch Schicksale von Frauen. Und jetzt war ich eine von ihnen.»

Sie fürchtete sich vor der Eskalation

Sie war unfähig, Hilfe zu holen. Obschon sie so konzentriert wirkt, eine solch würdevolle Ruhe ausstrahlt. Sie konnte es selbst dann nicht, als die Abstände zwischen den Streitereien, den Handgreiflichkeiten und den Drohungen immer kürzer wurden. Sie fürchtete sich vor einer Eskalation, wenn es offiziell würde. Sie hatte noch nie in ihrem Leben mit der Polizei zu tun gehabt, sie war pflichtbewusst und korrekt. Und sie wollte ihm ja auch nicht schaden.

«Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass es solch grauenhaften Fälle von Gewalt gibt in der Schweiz.»

Nach drei Jahren flüchtete sie dann doch mit der Tochter ins Frauenhaus. Sie hatte Todesangst. Während der zwei Wochen an einem geheimen Ort merkte sie zum ersten Mal, dass sie nicht ­allein war. «Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass es solch grauenhaften Fälle von Gewalt gibt in der Schweiz. Daneben nahm sich mein Fall geradezu harmlos aus», sagt sie. Und sie schämte sich noch mehr als ohnehin schon.

Das Muster ähnelt sich oft

Gleichzeitig erkannte sie, dass das, was ihr passierte, einem ganz bestimmten Muster folgt, einem Muster, das sich oft ähnelt. Man zeigte ihr auf, dass es Auswege gibt, und endlich fühlte sie sich nicht mehr so hilflos. Der Polizist, mit dem sie sprach, riet ihr, Anzeige zu erstatten. Sie müsse ihrem Ex-Partner Grenzen setzen. Gutes Zureden, Verhandeln, Kompromisse machen, das alles führe nirgends hin. Er beschrieb ihren Ex-Partner, wie wenn er ihn kennen würde. Sie war verblüfft. Der Polizist lächelte bloss: «Sie funktionieren fast alle gleich.» Am Schluss sagte er: «Wir werden uns wieder sehen.»

Sie ging nach Hause. Riss sich zusammen, glaubte wieder fest an den Traum. In dem ging es um ­gemeinsame Besuche im Zoo, nicht um Formulare und Anzeigen. Aber es fiel ihr immer schwerer. Manchmal, wenn er bei einem Besuch zu toben anfing, sie herumschubste, stand die Kleine plötzlich im Wohnzimmer und sagte, «ich habe euch beide lieb», und es brach ihr fast das Herz. Das durfte nicht die Rolle ihrer Tochter sein, sie war doch ein Kind, sie sollte nicht vermitteln müssen. Manchmal verfehlten sie die Gegenstände, die er warf, nur um Haaresbreite.

Manchmal verfehlten sie die Gegenstände, die er warf, nur um Haaresbreite.

Und dann, im Herbst des vergangenen Jahres, brachte er die Kleine abends nicht zum vereinbarten Zeitpunkt zurück. Sie rief ihn an. Er ging nicht ran. Stundenlang. Irgendwann simste er: «Easy.» Aber sie wusste nicht, wo er ist, was er macht. Sie hatte so grosse Angst, dass sie tat, was sie nie für möglich gehalten hätte: Sie bat eine Freundin um Hilfe. Und rief die Polizei. Die versprach, ihren Ex-Partner telefonisch zu kontaktieren. Nach kurzer Zeit meldeten die Beamten: Er bringt das Kind.

Ihr Ex-Partner fand nichts ­dabei, dass die Tochter schon vor Stunden hätte der Mutter über­geben werden sollen. Dass es schon viel zu spät war für das komplett übermüdete Kind, das am nächsten Tag in den Kindergarten musste. Er war angetrunken. Bedrohte die beiden Frauen, erklärte, sie zu töten. Er war aggressiv, nicht ­zugänglich. Ihre Freundin rief die Polizei. Bevor diese eintraf, packte er die Tochter, floh in den Garten.

Er terrorisierte sie auch am Arbeitsplatz

Die Szene war schrecklich. Dunkelheit, überall Polizisten, ihr Ex-Partner weg, die Tochter auch. Die Kleine traute sich irgendwann aus dem Gebüsch hervor, ihr Vater ­hatte ihr gesagt, sie müsse sich dort vor den Räubern verstecken. Die Polizei nahm per Handy Kontakt mit ihm auf und erklärte danach, dass sie für nichts garantieren könne, sie hielte ihn für unberechenbar und deshalb für gefährlich. Sie solle unbedingt Anzeige erstatten.

Sie schaffte es nicht. Man kann doch nicht den Vater des eigenen Kindes anzeigen. Das macht man nicht. Aber die Situation eskalierte. Er terrorisierte sie nun auch am Arbeitsplatz. Dort die Fassade aufrechtzuerhalten, hatte ihr auch eine gewisse Kraft gegeben. Wenigstens dann konnte sie sich vormachen, ein normales Leben zu führen. Jetzt bracht alles zusammen. Sie war eine Frau, deren Mann sie bedrohte, handgreiflich wurde, ihr Leben gestohlen hatte. Und die nun ihren Arbeitgeber darüber informieren musste.

Das Verständnis war immens, von allen Seiten

Die Klinik reagierte vorbildlich, orientierte den Sicherheitsdienst, stattete ihn mit einem Foto ihres Ex-Partners aus, es wurde eine telefonische Auskunftssperre verhängt, ihre Arbeitszeiten angepasst. Sie dachte, sie schädige den Ruf der Klinik, man würde sie entlassen deswegen, das Gegenteil war der Fall: Das Verständnis war immens, von allen Seiten.

Der Polizist interessierte sich nicht für ihre Geschichte. Sie langweilte ihn, so kurz vor Feierabend.

Aber sie konnte nicht mehr. Sie war nur noch müde. Am Nullpunkt angekommen, zuunterst, «schönreden», sagt sie, «ging nicht mehr». Sie entschloss sich zur Anzeige. Es musste aufhören, endlich aufhören, sie wollte ihr Leben zurück, ihre Autonomie, ihre Fröhlichkeit, ihr Lachen. Sie ging zur Polizei, in ihrer Nachbargemeinde, auf dem Land. Der Polizist interessierte sich nicht für ihre Geschichte.

Sie langweilte ihn, so kurz vor Feierabend. «Noch nie im ­Leben habe ich mir derart eine Schürfung gewünscht. Dann ­hätte er mich vielleicht ernst genommen», sagt sie. Es war demütigend. Der Polizist sagte, er würde mit ihrem Ex-Partner Kontakt aufnehmen, um sich dessen Sichtweise anzuhören. Und sich melden. Es passierte nichts. Die Anzeige versandete.

Das Gewaltschutzgesetz ist für solche Fälle gemacht

Zwei Wochen später passte ihr Ex-Partner sie auf dem Nachhauseweg vom Kindergarten ab. Schnitt ihr mit dem Auto den Weg ab, das Trottoir war voller Kinder, überall hüpfende, orangefarbene Bändel, und sie hatte die Horrorvision, dass er eines verletzen und sie daran schuld sein würde. «Das hätte ich mir nie verzeihen ­können, nie.» Sie rief noch an Ort und ­Stelle die Polizei: «Ich brauche Hilfe, jetzt, sofort.» – «Kommen Sie vorbei», hiess es. Auf dem Posten war der zuständige Beamte nicht da. Tja, sorry, dann wissen wir halt auch nicht.

Sie sagte, aller Aufgelöstheit zum Trotz: «Ich bleibe hier, bis mir jemand hilft, bis etwas passiert.» Man schickte eine Beamtin. Und die verstand sofort. Das Gewaltschutzgesetz, das vor zehn Jahren im Kanton Zürich genau für solche Fälle gemacht worden war, begann zu greifen: Ihr Ex-Partner wurde mit Foto und Autonummer zur Fahndung ausgeschrieben und ein zweiwöchiges Rayonverbot vorbereitet, das er allerdings erst noch unterschreiben musste.

«Wenn die Frauen wüssten, welche enorme Wirkung es hat, wenn die Polizei einschreitet, dann würden sie früher um Hilfe bitten.»

«Wir werden Sie über jeden Schritt informieren», sagte die Beamtin und liess sie später wissen, dass er verhaftet und für zwei Tage in Untersuchungshaft genommen worden war. Das ­Rayonverbot wurde auf drei Monate, bis Ende 2016, ausgedehnt. Und sie wurde umgehend an eine Opferberatungsstelle vermittelt; ihrer Beraterin vom BIF in Zürich verdanke sie unendlich viel.

Die Albträume wurden weniger. Sie konnte endlich wieder schlafen. «Es war», sagt sie, «wie wenn man nach einem lauten ­Konzertbesuch nach draussen kommt und auf einmal alles still ist.» Seit dem letzten Herbst hat sie ein paar Mal mit ihm Kontakt gehabt, schriftlich. Sie wünscht sich, sie hätte früher den Mut ­gehabt, die Polizei einzuschalten. «Wenn die Frauen wüssten, ­welche enorme Wirkung es hat, wenn die Polizei einschreitet, weil dem ­Stalker ­signalisiert wird: Das geht nicht, das dulden wir nicht, dann würden sie früher um Hilfe bitten.» In ein paar Wochen steht die Verhandlung an. Sie hat den Pfefferspray wieder aus der Schublade geholt.

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