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Kindsköpfe im Bundeshaus

Der Nationalrat übt sich im Quengeln, Drängeln und in Pippi-Langstrumpf-Politik. Eine Kolumne von Andreas Kunz.

Hätten vielleicht reifer abgestimmt: Schüler im Nationalrat. Foto: Keystone
Hätten vielleicht reifer abgestimmt: Schüler im Nationalrat. Foto: Keystone

Kinder sind hemmungslos, undiszipliniert und emotional. Sie trötzeln, schreien oder heulen, wenn sie nicht die gewünschte Aufmerksamkeit erhalten oder etwas nicht so läuft, wie sie es ­gerne hätten. Kurz: Kinder sind unglaublich lustig – solange es nicht die eigenen sind, die herumtäubelen. Und solange die Hoffnung bleibt, dass sich ihr Quengeln und Drängeln auswächst. Selbstverständlich ist das leider nicht. Unter Erwachsenen taucht Infantilismus paradoxer­weise vor allem dort auf, wo sich angeblich die Gescheitesten und Besten des Landes tummeln: in der Politik. Man braucht dafür nicht einmal nach Amerika zu schauen, wo derzeit ein 70-jähriger Quengelkopf Präsidentsein spielt. Auch in der Schweiz sind Kindereien unter Politikern weit verbreitet. Und damit ist nicht einmal ihr Imponiergehabe oder ihre Dünnhäutigkeit gemeint – diese Eigenschaften kommen überall vor, wo vor allem Männer um Macht und Einfluss ringen wie damals auf dem Pausenplatz.

Ein Klassiker des politischen Infantilismus ist zum Beispiel das Vogel-Strauss-Syndrom, besonders ausgeprägt bei den Linken: Geht es um Themen wie Migration oder Kriminalität – oder am schlimmsten: die Kombination von beiden –, verschliessen sie wie verängstigte Kinder ihre Augen und hoffen, dass das Problem dadurch verschwindet. Da ich dem Vogel Strauss aber nicht unrecht tun will – dass er bei Gefahr seinen Kopf im Sand versteckt, ist eine Legende –, nenne ich dieses Verhalten lieber Pippi-Langstrumpf-Politik: Genauso wie die Kinderheldin macht sich die Linke vorzugsweise ihre Welt, widdewidde wie sie ihr gefällt.

«Zum Glück ist in der Schweiz immerhin das Volk als oberster Chef im Land mündig»

Nicht weniger kindisch verhielten sich in dieser Sommersession allerdings die Bürgerlichen. Jene Parteien, die sich für Unternehmer einsetzen wollen und keiner Steuererleichterung abgeneigt sind, verweigerten eine Steuererleichterung für Unternehmer aus lauter Trotz und Rachsucht. SP-Nationalrätin Jacqueline Badran wollte mit einer parlamentarischen Initiative Start-up-Gründer finanziell entlasten und dadurch den Innovations- und Unternehmergeist stärken. Da Badran sich aber vehement und erfolgreich gegen die Unternehmenssteuerreform III ins Zeug gelegt hatte, erteilten die Bürgerlichen der Vorlage im Nationalrat eine Abfuhr.

Noch einmal kindisch verhielten sich die Räte, als sie ihr Verhalten gegenüber der NZZ rechtfertigen mussten. Die FDP-Nationalräte äusserten sich nur anonym, gaben aber immerhin zu, dass der «falsche Absender» eine Rolle gespielt habe und man Badran «keine Plattform» geben wollte. Die SVPler stritten wie erwischte Schulbuben jegliche Schuld ab – eine solche Vergeltungsmassnahme wäre ja «unprofessionell», behaupteten sie und schoben für ihr Nein andere Ursachen vor – Gründe, die wie bei jeder Ausrede nicht allzu plausibel klangen. Einzig CVP-Präsident Gerhard Pfister gab als ehemaliger Klosterschüler das bürgerliche Trötzeln offen zu und bedauerte, dass er seine Kollegen nicht für ein Ja gewinnen konnte. Unnötig zu erwähnen, dass Badran auch von mehr als der Hälfte der eigenen Partei im Stich gelassen wurde. Warum sollten sich Sozialdemokraten plötzlich wie Erwachsene benehmen und ihre Kollegin bei einem zwar sinnvollen, aber bürgerlichen Anliegen unterstützen? Zum Glück ist in der Schweiz immerhin das Volk als oberster Chef im Land mündig. Andernfalls würde es aus lauter Trotz über diese Kindereien längst nicht mehr wählen gehen.

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