«Anonyme Kritik ist lächerlich und unglaubwürdig»

Christa Rigozzi über ihren Auftritt in der neuen SRF-Polit-Sendung, schöne Frauen, Geld und Lampenfieber.

«Die Kritik ist lächerlich»: Christa Rigozzi.

«Die Kritik ist lächerlich»: Christa Rigozzi. Bild: Sebastian Magnani

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Kaum wurde ihr Engagement bei «Arena/Reporter» bekannt, hagelte es Kritik. Eine ehemalige Miss Schweiz habe in einer Nachrichtensendung nichts verloren, monierten Kritiker intern und extern. Dies noch bevor eine Minute des neuen SRF-Formats ausgestrahlt wurde. Bei dem Treffen lässt Rigozzi sich davon nichts anmerken. Einzig bei der Frage, welche Rolle die Schönheit in ihrer Karriere gespielt habe, verfinstert sich ihre Miene.

Christa Rigozzi, haben Sie schon ein Handbuch für TV-Journalismus gekauft?
Nein, das habe ich nicht nötig. Ich bin keine Anfängerin und habe einen Abschluss in Medien- und Kommunikationswissenschaft. Seit zehn Jahren moderiere ich Sendungen. Es ist nicht so, als würde ich etwas machen, von dem ich keine Ahnung habe.

Sie sind bekannt als Enter­tai­nerin und Werberin. Wieso jetzt dieser Wechsel ins ­Nachrichtengeschäft?
Da muss ich Ihnen widersprechen, ich habe Erfahrung in diesem Bereich. Ich habe beispielsweise schon am Swiss Economic Forum in Interlaken moderiert oder beim Tag der Wirtschaft mit Alt-Bundesrat Adolf Ogi. Moderation ist mein Beruf.

Aber jetzt arbeiten Sie mit dem SRF-Aushängeschild Jonas Projer zusammen. Sie werden als Polit-Journalistin wahrgenommen. Deshalb wurde Ihnen vorgeworfen, Sie hätten keine Erfahrung.
Das ist falsch. Viele Journalisten haben meine Rolle missverstanden. Ich bin jetzt nicht plötzlich Nachrichtenmoderatorin geworden. «Arena/Reporter» wird live gesendet, und die Zuschauer können sich direkt zuschalten. Meine Rolle ist es, den Kontakt zum Publikum herzustellen. Ich habe diese Stelle erhalten, weil ich nahe an den Schweizern dran bin und mir die Leute vertrauen.

Kritisiert wird auch die unklare Trennung Ihrer Mandate. Zum einen haben Sie zahlreiche Werbeaufträge, zum anderen müssen Sie in Ihrer neuen Rolle neutral sein. Das ist doch ein klarer Interessenkonflikt.
Nein, diese Kritik verstehe ich nicht. Meine Werbeauftritte sind kein Problem. Vor und nach der Sendung werden keine Spots mit meiner Beteiligung ausgestrahlt. Zu dieser Einschränkung habe ich mich vertraglich verpflichtet.

Ein konkretes Beispiel: Sie werben für Kleinkredite. Sind Sie da in einer Nachrichten­sendung glaubwürdig?
Ich sehe da kein Problem. Ich rede am Sonntag mit den Zuschauern über die Kinderschutzbehörde Kesb und nicht über Kleinkredite, Kaffee oder Schöggeli. Diese Kritik in den Medien ist völlig konstruiert.

Vermutet wird auch, dass Sie diesen Job benutzen, um Ihre Bekanntheit zu steigern und so auch bei den Sponsoren Ihre Gagen in die Höhe zu treiben.
Noch bekannter als jetzt? (lacht) Nein, ernsthaft: Es wurde viel geschrieben. Aber nur etwa zehn Prozent davon entsprechen der Wahrheit. Das Schweizer Fernsehen hat mich nicht engagiert, damit ich meine Bekanntheit steigern kann. Es hat mich angestellt, weil ich bekannt bin.

Offenbar sind Sie eine Reizfigur. Schon für Ihren ersten «Arena»-Auftritt wurden Sie von den SP-Nationalräten Jacqueline Badran und Cédric Wermuth kritisiert. «Glanz und Gloria fusioniert mit der Arena», hiess es.
Die Kritik gab es vor meinem Auftritt. Nachher nicht mehr. Auch jetzt stört mich, dass ich kritisiert werde, obwohl die Sendung noch gar nicht angelaufen ist. Ist das etwa seriöser Journalismus?

Kritik kam nicht nur von aussen. Auch einzelne SRF-Mitarbeiter haben sich an die Medien gewandt und Ihre Qualifikation infrage gestellt.
Ich bin stark und halte das aus. Ansonsten wäre ich nicht hier und würde Ihnen gegenübersitzen. (lacht)

Im «Blick» hat sich eine SRF-Angestellte geäussert: «Kurzes Röckli mit Tessiner Akzent holt Quote.»
Auf anonyme Kritik reagiere ich nicht. Ich finde das lächerlich und unglaubwürdig. Ich kritisiere auch gerne. Aber wenn, dann stehe ich immer mit meinem Namen hin. Das erwarte ich auch von den Leuten, die sich an mir stören.

Die Kritik impliziert, Sie seien ein Dummchen. Verletzt Sie das?
Nein. Zuerst würde mich interessieren, wer das überhaupt gesagt hat. Dann würde ich mich gerne zu einem Doppel-Interview mit dieser Person bereit erklären. Ich mit dem kurzen Röckli und dem Tessiner Akzent. Dann können wir ja schauen, ob ich wirklich so dumm bin. (lacht)

«Ich habe diese Stelle erhalten, weil ich nahe an den Schweizern dran bin.»

Wird hinter Ihrem Rücken getuschelt, wenn Sie durch die SRF-Kantine laufen?
Nein, ich erhalte nur positive Feedbacks und habe gute Begegnungen. Ich bin ja auch nicht das erste Mal im Gebäude und kenne viele Leute.

Aber bei der Arbeit spielt doch auch Ihre Schönheit eine Rolle.
Überhaupt nicht.

Wirklich?
Nein. Meine Engagements kriege ich nicht aufgrund meiner Schönheit, sondern aufgrund meiner Fähigkeiten. Schönheit ist sowieso subjektiv. Klar kennt man mich aus einem Schönheitswettbewerb von vor elf Jahren. Aber jetzt bin ich ja nicht mehr so jung und knackig wie damals. (lacht)

Aber Ihr Aussehen hat Ihnen sicherlich manchmal Türen geöffnet.
Das ist ein sexistischer Vorwurf. Glauben Sie wirklich, dass ich Engagements wie «Arena/Reporter» nur wegen meines Äusseren kriege?

Nicht nur . . .
(unterbricht) Das stimmt einfach nicht. Sie haben mich engagiert, weil ich kompetent bin und zehn Jahre Moderationserfahrung mitbringe.

Kann Schönheit auch ein ­Nachteil sein?
Schwierig zu sagen. Es gibt leider das Klischee, dass schöne Frauen dumm seien. Deshalb müssen schöne Frauen, die etwas zu sagen haben, manchmal ein bisschen mehr kämpfen, um sich durchzusetzen. Ich muss aber auch sagen, dass ich nie aufgrund meines Äusseren benachteiligt wurde.

In Ihrer ersten Sendung geht es um die Kesb. Was interessiert Sie an diesem Thema?
Die Redaktion sucht Themen, die Emotionen wecken und ein breites Publikum interessieren. Es geht um die Erziehung der Kinder. Soll sich der Staat einmischen? Wenn ja, wann? Und wo liegen die Grenzen? Auch mich selber als Mutter von Zwillingen betrifft das Thema Kinderschutz persönlich.

Vertreten Sie die Meinung, die Kompetenzen der Kesb sollten eingeschränkt werden?
Das ist eine politische Frage. Als Moderatorin bei SRF darf ich mich dazu nicht äussern.

In der «Arena» zur zweiten ­Gotthardröhre sind Sie neben SVP-Nationalrat Ulrich ­Giezendanner aufgetreten . . .
(unterbricht) . . . und in der Sendung zum Weltfrauentag neben der Zürcher SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr. Zweimal habe ich mich zu Themen geäussert, die mich betreffen. Einer politischen Partei stehe ich nicht nahe.

Bekannt wurden Sie durch Ihre natürliche und lockere Art. Heute diskutieren Sie ein sehr ernstes Thema. Haben Sie keine Angst, die Leichtigkeit zu verlieren, die Sie so erfolgreich gemacht hat?
In meinem Leben war ja nicht alles nur locker und leicht. In den letzten Jahren habe ich gezeigt, dass ich nicht nur die lustige Christa bin. Ich habe viele Facetten. Beispielsweise habe ich mich für Minen­opfer in Tadschikistan eingesetzt.

Würden Sie sich zutrauen, auch Sendungen zum islamistischen Terror oder zur Unternehmenssteuerreform zu moderieren?
Wenn ich merke, dass sich das Publikum dafür interessiert, wieso nicht? Die Entscheidung treffen aber Jonas Projer und die Redaktion.

«Es gibt leider das Klischee, dass schöne Frauen dumm seien. Deshalb müssen schöne Frauen, die etwas zu sagen haben, manchmal ein bisschen mehr kämpfen, um sich durchzusetzen»

Gibt es Themen, bei denen Sie in den Ausstand treten würden?
Ich kann Ihnen jetzt kein Beispiel nennen. Wenn ich denke: «Ich bin kompetent, ich kann das», dann mache ich es. Sonst nicht.

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?
Nein, das würde ich nicht. Ich liebe die Frauen und finde es richtig, dass sie dafür belohnt werden, was sie können. Ich bezeichne mich aber nicht als Feministin. Weil ich nicht sagen kann, dass Frauen besser sind als Männer, da ich für die Gleichberechtigung der beiden Geschlechter bin.

An der Miss-Universe-Wahl haben Sie auch Donald Trump kennen gelernt. Was würden Sie ihn heute fragen, wenn Sie die Gelegenheit hätten?
Ich würde ihn fragen, wieso er nicht bei seinen Geschäften geblieben, sondern in die Politik eingestiegen ist.

Wäre es besser gewesen, er wäre nie in die Politik ­gegangen?
Dazu möchte ich mich nicht äussern.

Gab es ein Ereignis, das Sie politisiert hat?
Als ich ein Kind war, haben mich meine Eltern am Sonntag nach der Kirche immer ins Abstimmungslokal in Monte Carasso mitgenommen. Ich stand immer daneben, wenn meine Eltern den Stimmzettel in die Kartonschachteln im Stimmlokal gelegt haben. Sie haben immer gesagt: «Jetzt dürfen wir mitentscheiden.»

Und haben Sie verstanden, um was es da ging?
Ja, meine Eltern haben mir das jedes Mal erklärt. So bin ich schon in meiner Kindheit mit der Politik in Berührung gekommen. Ich höre heute oft, dass junge Menschen sagen: «Ich stimme nie ab, die da oben machen ja eh, was sie wollen.» Das finde ich schlimm.

Haben Sie in den letzten Jahren jedes Mal abgestimmt?
Ich stimme immer per Brief ab und habe noch nie eine Abstimmung verpasst.

Wie informieren Sie sich?
Ich lese täglich Zeitung und verpasse keine «Tagesschau». Ich bin süchtig nach Informationen.

Könnten Sie sich vorstellen, in die Politik einzusteigen?
Ich sage niemals nie. Aber im Moment ist es kein Thema. Dann würden Sie mich ja noch mehr kritisieren, als Sie es jetzt schon tun. (lacht)

Wie beurteilen Sie als ­Tessinerin den Streit ums Frühfranzösisch?
Auch dazu darf ich mich nicht äussern.

Langsam ist es etwas lang­weilig. Sie hätten dazu sicher viel zu sagen. Früher waren Sie ja auch bekannt dafür, Ihre Meinung offen zu vertreten.
Tut mir leid. Da sehen Sie die vielen Einschränkungen, die ich in Kauf nehme. (lacht)

Am 31. Dezember sind Sie Mutter von Zwillingen ­geworden. Welche Sprachen werden Ihre Kinder lernen?
Im Moment sprechen wir mit Alissa und Zoe italienisch. Aber wir möchten ihnen später auch andere Sprachen mitgeben. Mein Mann spricht perfekt französisch, und ich werde wahrscheinlich später mit ihnen deutsch sprechen. Es wäre schön, wenn meine Freunde in Zürich mit meinen Kindern schweizerdeutsch sprechen würden.

Haben Sie sich verändert, seit Sie Mutter geworden sind?
Total. Meine Kinder sind das Schönste in meinem Leben. Sie sind das, was mir zu einem perfekten Leben gefehlt hat. Mein Leben hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Die Kinder geniessen jetzt meine höchste Priorität. Alles ist nach ihnen gerichtet. Zuerst sie, dann ich.

Wie organisieren Sie sich mit Ihrem Ehemann Giovanni?
Ich plane alles, zack zack zack. (lacht) Gio hat sich vor einem Jahr als Innendekorateur selbstständig gemacht, damit er mehr Zeit für die Kinder hat. Jetzt, wo ich mit Ihnen spreche, sorgt er sich um die Kinder. Wir haben keine Nannys, wie oft fälschlicherweise geschrieben wurde. Falls nötig, würden auch unsere Eltern mitanpacken.

Sie verdienen viel mehr als Ihr Ehemann. Ist das bei Ihnen ein Thema?
Das ist jetzt wieder so ein sexistischer Vorwurf. Einem Mann würden Sie diese Frage nie stellen.

Die meisten Männer hätten damit wohl ein Problem.
Nein, das ist überhaupt kein Thema. Ich bin stolz auf meinen Mann und seine Arbeit. Genauso ist er stolz auf das, was ich mache. Wir haben uns kennen gelernt, zehn Jahre, bevor ich Miss Schweiz wurde. Schon 1999, als ich 16 Jahre alt war, sind wir ein Paar geworden. Damals kannte mich noch niemand. Unsere Beziehung funktioniert, weil wir noch nie Wert aufs Geld gelegt haben. Wir unterstützen uns gegenseitig. Ohne ihn könnte ich meinen Job nicht machen.

Heute wird die erste Sendung ausgestrahlt. Was machen Sie, kurz bevor Sie die «Arena» ­betreten?
Rituale habe ich keine. Aber zehn Minuten vor der Sendung brauche ich einen Moment ganz für mich alleine. Dann wiederhole ich innerlich den Ablauf und gehe nochmals meine erste Ansage durch. Dann lege ich einfach los.

Haben Sie Lampenfieber?
Natürlich, vor jedem Auftritt bin ich nervös. Das gehört für mich dazu. Für mich ist wichtig, dass meine Arbeit nicht zur Routine wird. Sollte das passieren, wäre es Zeit aufzuhören.
(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.06.2017, 22:16 Uhr

«Arena/Reporter»

Heute um 21.40 Uhr wird auf SRF 1 live die erste Episode «Arena/Reporter» ausgestrahlt. Thema ist der Fall Kast und die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Ein «Reporter»-Film wird in das Thema einführen.
Anschliessend leitet Jonas Projer eine Debatte zum Film, in die Christa Rigozzi Meinungen, Geschichten und Fragen des Publikums einbringt. Bis Ende 2017 sind zwei weitere «Arena/Reporter»-Sendungen geplant. Für das Folgejahr sind vier Ausgaben vorgesehen.

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