Mit 91 auf der Überholspur – in die falsche Richtung

Dreimal mehr verurteilte Lenker über 70. Jetzt prüft Helvetia die Anhebung der Prämien.

Brems- und Gaspedal verwechselt: Unfall einer 71-Jährigen in St. Gallen. Foto: Stadtpolizei St. Gallen

Brems- und Gaspedal verwechselt: Unfall einer 71-Jährigen in St. Gallen. Foto: Stadtpolizei St. Gallen

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An einem Sonntagabend im Januar steuert der 86-jährige Senior bei Niederbipp BE auf die A1. Neun Kilometer weit brettert er auf dem Überholstreifen. Bis ihn die Polizei bei einem Rastplatz aus dem Verkehr zieht – der Rentner war die gesamte Strecke in die falsche Richtung unterwegs.

Die letzte Fahrt eines 91-jährigen Seniors endet am 29. Mai auf der Autostrasse A 13 beim Anschluss Nufenen. Er lenkt sein Fahrzeug zwischen den Leit­platten und Verkehrskegeln einer Umleitung auf die Gegenfahrbahn und kracht frontal mit einem entgegenkommenden Wagen zusammen. Der greise Automobilist erliegt ­seinen schweren Verletzungen.

Fast wöchentlich melden Polizeistellen solche Irrfahrten betagter Lenker. Ein verwirrter 83-jähriger Autofahrer demoliert am 1. Juni in St. Gallen im Vorbeifahren vier parkende Autos und verursacht einen Sachschaden von mehreren Tausend Franken. Am letzten Mittwoch verwechselt eine 71-jährige Lenkerin das Brems- und Gaspedal, knallt in eine Hecke und landet mit ihrem Wagen auf der Zufahrtsmauer einer ­Tiefgarage.

«Grobe Verletzung der Verkehrsregeln»

Während die Zahl der Verkehrssünder bei jungen Lenkern abnimmt, steigt sie bei den älteren Semestern massiv an. Laut neuen Zahlen des Bundesamts für Statistik wurden letztes Jahr 1692 Rentner, die älter als 70 Jahre waren, wegen Verstössen gegen das Strassenverkehrsgesetz verurteilt. Dreimal mehr als vor zehn Jahren – und so viele wie noch nie.

Der häufigste Grund: «grobe Verletzung der Verkehrsregeln». 824 betagte Verkehrsrowdys kassierten dafür einen Schuldspruch. Mit 474 Verurteilungen liegt «Fahren in fahruntüchtigem Zustand» auf Rang zwei. Dazu gehören Fahrten von 301 Senioren in angetrunkenem Zustand, andere waren unter dem Einfluss starker Medikamente unterwegs, die das Reaktionsvermögen erheblich beeinträchtigen können.

7000 Senioren mussten Ausweis abgeben

Noch nie war die Mobilität der Alten so gross wie heute. Und noch nie sassen wohl so viele Betagte am Steuer, die das besser nicht tun sollten. Das schlägt sich bei den Ausweisentzügen nieder. 6937 Senioren mussten 2016 den Fahr­ausweis abgeben – 19 pro Tag. Alle waren 70 oder älter, sie hatten entweder einen Unfall verursacht oder waren durch seltsame Manöver aufgefallen. Allein wegen Krankheiten und Gebrechen zogen die Strassenverkehrsämter 2990 Führerscheine ein. 20 Prozent mehr als im Vorjahr.

Zunehmend sind auf Schweizer Strassen Autolenker unterwegs, die an altersbedingten Einschränkungen leiden. «Bei Senioren über 70 stellen wir mehr Demenzerkrankungen und Sehprobleme fest», sagt Rolf Seeger, Verkehrsmediziner der Universität Zürich. Viele könnten nicht mehr erkennen, dass sie fahruntüchtig sind. «Wenn man diese Lenker nicht ärztlich kontrolliert, bemerken sie ihre abnehmende Fahrtauglichkeit nicht», sagt Seeger.

Jetzt will das Parlament aus­gerechnet bei älteren Verkehrs­teilnehmern die obligatorischen Kontrollen der Fahrtauglichkeit ­lockern. Bisher müssen Senioren ab 70 Jahren alle zwei Jahre beim Arzt zum verkehrsmedizinischen Check antreten. Diese Limite soll nun auf 75 angehoben werden – trotz der aktuellen Zunahme bei den Vergehen und Ausweisent­zügen. Am Dienstag berät der ­Nationalrat einen entsprechenden Gesetzesentwurf.

«Ärztliche Kontrollen ausweiten»

Zu früh, findet die Beratungsstelle für Unfallverhütung. Man führe eine Untersuchung zu den Auswirkungen einer solchen Anpassung durch, sagt Sprecher Marc Bächler. «Wir hätten es begrüsst, wenn man mit einer Änderung der Altersgrenze die Resultate unserer Studie abgewartet hätte.»

Entschieden gegen die Änderung ist Thomas Hardegger «Man darf die ärztlichen Kontrollen nicht lockern, sondern müsste sie im Gegenteil ausweiten», sagt der SP-Nationalrat, Mitglied der Verkehrskommission. Vergeblich setzte er sich im Parlament dafür ein, dass die obligatorischen Checks weiterhin ab 70 Vorschrift sind. Am Dienstag will Hardegger nun zumindest einen Kompromiss­antrag durchbringen. «Die erste Untersuchung soll mit 70 stattfinden, die nächste dafür erst mit 75», lautet sein Vorschlag.

Neue ­Prämienmodelle für Senioren?

Eine Lockerung für Senioren dürfte den Autoversicherern Sorgen bereiten. Sie schütten schon jetzt grosse Beträge an Crash-Rentner aus. «Wir stellen eine deutliche Zunahme an Schadensfällen von Autolenkern fest, die über 70 Jahre alt sind», sagt Hansjörg Ryser, Sprecher der Helvetia Versicherung. «Durch die demografischen Veränderungen erwarten wir eine Fortsetzung dieses Trends.»

Jetzt geht die Versicherung über die Bücher und prüft Massnahmen bei Senioren wie «Anpassungen bei den Prämientarifen», konkret: höhere Prämien. Daneben seien «auch Modelle mit höheren Selbstbehalten oder die genauere Abklärung der Schadenshistorie bei Neuabschlüssen denkbar», sagt Ryser. Geprüft würden auch spezielle Rabattsysteme für Rentner. «So könnte zum Beispiel ein tieferer Selbstbehalt oder ein Prämienrabatt gewährt werden, wenn ein älterer Autolenker ein bestimmtes Assistenzsystem einsetzt», sagt Ryser. Dazu müssten allerdings die rechtlichen Voraussetzungen, etwa beim Datenschutz, geprüft werden.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.06.2017, 23:09 Uhr

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