Sika-Familie zweifelt am Deal

Den Burkard-Geschwistern wird bewusst, dass der Verkauf des Zuger Baustoffherstellers für sie und die Firma schlecht ist. Sie denken erstmals darüber nach, ihr Aktienpaket zu behalten.

Urs Burkard: Sprecher der Sika-Erbenfamilie. Foto: Esther Michel

Urs Burkard: Sprecher der Sika-Erbenfamilie. Foto: Esther Michel

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«Es ist unser fester Wille und bleibt unser gemeinsames Ziel, diese Transaktion mit Saint-Gobain erfolgreich abschliessen zu können.»Das liess Urs Burkard, der Sprecher der Sika-Erbenfamilie, am Donnerstag verlauten, nachdem der französische Industriekonzern Saint-Gobain entschieden hatte, seine Option auf eine Vertragsverlängerung mit den fünf Burkard-Geschwistern auszuüben. Damit ist der Vertrag über den Verkauf ihres Aktienpakets am Zuger Baustoffkonzern Sika nun bis Ende 2017 gültig. Danach hat Saint-Gobain das Recht, die Vereinbarung bis Ende 2018 zu verlängern.

Doch hinter den Kulissen, gegenüber ausgewählten Bankenanalysten, sagt Urs Burkard etwas ganz anderes. Das zeigt ein vertrauliches Gesprächsprotokoll, das Phil Roseberg vom US-Vermögensverwalter Bernstein, ein führender Analyst der Baustoffbranche, am 28. Februar einer Handvoll institutioneller Anleger zukommen liess. Darin beschreibt er, was ihm Burkard eine Woche zuvor während eines zweistündigen Gesprächs gesagt hatte. «Die Familie gibt zu, dass die gegenwärtige Struktur des Deals ungeschickt ist und die Firma zerstören wird, wenn Saint-Gobain in zwei Jahren die Macht übernimmt», so Roseberg. Urs Burkard sagte gemäss seinem Protokoll: «Es wird sicher ein Problem geben.»

Potenzieller Interessenkonflikt ist der Familie bewusst

Burkard habe realisiert, dass eine Übernahme nach dem jahrelangen Abwehrkampf wahrscheinlich zu einer tiefen Krise bei Sika führen werde. Nicht zuletzt deshalb, weil Saint-Gobain auf Kosten des Übernahmeobjekts Gewinn machen werde.

«Sie beginnen zu realisieren, dass es einen Unterschied ausmacht, ob eine Familie der Ankeraktionär ist oder ein Unternehmen, das einen Ertrag aus dem investierten Kapital erzielen muss und deshalb Kostensynergien schaffen wird, um den Deal zu rechtfertigen», schreibt Roseberg über die Burkards. Damit räumt die Familie erstmals ein, dass die Grundstruktur des Verkaufs an Saint-Gobain problematisch ist. Der französische Konzern würde mit einem Aktienanteil von bloss 16 Prozent die Stimmrechtsmehrheit von 52 Prozent erhalten und damit Sika nach Belieben kontrollieren. Dank den Stimmrechts­aktien der Burkards könnte er sich Sika also günstig einverleiben. Und zu seinen Gunsten Sparmassnahmen durchsetzen.

Beides hatte der Sika-Verwaltungsrat von Anbeginn kritisiert: Die übrigen Aktionäre hätten das Nachsehen. Und die angepeilten Synergien seien ungleich verteilt und zu hoch angesetzt. Der Verwaltungsrat verlangte deshalb, dass Saint-Gobain allen Aktionären ein Kaufangebot mache – der Konzern lehnte dies stets ab. «Dieser potenzielle Interessenkonflikt ist der Familie bewusst», sagt Edwin van der Geest, Berater der Familie, der die Treffen mit den Analysten arrangierte.

Der spektakuläre Wertzuwachs der Sika-Aktie hat die Familie ebenfalls zum Nachdenken gebracht. Seit Bekanntgabe des Verkaufs am 8. Dezember 2014 hat sich der Kurs mehr als verdoppelt. Damit ist die ursprünglich vereinbarte Prämie von 1,22 Milliarden Franken oder 80 Prozent auf den damaligen Aktienkurs auf gut 400 Millionen Franken oder 14 Prozent geschrumpft. In Wahrheit ist die Prämie sogar noch kleiner. Denn gemäss Vertrag werden die Dividenden für 2015 und die folgenden Jahre vom Kaufpreis abgezogen, falls der Deal zustande kommt.

Die Prämie wird weiter schmelzen und sich gar in eine Minusprämie verwandeln, wenn der Aktienkurs so stark ansteigt, wie die Analysten mehrheitlich erwarten. Die Credit Suisse geht von einem Kurs von 6300 Franken aus, die Bank Mainfirst von 7000, Bernstein hat das Kursziel auf 6550 Franken erhöht. Analyst Phil Roseberg sieht die Aktie bis Ende 2019 sogar auf 10'000 Franken steigen, falls die Weltwirtschaft weiter anzieht.

«Lieber die Eigentumsrechte zurückerlangen»

Die Familie Burkard sieht deshalb ihre Felle davonschwimmen. Und macht sich nun Gedanken, ihr Aktienpaket zu behalten, falls das Bundesgericht den Verkauf an Saint-Gobain blockiert. «Die Familie realisiert langsam, dass der Deal weder in ihrem Interesse noch im Interesse von Sika ist», schreibt Roseberg in seinem vertraulichen Protokoll. «Wir erhielten den Eindruck, dass sie es lieber hätte, ihre Eigentumsrechte zurückzuerlangen, als die Firma zu verkaufen.»

Ein Bericht von UBS-Analyst Patrick Rafaisz, der im Februar mit Urs Burkard ebenfalls ein langes Gespräch führte, bestätigt diese Version. Er schreibt, falls die Familie das Gerichtsverfahren verliere, verspürten sie «keinen Druck, unmittelbar einen potenziellen neuen strategischen Käufer zu finden». Und weiter: «In Wirklichkeit wäre es für sie eine Option, der Hauptaktionär zu bleiben.»

Die Familie werde dies jedoch nicht aktiv vorantreiben, schreibt Bernstein-Analyst Roseberg. Das kann sie auch nicht, denn vor Ende 2018 darf sie nicht aus dem Verkaufsvertrag aussteigen. Saint-Gobain hingegen kann ihn Ende 2017 auflösen. Roseberg: «Wir haben den Eindruck, dass es die Familie bevorzugen würde, wenn Saint-Gobain wegliefe.» Ein Rückzug der Franzosen oder eine Niederlage vor Gericht würde es den Burkards erlauben, den Verkauf von Sika abzublasen, ohne das Gesicht zu verlieren.

Ein Sprecher der Familie sagt dazu: «Die zitierten Textpassagen basieren auf für uns nicht nachvollziehbaren Interpretationen und subjektiven Eindrücken und geben den Gesprächsverlauf in keiner Art und Weise korrekt wieder. Wir haben dies beim entsprechenden Analysten bereits vor Wochen moniert und distanzieren uns vollumfänglich von den kolportierten Aussagen. Für die Familie stimmt die Transaktion uneingeschränkt, weil mit Saint-Gobain der richtige industrielle Partner und damit ein idealer Anker­aktionär gefunden wurde.»

Sika-Verwaltungsrat froh über das Signal der Familie

Etwas anderes darf die Familie nach aussen hin gar nicht sagen. Denn Saint-Gobain könnte die Burkards verklagen und von ihnen Schadenersatz in Millionenhöhe fordern, falls sie die Übernahmeschlacht vor dem Bundesgericht verlieren. Falls sie den Verkauf gar hintertreiben, werden sie vertragsbrüchig.

Den Bericht des UBS-Analysten bestätigt der Sprecher hingegen: «Sollte das Gerichtsverfahren nicht zugunsten der Familie ausgehen und der Verkauf an Saint-Gobain verunmöglicht werden, so bleibt die Schenker-Winkler-Holding Ankeraktionärin mit allen ihr zustehenden Aktionärsrechten.»

Sika-Präsident Paul Hälg sagt, er sei «sehr froh, wenn es solche Signale gibt. Wenn wir mit der Familie über Alternativen reden könnten, wäre das ganz in unserem Sinn.» Der Verwaltungsrat habe in allen Details eine Alternativlösung vorbereitet. «Mit dem steigenden Aktienkurs können wir einen guten Preis offerieren, ohne zulasten der anderen Aktionäre eine hohe Prämie zahlen zu müssen.»

Dass sein Gesprächsprotokoll öffentlich wird, hat für Phil Roseberg womöglich ein Nachspiel: Kurz nachdem die SonntagsZeitung die Burkards damit konfrontierte, drohte ihm Familienberater Edwin van der Geest mit rechtlichen Schritten – obwohl sich die beiden gegenseitig als «Freunde» bezeichnen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.04.2017, 23:10 Uhr

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