Qualvolles ­Leben – für einen ­Irrglauben

Der Bärengalle wird in Asien heilende und potenzsteigernde Wirkung nachgesagt. In Vietnam werden Bären deshalb unter grausamen Bedingungen gehalten.

Eine einzige Qual: Die Bären in den Farmen sind eingepfercht. Foto: Vier Pfoten

Eine einzige Qual: Die Bären in den Farmen sind eingepfercht. Foto: Vier Pfoten

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie leben in rostigen Käfigen und stinkenden Verliesen, laufen hinter den ­Gitterstäben hin und her, dämmern im Stumpfsinn. Unterernährt, krank, geschwächt. Rund 1300 Kragenbären vegetieren unter qualvollen Be­din­gun­gen auf etwa 400 Bärenfarmen in ­Vietnam.

Provinz Ninh Binh, rund 90 Kilometer nördlich von Hanoi. Eine holprige Strasse führt zu einem abgelegenen Gelände. Hunde bellen. Das Gelände ist verwahrlost, die Betonbaracke heruntergekommen, feucht und dunkel. Auf einem kleinen Herd steht ein Metalltopf mit einer graubraunen Pampe, ein Gemisch aus Abfällen und Reis – das Futter für die Bären. Die Tiere sind abgemagert, apathisch, dehydriert, sie haben Wunden an den Tatzen und blank gescheuerte Stellen im Fell, vom Reiben an den Gitterstäben. Seit mehr als zehn Jahren leben sie eingepfercht in ihren engen Käfigen, anderthalb Meter auf anderthalb Meter – ein vergitterter Sarg.

Ein paar Kilometer weiter die nächste Bärenfarm. Die Metallkäfige stehen hinter einer schmutzigen Lagerhalle. Monoton schlagen die Bären ihre Köpfe gegen die Gitterstäbe. Sie sehen und hören nichts. Ihre Käfige sind von Mauern umgeben und mit dicken Tüchern verhängt. Die Tiere leben in Dunkelheit und Isolation.

Konsum und Verkauf sind verboten

Schuld am Elend der Bären ist der Glaube vieler Asiaten an die Heilkraft der 3000 Jahre alten Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Ihr zufolge ist Bärengalle ein wahres Wundermittel. Der Verdauungssaft soll Augenbeschwerden, Leberschäden, ­Verdauungsstörungen, Krämpfe und Bluter­güsse kurieren. Das «flüssige Gold», wie die Bärengalle genannt wird, ist inzwischen nicht nur in Medikamenten enthalten. Das an­gebliche Heil- und Potenzmittel gibt es auch in Softdrinks, Shampoos und Wein.

Auf den Farmen wird die Gallenblase der Bären in einer unsäglichen Prozedur «gemolken». Tierschützer sprechen von weitverbreiteter Quälerei. In Vietnam sind der Konsum und Verkauf von Bärengalle zwar seit 2005 verboten, doch der illegale Handel blüht. Die internationale Tierschutzorganisation Vier Pfoten hat diese Woche Videoaufnahmen veröffentlicht, die das belegen.

Gefangene Bären in Vietnam. Video: Youtube

Die Filmaufnahmen wurden mit versteckter Kamera gemacht. Sie zeigen , wie in Apotheken, Artzpraxen und im Strassenhandel der braune Saft flaschenweise verkauft wird. Und sie zeigen die unerträgliche Prozedur des Galleabzapfens. Es sind Bilder des Grauens. Bilder, die man nie mehr vergisst. Man sieht Männer, die sich mit Spritzen, Kathetern und Ampullen den Käfigen nähern, die Bären reagieren wie von Sinnen, rasen vor Angst und Wut, werfen sich gegen die Gitterstäbe, die ihnen den Fluchtweg versperren. Man hört sie schreien, es klingt wie Kinderschreie, verzweifelt, voller Todesangst. Als ahnten sie, was ihnen bevorsteht.

Zuerst werden die Bären mit Eisenstangen gereizt, damit sie sich aufrichten und die Betäubungsspritze ihr Ziel findet. Es sind Laien, die hier zu Gange sind. Einer der Bären wird in aufrechter Haltung mit Seilen an den Gitterstäben festgezurrt, ein anderer aus dem Käfig gezerrt. Mit Ultraschall wird die Gallenblase lokalisiert, dann wird ein Kathederrohr direkt in die Blase hineingespiesst. Bis zu 100 Milliliter gibt es pro Bär, ein Kilo Galle bringt auf dem Schwarzmarkt in Vietnam etwa 100 Euro. In China, wo das Gallenmelken nach wie vor legal ist, kostet es das Dreifache.

«Die Prozedur ist unglaublich schmerzhaft», sagt Thomas Pietsch, Wildtierexperte von Vier Pfoten, «und viele Bären sind nicht richtig betäubt.» Da die Eingriffe unter unhygienischen Bedingungen vorgenommen würden, komme es zu Entzündungen und Abszessen. «Häufig erkranken die Tiere auch an Leberkrebs», sagt Pietsch. Eine medizinische Versorgung fehlt.

Ärzte warnen vor Gallensaft

Noch brutaler sind chinesische Bären­farmen, wo rund 10'000 Tiere in Käfigen vegetieren, die kaum grösser sind als sie selber. Es gibt Bären, die in einer Metaljacke stecken, durch ein Loch wird der Katheter ohne Betäubung in die entzündete Wunde gesteckt – bis zu drei Mal pro Tag.

Ärzte in China haben die heilende Wirkung des Gallensafts längst als Irrglaube abgetan – doch das hat die Nachfrage in Asien und Übersee ebenso wenig gedämpft wie die neuen technischen Möglichkeiten, mit denen der Wirkstoff der Bärengalle künstlich im Labor hergestellt werden kann. Die «echte» Galle findet nach wie vor reissenden Absatz.

«Es gibt Leute, die glauben, Bärengalle könne alles heilen, sogar Krebs», sagt Nguyen Huong, ehemaliger Chef des Verbands der TCM-Mediziner. Er steht in seiner Arztpraxis in einer Seitenstrasse von Hanoi und sagt: «Ich empfehle niemandem, sie zu benutzen. Während meiner Zeit als Arzt in einem Spital habe ich erlebt, wie drei Patienten starben, nachdem sie Bärengalle getrunken hatten.»

Rettungsstation im Bau

Seit zwei Jahren kämpfen die Tierschützer von Vier Pfoten gegen die Bärenfarmen in Vietnam und das Geschäft mit der Galle. Diese Woche haben sie eine Online-Petition gestartet. Sie fordert Massnahmen zur Schliessung aller Farmen.

In der Provinz Ninh Binh bauen die Tierschützer eine 3,6 Hektar grosse Rettungsstation für 100 Bären. Das Gelände hat die Regierung zur Verfügung gestellt, die ­Bau- und Unterhaltskosten zahlt die Tierschutzorganisation. Wenn alles nach Plan läuft, sollen die ersten 40 Tiere bereits im Juni ­einziehen.

Es gibt Bilder, die zeigen, wie Bären nach Jahren der Gefangenschaft in Auffangstationen mühsam das Laufen wieder lernen. Wie sie anfangen, mit Bambusstöcken zu spielen. Und aufhören zu schreien, wenn sich Menschen nähern. Wer diese Bilder gesehen hat, der weiss. Der Kampf gegen die ­Bärenfarmen darf nicht aufhören.

www.vier-pfoten.ch/vietnam (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.05.2017, 21:43 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fahrt ins Grüne: In der Westschweizer Gemeinde Château d'Oex hat der französische Künstler Saype einen riesigen VW-Bus auf eine Wiese gemalt. Das biologisch abbaubare Kunstwerk ist Teil des 20. Internationalen VW-Festivals. (23. August 2017)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...