Kantone verschieben Schulbeginn

Mit Stundenplananpassungen sollen die SBB in den Stosszeiten entlastet werden.

Pendler: 600000 Reisende sind täglich zu den Stosszeiten unterwegs. Foto: Michele Limina

Pendler: 600000 Reisende sind täglich zu den Stosszeiten unterwegs. Foto: Michele Limina

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Morgens um sieben fängt das Gedränge und Geschiebe an. 600 000 Reisende sind täglich zu den Stosszeiten mit den SBB-Zügen unterwegs. Nicht nur Bürolisten und Büezer fahren zur Arbeit, auch Tausende Gymnasiasten, Berufsschüler und Studenten rangeln um die raren Sitzplätze. Allein an den zehn grössten Schweizer Hochschulen sind gegen 200 000 Studenten eingeschrieben – viele pendeln im Zug dorthin.

Wie man die rappelvollen Pendlerzüge entlasten könnte, dazu hatte SBB-Chef ­Andreas Meyer schon vor einer Weile eine Idee. Schulen und Unis, schlug er vor, könnten ihren Unterrichtsbeginn verschieben oder stärker staffeln. Damit liesse sich vermeiden, dass Schüler und Studenten ausgerechnet dann in den Zügen sitzen, wenn der Berufsverkehr am grössten ist. Meyers Appell war bislang mässig erfolgreich.

Jetzt aber kommt Bewegung in die starren Stundenpläne. Vorreiter ist der Kanton Zug. «Wir haben 23 Gymnasien, Berufs- und Hochschulen angeschrieben», sagt Hans-Kaspar Weber, Leiter des Amts für öffent­lichen Verkehr. «Mit diversen Schulen sind wir nun in Kontakt, um mit Stundenplananpassungen die Schülerspitzen zu glätten.» 4877 Schüler führen durchschnittlich pro Tag an diese Schulen. Amtschef Weber weiss genau, welche Züge und Busse sie benutzen. «Die S-Bahn um 7.14 Uhr von Cham nach Zug ist am stärksten frequentiert. Dieser Zug muss sogar doppelt geführt werden.»

Auch auf diversen Buslinien müssen Zusatzwagen eingesetzt werden, um die Schülerschar pünktlich zum Unterricht zu bringen. «Wenn diese Verstärkungskurse durch einen gestaffelten Unterrichtsbeginn wegfallen», sagt Verkehrsexperte Weber, «bringt das ein Einsparpotenzial für den Kanton Zug von schätzungsweise 500 000 bis 800 0000 Franken pro Jahr.»

«Das bringt ein Einsparpotenzial für den Kanton Zug von schätzungsweise 500 000 bis 800 0000 Franken pro Jahr.» Verkehrsexperte Hans-Kaspar Weber

Bereits gehandelt hat die Kantonsschule Menzingen im Kanton Zug. Sie habe den Stundenplan auf dieses Schuljahr hin angepasst, sagt Weber. «Jetzt müssen wir den Bus nach Menzingen nur noch doppelt statt dreifach führen.»

40 Millionen Franken jährlich für ­Zusatzwagen

Inzwischen ist auch die Stadt Bern bei den Schulen vorstellig geworden. Die Stadtberner Gymnasien und Berufsschulen müssen noch in diesem Jahr Vorschläge ausarbeiten, wie sie ihre Schüler zwischen sieben und acht Uhr vom ÖV fernhalten können.

Seit Jahren sind Züge in den Spitzenzeiten überfüllt, in den Nebenzeiten fahren sie dafür halb leer herum. Die Verkehrsbetriebe schieben Zusatzwagen und Doppelstockzüge auf die Schiene, um den Pendler­andrang in den Spitzenzeiten zu bewältigen. Billig ist das nicht. Für diese Massnahmen blätterten die S-Bahn-Betreiber BLS und RBS 2015 allein in der Region Bern rund 16 Millionen Franken hin. Beim Kanton Bern schlagen die Kosten mit 40 Millionen Franken jährlich zu Buche. Da kann die Verschiebung des Schulunterrichts etwas bringen. Wenn jeder Schüler an einem zusätzlichen Tag pro Woche erst um 9 Uhr in die Schule muss, hat die Metropolitankonferenz Zürich berechnet, würde dadurch die Verkehrsnachfrage in der morgendlichen Stosszeit um 20 Prozent vermindert.

Gefragt sind nicht nur Massnahmen an den Gymnasien und Berufsschulen. Auch an den Hochschulen seien «gestaffelte Unterrichtszeiten ein wirkungsvoller Hebel, um die Hauptverkehrszeit zu entlasten», hält eine neue Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) fest. Rund 18 500 Studierende, haben die Autoren berechnet, könnten so ausserhalb der morgendlichen Stosszeit reisen – das ­entspricht 16 Prozent der Hochschulab­solventen.

«Gestaffelte Unterrichtszeiten sind ein wirkungsvoller Hebel, um die Hauptverkehrszeit zu entlasten»

Die Hochschule Luzern hat bereits umgestellt. Im neuen Departement Informatik auf dem Campus Zug-Rotkreuz beginnen die Vorlesungen erst um 9 Uhr. Auch an der ZHAW denkt man jetzt über einen späteren Vorlesungsbeginn nach. Die Fachhoch­schule Nordwestschweiz will beim Bezug des neuen Campus in Muttenz im Sommer 2018 «die Unterrichtszeiten überprüfen und nach Möglichkeit optimieren», sagt Sprecher Dominik Lehmann. An der Universität Zürich dagegen findet man es wenig sinnvoll, den aktuellen Stundenplan zu ändern, da die Anfangszeiten der Vorlesungen durch die verschiedenen Standorte bereits gestaffelt seien.

Bei Swissuniversities ist das Thema traktandiert

Geht es nach den SBB, soll das Modell von Rotkreuz Schule machen. «Wir stehen aktiv im Dialog mit verschiedenen Bildungsinstitutionen in der ganzen Schweiz», sagt SBB-Sprecher Oli Dischoe. «Auch in diesem Jahr wollen wir konkrete Initiativen wie in Rotkreuz umsetzen.» Bei der Schweizer Konferenz der Hochschulrektoren (Swissuniversities) ist das Thema bereits traktandiert. Im Rahmen der Arbeiten zur Flexibilisierung des Studiums werde man «auf die Thematik hinweisen und mögliche Optionen diskutieren», sagt Michael Hengartner, Präsident von Swiss­universities und Rektor der Universität ­Zürich. Manchmal reichen aber auch kleine Anpassungen im Fahrplan, um die Schüler­ströme umzulenken. Im Kanton Zug, sagt Amtschef Weber, gebe es eine Schule, die man mit dem Bus oder mit dem Zug erreichen könne. Der Bus halte direkt vor dem Schulhaus; reisen die Schüler mit dem Zug an, müssen sie von der Bahnhaltestelle noch drei Minuten zu Fuss gehen. «Darum nehmen alle den Bus, den wir doppelt führen müssen, während es im Zug noch massenhaft Kapazität gibt, weil er in die Gegenrichtung zu den Pendlerströmen fährt», sagt Weber. Nun prüft er, den Bus eine Viertelstunde früher losfahren zu lassen. «Dann müssen die Schüler früher aufstehen oder die Bahn nehmen», sagt Weber. «In diesem Fall wäre ich froh, sie würden mit dem Zug fahren.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.02.2017, 22:44 Uhr

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