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Jungbrunnen im jungen Blut

Blutplasma aus menschlichem Nabelschnurblut verjüngt das Gehirn von Mäusen. Ein Schweizer Hirnforscher in Kalifornien testet die Verjüngungskur nun bei Alzheimerpatienten.

Nur raus hier: Nach der Behandlung mit Nabelschnurblut fanden alte Mäuse den Ausgang schneller als ihre nicht behandelten Altersgenossen. Foto: Getty Images
Nur raus hier: Nach der Behandlung mit Nabelschnurblut fanden alte Mäuse den Ausgang schneller als ihre nicht behandelten Altersgenossen. Foto: Getty Images

Wenn ein Team stagniert, wenn in einer Firma zu viel Routine die Kreativität erdrückt, kommt schnell der Ruf nach «jungem Blut». Neue Kräfte sollen die ­Organisation revitalisieren und neuen Spirit bringen. Junges Blut könnte allerdings auch im wörtlichen Sinn alte Gehirne verjüngen. Ob das bei Menschen tatsächlich gelingen wird, ist noch unklar. Doch neue Resultate aus Experimenten mit Mäusen lassen darauf hoffen, dass junges Blut, oder einige seiner Ingredienzen, dereinst als Jungbrunnen für alternde Gehirne und erschlaffte Körper dienen könnte.

Diese je nach Blickwinkel verheissungsvolle oder eher beängstigende Neuigkeit kommt aus dem Labor des Schweizer Alzheimer- und Altersforschers Tony Wyss-­Coray von der Stanford University in Kalifornien. Mit einer Serie von viel beachteten Experimenten konnte der Neurobiologe zeigen, dass junges (menschliches) Blut das Gehirn alter Mäuse verjüngte, und zwar sowohl auf Ebene der Hirnzellen als auch in Bezug auf das Verhalten. Das berichtete das Team um Wyss-Coray Mitte April im Wissenschaftsblatt «Nature».

Wie beim Menschen nimmt auch bei Mäusen die Gehirnleistung mit dem Alter ab. So schneiden alte Mäuse bei verschiedenen Tests schlechter ab, sie brauchen etwa länger, um den Ausgang aus einem Labyrinth zu finden, sie ­erinnern sich auch weniger gut ­daran, wo sie eine schlechte Erfahrung gemacht haben. Die Forscher gehen davon aus, dass diese Defizite mit Veränderun­gen im Hippocampus zu tun haben, der zentralen Schaltstelle im Gehirn für Lernen und Gedächtnis.

Für ihre Experimente injizierten Mitarbeiter von Wyss-Coray alten Mäusen menschliches Blutplasma aus drei verschiedenen Quellen: aus Nabelschnurblut, vom Blut junger Erwachsener (19 bis 24 Jahre alt) und solches von Senioren (61 bis 82 Jahre alt). Die Mäuse hatten ein geschwächtes Immunsystem, damit sie das menschliche Blut nicht abstiessen.

Zwielichtige Angebote von Bluttransfusionen

Das Nabelschnurblut wirkte am besten: Nicht nur waren im Hippocampus von damit behandelten Mäusen jene Gene stärker aktiv, die im Zusammenhang mit dem Gedächtnis stehen, die Forscher fanden auch biochemische Veränderungen, die auf besseres Lernen hindeuten. Vor allem verhielten sich die Mäusesenioren auch wie jüngere Mäuse: Sie fanden schneller den Ausgang aus einem Labyrinth als ihre Altersgenossen, und sie begannen wie jüngere Mäuse wieder Nester zu bauen. «Insgesamt reduzierten sich die altersbedingten Funktionsverluste um die Hälfte», sagt Wyss-Coray. Ähnliche, aber deutlich geringere Effekte zeigten jene Mäuse, die Blutplasma von jungen Erwachsenen erhielten; völlig wirkungslos blieb das Blutplasma von Senioren.

Mit diesen Experimenten konnte Wyss-Corays Team erstmals zeigen, dass auch in jungem menschlichem Blutplasma ein Verjüngungselixier steckt. Bislang fanden die Forscher einen Jungbrunnen erst im Blut der Nager selbst.

Angesichts der vielversprechenden Erkenntnisse überrascht es kaum, dass zwielichtige Anbieter aufs Parkett treten und bereits (für mehrere Tausend Dollar) Trans­fusionen mit jungem Blutplasma offerieren. «Das ist nicht seriös», sagt Wyss-Coray. Auch sonst boomt das Business mit angeblich wissenschaftlich abgestützten Verjüngungskuren, die aber meist den ­Beweis schuldig bleiben, dass sie beim Menschen wirken.

Hippocampus bildete neue Hirnzellen

Auf die Spur gekommen ist Wyss-Coray dem verjüngenden Effekt von jungem Blut erstmals vor gut acht Jahren. In einem ebenso aufsehenerregenden wie ethisch umstrittenen Experiment nähte damals ein Doktorand aus seinem Team alte und junge Mäuse wie siamesische Zwillinge an ihrer Flanke zusammen, sodass sich ihre beiden Blutkreisläufe austauschten. Die alten Mäuse kamen so in Kontakt mit jungem Blut, die jungen Mäuse mit altem Blut. «Parabiose» nennen Forscher diese Methode. Aus Tierschutzgründen werden in Europa seit den 1980er-Jahren keine solchen Experimen­te mehr bewilligt.

Als die Forscher in Wyss-Corays Team die Gehirne der siamesischen Mäuse untersuchten, beobachteten sie Verblüffendes: Im Hippocampus der alten Mäuse bildeten sich vermehrt neue Hirnzellen – genauso wie in einem jungen Gehirn. Umgekehrt schienen die Gehirne der jungen Mäuse schneller zu altern.

Als Nächstes fanden die Stanford-Forscher heraus, dass nur das Blutplasma, der flüssige, zellfreie Teil des Bluts, verjüngend wirkte, nicht aber die anderen Anteile des Bluts. Darauf stellten sich die Forscher die Frage: Welches oder welche der über tausend Eiweisse, die man im Blut entdecken kann, sind tatsächlich in der Lage, alte Mäusegehirne zu verjüngen?

TIMP2 bewirkt ähnlichen Verjüngungsschub

Eine erste Antwort darauf liefert Wyss-Coray in der aktuellen Studie. Von unzähligen getesteten Eiweissen weckte eines das Interesse der Forscher besonders stark: TIMP2 heisst das Protein, von dem man bisher nur wusste, dass es bei Verletzungen oder während der Entwicklung eine Rolle spielt. Wie Wyss-Corays Team zeigen konnte, ist TIMP2 in jungem Blut in grossen Mengen vorhanden, seine Spiegel nehmen mit dem Alter dann kontinuierlich ab – und zwar bei Mäusen wie bei Menschen. Als Wyss-Coray alten Mäusen TIMP2 spritzte, bewirkte das einen ähnlichen Verjüngungsschub wie das Nabelschnurblut.

Trotzdem glaubt Wyss-Coray nicht, dass TIMP2 der alleinige Jungbrunnen im Blutplasma ist. «Ich denke, es gibt viele verschiedene Faktoren, die jeweils spezifische Effekte auf das Altern und die Kognition haben», sagt der Pro­fessor für Neurologie und Neurowissenschaften. «Aber TIMP2 könnte tatsächlich einen beträchtlichen Effekt haben.» Langfristig plant Wyss-Coray, respektive das von ihm mitgegründete Start-up Alkahest, diverse potenzielle Verjüngungsstoffe in einem Cocktail zu vereinen.

Alkahest hat auch den ersten klinischen Versuch mit 18 Alzheimerpatienten gesponsert, der zwar abgeschlossen, aber noch nicht fertig ausgewertet ist. In dem Versuch erhielten die Patienten mehrere Male eine Infusion mit jungem menschlichem Blutplasma. Wyss-Coray wartet selbst sehnlichst auf die Resultate, dämpft aber die ­Erwartungen. Im besten Fall könnten die Patienten wieder Dinge ­machen, die sie vorher nicht mehr konnten, zum Beispiel die Zähne putzen. «Wir sollten nicht auf Wunder hoffen.»

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