Vorteil für Aussenseiter Stan

Wieso Stan Wawrinka im Paris-Final Sandkönig Rafael Nadal schlagen kann, erklärt Simon Graf.

Dreimal standen sich Stan Wawrinka und Rafael Nadal bisher an Grand-Slam-Turnieren gegenüber, zweimal siegte Nadal. Den einzigen Final gewann 2014 in Australien der Schweizer. Fotos: Getty

Dreimal standen sich Stan Wawrinka und Rafael Nadal bisher an Grand-Slam-Turnieren gegenüber, zweimal siegte Nadal. Den einzigen Final gewann 2014 in Australien der Schweizer. Fotos: Getty

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Stellen Sie sich vor, Sie ­haben bei einer Bergtour mit ­letzter Kraft ein Hochplateau ­erklommen. Sie sind erleichtert, aber ­total ­erschöpft. Und dann türmt sich vor Ihnen eine Steilwand auf, die sie noch hochklettern müssen. So dürfte sich Stan Wawrinka vorkommen vor seinem French-Open-Endspiel gegen ­Rafael ­Nadal. Furchtbar, nicht?

Nicht für Wawrinka. Er liebt diese Herausforderungen. So ­sagte er, als er am Freitag in ­seinen zweiten Final von Roland Garros eingezogen war: «Ich weiss, dass ich in diesen grossen Spielen nie nachgebe. Es ist, als ob sich alle Luken schliessen und mein ­Gehirn auf Autopilot schaltet. Das heisst nicht, dass ich nicht verlieren kann. Aber ich habe Vertrauen in mich und das, was ich tue.»

Bildstrecke: Die Pariser Finals mit Schweizer Beteiligung

Dem Bauernsohn aus dem beschaulichen Saint-Barthélemy war das nicht immer gegeben. Er musste sich dieses Selbstvertrauen hart erarbeiten, sich bis 28 gedulden bis zu seinem ersten Majortitel am Australian Open 2014. Wobei gedulden wohl das falsche Wort ist. Denn er sagte nie, er wolle dereinst Grands Slams gewinnen. Das als Ziel zu definieren, wäre bei ihm auch lange vermessen gewesen.

Doch während die Altmeister Roger Federer und Nadal mit ihrer Unermüdlichkeit verblüffen, beeindruckt Wawrinka mit seiner Fähigkeit, sich auch in vergleichsweise hohem Alter – mit 32 ist er der ­älteste Paris-­Finalist seit 1973 – kontinuierlich ­weiterzuentwickeln.

Wawrinka – wie ein TGV

Der Romand ist seit seiner Grand-Slam-Premiere in Melbourne nochmals kompletter, taktisch und mental stärker geworden. Das führte ihn zuletzt zu einer eindrücklichen Konstanz auf den grössten Bühnen: Seit 2015 erreichte er an sieben von zehn Grand Slams den Halbfinal. Es passt, dass er für den TGV wirbt – ist er, wie ein Schnellzug, einmal in Fahrt geraten, ist er kaum mehr zu stoppen. Doch heute erwartet ihn die schwierigste Aufgabe im Tennis. Und eine der härtesten überhaupt im Sport: Nadal in ­dessen Reich zu schlagen.

Der Spanier hat in Roland ­Garros 78 von 80 Spielen und neun Titel gewonnen. Wie schwierig es gegen ihn in Paris ist, musste auch Federer immer wieder erfahren. 2005, 06, 07, 08 und 11 scheiterte er hier an seinem Erzrivalen – die letzten viermal im Final. Immerhin gewann er viermal einen Satz. Das schaffte in diesem Jahr noch keiner. Nach schwierigen Jahren mit einer Blinddarmoperation und Handgelenkverletzungen umgibt Nadal an der ­Seine wieder die ­frühere Aura der ­Unbesiegbarkeit. Man vergisst fast, dass seit ­seinem letzten Grand-Slam-Titel schon drei Jahre vergangen sind, er von ­vielen bereits abgeschrieben ­wurde. 2017 ist er nun endlich wieder beschwerdenfrei, ist seine Wucht früherer Tage zurück. Und die Wetterprognose für heute Sonntag dürfte ihm ein Lächeln aufs ­Gesicht zaubern. Es wird 29 Grad – die idealen Bedingungen für ihn, der es mag, wenn die Bälle möglichst hoch abspringen. Glaubt man den Wettanbietern, wird der Final eine klare Sache. Die durchschnittliche Quote für einen ­Nadal-Sieg liegt bei 1,25. Wer auf Wawrinka tippt und recht hat, ­erhält das Fünffache zurück.

Bildstrecke: Nacktbilder, Wutausbrüche und Millionen

Alles spricht gegen den Romand. Auch, dass er einen viereinhalbstündigen Marathon gegen Andy Murray in den Beinen hat, derweil Nadal in den Final spazierte. Doch gerade diese Aussen­seiterrolle liebt Wawrinka. Mit ihr ­gewann er schon seine ersten drei Majorfinals, und wenn er so richtig leidet, wird er nur noch besser.

«Dann vergesse ich alles»

So sagte er im vergangenen September nach seinem US-Open-Sieg: «Wenn es mir wehtut in den Beinen, ich eine gewisse Schmerzgrenze überschritten habe, dann vergesse ich alles. Dann gibt es nur noch das Spiel, nichts anderes.»

Als er sich 2013 das Zitat von Samuel Beckett auf den Unterarm tätowieren liess, war das der Wendepunkt in seiner Karriere: ­«Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.» Scheitere besser? Bei einem, der nach dem vierten Grand-Slam-Titel greift, passt das nicht mehr so richtig. Es müsste heissen: Leide besser!

Erstellt: 10.06.2017, 23:06 Uhr

21:10

31 Majorfinals mit Schweizern gab es bisher – und 21 Siege. Federer (18) gewann seine ersten 7 Finals, Wawrinka bisher alle 3.

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