Im Flieger mit dem Saudi

In der engen Kabine gestalten sich die interkulturellen Diskussionen schwierig.

In Saudiarbien dürfen Frauen neuerdings arbeiten, ohne ihren Mann um Erlaubnis zu fragen. Foto: Getty Images

In Saudiarbien dürfen Frauen neuerdings arbeiten, ohne ihren Mann um Erlaubnis zu fragen. Foto: Getty Images

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Sitze ich allein im Flugzeug, bekomme ich die grösste Angst, bevor der Flieger überhaupt abhebt. Die Frage, ob mein Sitznachbar schlank, geräuscharm und wohlduftend oder das exakte Gegenteil dessen sein wird, macht mich nervöser als ein möglicher Absturz. Dass ein solcher vielleicht gar nicht so schlimm wäre, dachte ich neulich, als sich ein Ehepaar aus Saudiarabien neben mich setzte.

Der wohlbeleibte Mann kommandierte seine verhüllte Frau herum, setzte sich neben mich und beanspruchte die Sitzlehne automatisch für sich. Über seinen Duft wollen wir aus Gründen der politischen Korrektheit den Mantel des Schweigens ausbreiten. Er selber zeigte sich ­weniger diskret: Zuerst musterte er mich von den Füssen bis zur Frisur, dann fragte er auf Englisch: Bist du verheiratet? Ich sagte: No. Er lachte, murmelte etwas zu seiner Frau, lachte lauter und fragte nach: Bist du schwul?

Mittendrin in dieser interkulturellen Diskussion kam mir die UNO in den Sinn, die Saudiarabien kürzlich in die Kommission für Frauenrechte und den Menschenrechtsrat wählte. Wäre ich UNO-Mitarbeiter, dachte ich, würde ich mit dem Saudi nun einen deeskalierenden Dialog beginnen. Er dürfte mir seine frauen- und schwulenfeindlichen Ansichten erklären – und ich würde ihn höflich darauf hinweisen, dass ein Leben mit mündiger Partnerin, weniger Vorurteilen und gesunder Körperpflege nicht unbedingt schlecht sein muss.

«Am besten verteidigt man in solchen Fällen souverän die eigenen Werte.»

Das Problem ist, dass solche Dialoge nicht nur unnütz, sondern kontraproduktiv sind. Im UNO-Menschenrechtsrat entzog sich Saudiarabien bisher erfolgreich jeglicher Kritik, indem es auf die Scharia hinwies, dem geltenden Gesetz im Land. Gleichzeitig rühmen sich die Saudis auf dem internationalen Parkett und gegenüber der Opposition im Land mit dem Einsitz im Rat. Der gute gemeinte «Dialog» führt also nicht zu einer Verbesserung, sondern zu UNO-zertifizierten Verharmlosungen von Verbrechen. Und zu einer Nivellierung der Menschenrechtsstandards nach unten.

Nicht auf dem Niveau des Saudis

Mein Verhalten im Flugzeug wollte ich also ­keinesfalls dem Niveau des Saudis anpassen. Tatsächlich führen gegenseitige Aggressionen – auf der politischen Bühne wie in der Economyclass – selten zu guten Resultaten. Am besten verteidigt man in solchen Fällen souverän seine eigenen Werte und übt sanften Druck aus, bis der andere – möglichst aus eigener Notwendigkeit heraus – zur Einsicht gelangt. Genauso wie Saudiarabien kürzlich erkannte, dass es auf dem Weltmarkt nicht mehr mithalten kann, wenn es freiwillig auf die Hälfte seiner potenziellen Arbeitskräfte verzichtet. Erst dieser kapitalistische Druck führte dazu, dass Frauen neuerdings arbeiten dürfen, ohne vorher ihren Mann um ­Erlaubnis zu fragen.

Am liebsten würde ich schreiben, wie standhaft ich neben dem Saudi geblieben sei. Wie cool ich ihm gesagt hätte, dass ich zwar nicht schwul sei, aber damit kein Problem hätte. Tatsächlich war ich von seiner Frage so überrumpelt, dass mir schlicht nichts einfiel ausser einem weiteren «No». Immerhin spürte ich noch vor dem Abflug, dass auch für diesen Saudi ein Funken Hoffnung besteht. Kaum rollte der Flieger los, begann der Mann, der sich gerade noch sehr selbstsicher zeigte, zu zittern. Hilfe suchend lehnte er sich zu seiner Frau und drückte beim Start fest ihre Hand. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.05.2017, 23:11 Uhr

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