Jetzt seien Sie doch mal negativ

Professor Svend Brinkmann schreibt an gegen die Tyrannei des positiven Denkens sowie die dauernde Selbstoptimierung – und plädiert für mehr Nüchternheit.

Psychologieprofessor Brinkmann: «Es ist Quatsch, die Lösung für alle Probleme in uns selbst zu finden».

Psychologieprofessor Brinkmann: «Es ist Quatsch, die Lösung für alle Probleme in uns selbst zu finden». Bild: Keystone

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Eigentlich müsste die Welt schön sein. So schön wie noch nie. Voll mit glücklichen, mitfühlenden, rundum zufriedenen Menschen. Die wissen, was sie wollen, die allesamt erfolgreich sind und in sich ruhend. Müsste man meinen. Wo doch alle dauernd damit beschäftigt sind, sich selbst zu optimieren und ihre innere Mitte zu finden und in sich hineinzuhorchen. In den Buchläden jedenfalls ächzen die Gestelle unter dem Gewicht der Selbsthilfeliteratur, die Sachbuch-Bestsellerlisten werden seit Jahren davon dominiert.

Das positive Denken ist für die Katz – und schädlich

Allein die schiere Anzahl immer neuer Ratgeber ist ein Hinweis darauf, dass die unzähligen Mantras wohl nicht so recht funktionieren. Svend Brinkmann geht noch einen Schritt weiter: Der Psychologieprofessor der dänischen Uni Aalborg sagt, das positive Denken und die dauernde Selbstoptimiererei seien nicht nur für die Katz, sondern schädlich. Er rät, auf das Negative zu fokussieren, nicht immer jedes Problemchen stundenlang zu bereden und anstatt Ratgeber Romane zu lesen – die lehrten einen mehr über das Leben, weil man sich für andere interessiere, anstatt sich obsessiv um sich selbst zu drehen.

Brinkmann schrieb darüber ein Buch, und weil der Mann Humor hat, ist es ein Selbsthilfebuch für Antiselbsthilfe geworden. Es war letztes Jahr in seiner Heimat ein Bestseller (klar, weil es sich ja um ein Selbsthilfebuch handelt) und erschien vergangene Woche auf Englisch, eine deutsche Übersetzung soll folgen. In «Stand Firm – Resisting the Self-Improvement Craze», ruft er dazu auf, sich dem Selbstoptimierungswahn zu verweigern.

Für die «Psychologisierung» und «Therapisierung» der Gesellschaft gibt es sogar einen Begriff: Wellnesssyndrom.

Denn das Problem sei nicht nur, dass die permanente ­Nabelschau zu Egozentrik und Narzissmus führe, sondern auch, dass sich dem Ganzen niemand mehr entziehen könne. Brinkmann spricht von einer «Psychologisierung» und «Therapisierung» der Gesellschaft, es gibt sogar einen Begriff dafür: Wellnesssyndrom. Die Menschen in der westlichen Welt mögen weniger rauchen und trinken als früher, dafür sind sie abhängig von Lifestyle-Coaches, Therapeuten und Gurus aller Art.

Hört man in sich hinein, herrscht meistens Stille

Das entsprechende Vokabular ist in seiner Kalenderspruchprosa längst salonfähig geworden, es hat selbst im Arbeitsalltag Einzug gehalten. Mitarbeitende sollen sich «entwickeln» und «persönliche Ziele» formulieren, Entscheidungen in Teams haben für alle zu «stimmen», und Manager besuchen Achtsamkeitskurse oder «Positive Leadership»-Seminare. Veränderungen bis hin zu Entlassungen sind als «Herausforderungen» zu betrachten, und überhaupt soll man bitte das Glas immer halb voll sehen. Denn, hey, dann ist alles möglich, the sky is the limit, dream big! Und im Zweifelsfall sagt einem das Bauchgefühl, was zu tun ist.

Menschen werden umso unglücklicher, je zwanghafter sie sich mit sich selbst beschäftigen.

«Stand Firm» erscheint zu einem Zeitpunkt, in dem die Kritik an der alle Lebensbereiche durchdringenden Wohlfühlpropaganda immer lauter wird. Diese ist zwar seit Jahren unter Beschuss, weil sie sich wissenschaftlich nicht stützen lässt; vielmehr zeigen Studien das Gegenteil: Bereits seit den 80er-Jahren weiss man um das sogenannte Health Paradox – um die Tatsache, dass Menschen umso unglücklicher werden, je zwanghafter sie sich mit sich selbst beschäftigen.

Die positive Psychologie ist nach wie vor populär

Der Popularität der Idee, dass alle Antworten, die das Leben an einen stellt, in einem selbst zu finden seien, tut das keinen Abbruch. Letzte Woche reiste der Begründer der positiven Psychologie, Martin Seligman, von den USA nach Grossbritannien, um dort an der Universität Buckingham eine neue Ära einzuläuten: Die Lehranstalt soll die erste positive Uni der Welt werden. Fortan werden alle Studierenden und alle Professorinnen und Professoren in der Theorie der positiven Psychologie geschult. Seligman lancierte sie 1998; das Ganze fusst auf dem Gedanken, dass äussere ­Umstände keinen Einfluss auf unser Wohlbefinden hätten, sondern dass wir den Schlüssel zum Glück in uns trügen und wir dieses bloss aktivieren müssten.

Brinkmann wehrt sich gegen die Vorstellung, jeder Mensch könne sich durch Achtsamkeit, Coaching und positives Denken verändern. Es sei Quatsch, die Lösung für alle Probleme in uns selbst zu finden, denn meistens herrsche, wenn man so in sich hineinhöre, bloss eines: Stille. Und das sei auch gar nicht schlimm.

Der Gemütszustand beeinflusst die Gesundheit kaum

Der streitlustige Professor entzaubert in seinem Buch ein weiteres Klischee, das sich hartnäckig hält: dass es schädlich sei, seine Gefühle zu unterdrücken, weil das krank mache, ja, gar zu Krebs führen könne. Brinkmann schreibt, es gebe keine einzige verlässliche Studie, die das bestätige. Es verhält sich vielmehr gerade umgekehrt: Gewisse Erlebnisse brennen sich weniger stark ein, wenn man sie verdrängt oder zumindest nicht dauernd wiederkäut; das Ganze geht dann einfach irgendwann vergessen, ohne grösseren Schaden zu hinterlassen.

«Die Behauptung, Unglücklichsein sei ein wichtiger Grund für die Sterblichkeit, ist schlicht Unsinn.»Professor Sir Richard Peto

Wie wir uns fühlen, hat ohnehin nicht so viel Einfluss, wie uns die ganze Therapeutenarmada weis­machen will: Ende 2015 wurde im Wissenschafts­magazin «Lancet» eine der grössten Studien veröffentlicht, die je den Zusammenhang von psychischer und physischer Gesundheit erforschten. Während zehn Jahren befragte die Universität Oxford 700 000 Frauen aus allen Altersgruppen regelmässig zu ihrem Gemütszustand und ihrer körperlichen Verfassung.

Der Befund war eindeutig: Entgegen dem, was gebetsmühlenartig gepredigt wird, lebt nicht länger, wer glücklich ist. Der Co-Autor der Studie, Professor Sir Richard Peto, sagte damals im «Guardian»: «Die Behauptung, Unglücklichsein sei ein wichtiger Grund für die Sterblichkeit, ist schlicht Unsinn.» Kurz: Der Gemüts­zustand beeinflusst die Gesundheit so wenig wie die Lebenseinstellung.

Aufs Negative fokussieren im Sinne des Stoizismus

Brinkmann plädiert deshalb dafür, auf das Negative zu fokussieren (weil das dankbarer mache für das, was man tatsächlich habe), ganz im Sinne des Stoizismus. Die griechisch-römische Philosophie basiert auf einer nüchternen Analyse der Dinge und fordert, dass man sich der eigenen Grenzen und der eigenen Sterblichkeit (memento mori) bewusst sein sollte – weil im Leben eben n i c h t alles möglich ist. Allen Versprechungen der Selbstoptimierindustrie zum Trotz hat nicht jeder oder jede das Zeug zum Ingenieur oder zur Konzertpianistin.

Und Svend Brinkmann geht da mit guten Beispiel voran. Als er an seinem Arbeitsplatz kürzlich erklären musste, welche «Visionen» er für die Uni Aalborg habe, sagte er: «Wir sollten einfach eine durchschnittliche Universität sein.» Weil es als Lehranstalt in einer unbedeutenden Stadt in Dänemark schlicht lachhaft wäre, von internationalem Renommee zu träumen. Seine Kolleginnen und Kollegen nahmen ihm das sehr übel. Sie fanden ihn zu wenig positiv. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.02.2017, 21:31 Uhr

Svend Brinkmann: «Stand Firm – Resisting the Self-Improvement Craze», 138 Seiten, ca. 25 Franken.

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