Mit dem Heldenmut des Einzelnen gegen terroristische Bedrohung

Roy Larner hielt die Attentäter der London Bridge auf. Er trug acht Messerstiche davon.

In der Schweiz gibt es laut Angaben des Nachrichtendienstes 90 Risikopersonen, von denen eine «ernsthafte Bedrohung» ausgeht.

In der Schweiz gibt es laut Angaben des Nachrichtendienstes 90 Risikopersonen, von denen eine «ernsthafte Bedrohung» ausgeht. Bild: Keystone

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Ein wahrer Fussballfan isst, schläft, lebt Fussball. Und sogar im Angesicht des Terrors hat er eine Antwort auf das Grauen: Fussball. Roy Larner, 47, Brite, wohnungslos und – vor allem – Anhänger des Londoner Vereins Millwall FC, demonstrierte das eindrücklich. Als die drei mit Messer bewaffneten islamistischen Angreifer am vergangenen Wochenende in ein Pub am Borough Market stürmten und «Islam, Islam» und «Das ist für Allah» schrien, stellte Larner sich ihnen in den Weg und rief: «Fuck you, I’m Millwall!»

Er habe sich über «die Idioten lustig machen» wollen, sagt Larner. Während er mit den Attentätern kämpfte, konnten die anderen Gäste fliehen. Acht Messerstiche trug der Fussballfan davon, musste im Spital operiert werden. Die Öffentlichkeit verlieh ihm den Titel «Der Löwe der London Bridge». Seine Freunde schenkten ihm, in Anspielung auf seine störrische Weigerung, vor den Terroristen wegzulaufen, ein Handbuch mit dem Titel «Rennen lernen».

«Ein einziger potenzieller Jihadist bindet mindestens zehn Polizisten.»

Roy Larner, Fan eines Fussballclubs, der sonst hauptsächlich für seine Hooligans bekannt ist, wurde zur Symbolfigur für Zivilcourage, Freiheit, den unbedingten Willen, sich dem Terror nicht zu beugen. Fast scheint es, wir seien auf den Heldenmut Einzelner angewiesen, um den Islamisten entgegentreten zu können. Den britischen Behörden waren die Attentäter zwar schon in der Vergangenheit aufgefallen, die Ermittlungen wurden aber schubladisiert. Zu viele Gefährder stehen auf den Beobachtungslisten der Fahnder. 3000 Verdächtige verzeichnen die Briten, 1000 sind es in Deutschland, 12'000 in Frankreich. In der Schweiz gibt es laut Angaben des Nachrichtendienstes 90 Risikopersonen, von denen eine «ernsthafte Bedrohung» ausgeht. Sie alle lückenlos zu überwachen, stellt die Behörden vor eine nahezu unlösbare Aufgabe. Ein einziger potenzieller Jihadist bindet laut Experten mindestens zehn Polizisten.

Nach Auffassung von Professor Jérôme Endrass vom Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich lässt sich der Kreis der gewaltbereiten Extremisten aber deutlich einschränken. Der forensische Psychologe hat eine Methode mitentwickelt, die jetzt in Deutschland angewandt wird. Sie soll helfen, die Wichtigtuer von den wirklich Gefährlichen zu unterscheiden. Dazu braucht es ein Umdenken: Statt auf religiöse Eiferer müssen sich die Fahnder laut Endrass viel stärker auf Täter mit Gewalterfahrung konzentrieren.

Aber auch Endrass’ Methode ist nicht unfehlbar. Nicht jeder Terrorist wird sich von den Behörden aufhalten lassen. Und dann hofft man, dass man selbst den Mut hat, sich ihm in den Weg zu stellen und zu rufen: «Fuck you, I’m Millwall.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.06.2017, 23:21 Uhr

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