«Sicher ist: Gier hat noch jedes Paradies zerstört»

Martin Scorsese über die herrschende Moral, den Glauben ans Gute und das Timing des grossen Knalls.

«Ich will nur noch Filme drehen, die mir wichtig sind»: 
Martin Scorsese, 74. Foto: Getty Images

«Ich will nur noch Filme drehen, die mir wichtig sind»: Martin Scorsese, 74. Foto: Getty Images

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Martin Scorsese, 74, ist ein Säulenheiliger des Kinos. Und manchmal befasst sich der in Brooklyn aufgewachsene Regisseur italienischer Abstammung tatsächlich mit Heiligen. Sein «The Last Temptation of Christ» löste heftige Reaktionen der Kirche aus, weil Jesus darin von Sex mit Maria Magdalena träumt. Jetzt startet «Silence», ein brutal schöner Film über Missionare in Japan, an dem Scorsese jahrzehntelang arbeitete. Doch ob Religion oder Gangsterfilm – der Unterschied ist für den Regisseur nicht so gross, was im Interview im Pariser Hotel Le Bristol gleich klar wird.

«The Last Temptation of Christ» von Martin Scorsese.

Mister Scorsese, haben in den USA die Gangster die Macht übernommen, wie in Ihren Filmen?
Ich muss in diesen Tagen tatsächlich oft an «Casino» denken. Darin geht es ja um Las Vegas und die immer wieder leichtfertig geäusserte Behauptung, dass dort alles möglich sei.

Also auch die Aushebelung der Gesetze?
Man sagt leichtfertig: «Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas.» Aber Entschuldigung, gibt es in Las Vegas kein Wahr oder Falsch? Sollte es wirklich so sein, wären wir doch von jeder Moral befreit. Zwar weiss man, dass es falsch ist, aber man kann es trotzdem machen. Manchmal denke ich wirklich, Las Vegas ist jetzt überall.

Was ist die Konsequenz davon?
Mein Film, «Casino», beginnt ja mit Robert De Niro, der in diesem lächerlichen bunten Anzug aus einem Restaurant kommt. Er geht zum Auto. Dreht den Schlüssel. Und der Wagen fliegt in die Luft. Die Frage ist tatsächlich: Wann ist es genug? Wann fliegt alles in die Luft?

«Die Frage ist tatsächlich: Wann ist es ­genug? Wann fliegt alles in die Luft?»

Für wann erwarten Sie den Knall?
Schwer zu sagen. Sicher ist: Gier hat noch jedes Paradies zerstört, auch wenn die heutige Zeit nicht der Garten Eden zu sein scheint, sondern eher so ein Lustgarten, wie ihn Hieronymus Bosch gemalt hat. Aber letztlich werden trotzdem alle rausgeworfen. Ich frage mich: Geschieht das nicht hier und heute? Wir wollen ständig mehr und mehr.

In den USA wurde ein Präsident gewählt, der das Prinzip von «mehr ist mehr» offen vertritt.
Richtig. Wie in meinem anderen Film, «The Wolf of Wall Street». Darin sagen die Hauptpersonen: Unser Job ist es, dich übers Ohr zu hauen. Wir lügen dich an. Wir nehmen dir dein Geld weg. Wir nehmen dir die Frau weg, die Tochter. Da sind wir.

Was für ein Kontrast zu Ihrem neuen Film «Silence»!
Finden Sie? Für mich ist der Unterschied nicht so gross. Auch hier stehen Menschen im Mittelpunkt, die verbissen für etwas einstehen. Es sind nur keine raffgierigen Wall-Street-Banker, sondern einfache Jesuiten im Japan des 17. Jahrhunderts.

Sie haben seit 1989 an diesem Film gearbeitet und trotz Schwierigkeiten nicht aufge­geben. War es auch eine Art Mission für Sie?
Ich will nicht überheblich sein und solche Worte für meine Arbeit gebrauchen. Aber es kommt mir schon wie eine Pilgerreise vor: Ich hatte die Romanvorlage von Endo Shusaku tatsächlich sehr früh gelesen. Aber es gab rechtliche Probleme. Das Projekt wurde immer wieder vertagt. Wir hatten zu wenig Geld. Wir wussten nicht, wo drehen, haben auf der ganzen Welt gesucht, bis wir geeignete Schauplätze in Taiwan fanden.

Der Film beginnt grossartig, mit schwarzer Leinwand, ­Geräuschen und einer wunderschönen Landschaft, wo . . .
. . . der Horror einbricht, ja. Die Missionare werden verbrüht. Das waren übrigens richtige heisse Quellen, bei denen wir die Szene drehten. Ich wollte schnell auf den Punkt kommen. Der Film dauert schon lange genug (2 Std. 41). Das Motto lautete: Vereinfachen, vereinfachen, vereinfachen.

«Silence» von Martin Scorese 2016.

Wie denn?
Wir haben Off-Kommentare weggenommen. Wir haben Dialoge gestrichen. Ich musste wieder einmal lernen, auf die Bilder zu vertrauen. Und das Offensichtliche auszulassen.

Das Offensichtliche?
Es gibt eine Filmszene mit einem Boot, in dem die Priester und ihr japanischer Führer von Macao nach Japan übersetzen und in einen Sturm geraten.

Eine solche habe ich im Film nicht gesehen . . .
Eben. Sie war im Roman, stand auch im Drehbuch. Aber plötzlich sagte ich mir: In jedem historischen Film kommt, bei einer Bootsreise, ein Sturm auf. Das ist ein Klischee! Und als ich sah, was die Szene gekostet hätte, an Drehtagen und Geld, habe ich sie gestrichen.

Hatten Sie wirklich ­Geldprobleme?
Oh ja. Bei diesem Film schon. Unter einem bestimmten Budget könne ich keinen Film drehen, dachten viele. Ich aber sagte: Das Einzige, was ich brauche, ist ein Raum, um mich zurückzuziehen.

Sie wollten ja selber einmal ­Missionar werden, nicht wahr?
Ach, das war so ein Kinderunfug. Ich war neun und glaubte an alles, was die Kirche versprach. Das hat sich geändert im Lauf der Jahre. Aber der Glaube ist immer noch ein Wert für mich. Nichts in meiner modernen Welt kann ihn ersetzen. Werte wie Selbstlosigkeit und Barmherzigkeit gehören dazu.

Sie orientieren sich an diesen Werten?
Ich hoffe es. Natürlich kann ich das einfach sagen, wenn ich jetzt mit 74 Jahren zurückschaue und weiss, dass ich all diese Filme gedreht habe. Aber ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen ich die heutige Weitsicht nicht hatte, mich in Dinge verbiss, die letztlich keine Rolle spielten. Manchmal waren es Filme, und das Privatleben litt darunter. Oder umgekehrt, ich verbiss mich in Privates und vermasselte so etwas Wichtiges beim Filmen.

Viel war es nicht . . .
. . . doch, doch, aber ich will gar nicht erst beginnen zu überlegen, was ich hätte besser machen können. In der letzten Zeit spüre ich zusätzlich: Die Zeit drängt.

Das setzt Sie unter Druck?
Natürlich. Ich will nur noch Filme drehen, die mir wichtig sind.
Waren sie das nicht alle?
Schon, jeder zu seinem Zeitpunkt. Manchmal richtig existenziell wie «Taxi Driver». Manchmal aber reichte die pure Freude.

Welcher war ein Freudenfilm?
«The Color of Money» drehte ich zu einer Zeit, in der ich meinte, mit Hollywood abgeschlossen zu haben. Da bekam ich unerwartet das Angebot, mit einem richtigen Hollywoodstar, mit Paul Newman, zu drehen. Ich dachte, den Film machen zu können, ohne die letzte Portion Leidenschaft zu investieren. Doch der Film wurde dann zu einem meiner grössten Erfolge. Das Kinogeschäft ist eben unvorhersehbar. Nicht zuletzt deshalb bleibt es meine Passion.

«The Color of Money» von Martin Scorsese.

Ist Kino auch eine Art Religion?
Vermutlich schon. Ich fühle mich in einem dunklen Saal sehr aufgehoben. Das war schon als Kind so, weil ich an Asthma litt und nicht draussen herumtoben konnte wie die andern Jungen. In dieser Zeit wurde zuerst die Kirche zu meinem Zufluchtsort. Und dann kamen jüngere Priester, die uns Filme zeigten. Das öffnete mir die Augen für die Welt. Dasselbe versuche ich jetzt mit meinen Kindern.

Auch wenn diese die Filme auf dem Handy schauen?
Meine 17-Jährige macht das. Ich habe zwei ältere Töchter, die gehen noch brav ins Kino. Aber erst kürzlich konnte ich die Jüngste dazu bewegen, sich Kubricks «Barry Lyndon» im Kino anzusehen.

Hat ihr der Film gefallen?
Ja, sie liebt «2001: A Space Odyssey». Ich sagte: Es ist vom gleichen Regisseur, aber eine ganz andere Geschichte, leg dein Telefon weg und geh da rein. Das hat funktioniert. Versuchen Sie es mit Ihren Kindern, wenn Sie zurück in der Schweiz sind.

«Sind Sie verrückt? Ich fahre nicht Ski, ich bin New Yorker!»

Apropos Schweiz, waren Sie je da?
Die Familie meiner Frau hatte ein Chalet in Gstaad. Ich wusste nichts von diesem Ort, war auch nur ein einziges Mal dort. Aber es war eine der ruhigsten und friedlichsten Wochen meines Lebens.

Sind Sie Ski gefahren?
Sind Sie verrückt? Ich fahre nicht Ski, ich bin New Yorker!

Hat sich Ihr Glaube verändert während der Zeit, in der Sie sich schon mit dem Stoff von ­«Silence» befassten?
Ich denke schon. In Erinnerung an den Skandal, den «The Last Temptation of Christ» vor 30 Jahren ausgelöst hatte, sprach ich bei der Recherche viel mit Kirchenmännern. Und merkte: Die Kirche ist offener geworden. Auch wenn es immer noch Kirchenfunktionäre geben wird, die den neuen Film verurteilen werden, weil sich der Priester unter Druck vom Glauben lossagt.

Ist dieser Glaubensabfall ein Zeichen der Stärke oder der Schwäche?
Das ist die grosse Frage des Films.

Haben Sie sie gelöst, für sich?
Hm. Ich weiss nicht, was ich in einer solchen Situation tun würde. Sicher ist: Ich habe oft gesündigt. Ich habe Menschen verurteilt. Statt ihnen zuzuhören, habe ich gesagt: «Halt die Schnauze!» Ich weiss aber auch: Es tut manchmal verdammt gut, «Halt die Schnauze» zu sagen.

Erstellt: 18.02.2017, 21:31 Uhr

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Infobox

Das Böse wohnt unter uns: Filme von Martin Scorsese

SILENCE (2016)

17. Jahrhundert. Zwei jesuitische Missionare landen in Japan, um nach ihrem Lehrer zu suchen. Auf der Insel aber herrscht ein Inquisitor, der alles Christliche brutal bekämpft. Martin Scorsese inszeniert sein Herzensprojekt als lange und letztlich stille Reise zu sich selber – mit Andrew Garfield in der Hauptrolle. (ab 2. 3. im Kino)

The Wolf of Wall Street (2013)
Nach der Finanzkrise kommt der Finanzexzess – eine böse Studie der Welt ausser Rand und Band.

Gangs of New York (2002)
«Darauf ist Amerika gebaut», sagte der Regisseur damals und zeigte Gewalt, Mord, Lust und Verrat als den Stoff, aus dem New York entstand.

Casino (1995)
Das Universum der Spielkasinos in Las Vegas ist der Hintergrund dieser Metapher auf die als Lebenslust verkappte Gier.

Cape Fear (1991)
Das Böse bricht ins Familenleben eines Anwalts ein und es zeigt sich – niemand ist ohne Schuld. Scorseses Art, den Klassiker von 1962 modern zu machen.

Color of Money (1986)
Was ein Spassfilm über Billard werden sollte, geriet dem Meister zur Ode an die Freundschaft, brachte Newman den Oscar und Tom Cruise den Respekt.

Taxi Driver (1976)
Aggressiver Autismus als Eiterbeule unserer Gesellschaft – hier gelang Scorsese nicht nur ein Klassiker, sondern auch eine traurige Prophezeiung.

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