«Von der Erkältung bis zur Herztransplantation ists nicht weit»

Andreas Wenderoth fürchtet sich vor Krankheiten und hat ein Buch darüber geschrieben – auch, um Frauen mit hypochondrischen Partnern ein Denkmal zu setzen.

Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist eine Krankheit: Hypochonder und sein Spiegelbild. (Illustration: Cristina Byvik)

Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist eine Krankheit: Hypochonder und sein Spiegelbild. (Illustration: Cristina Byvik)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Wenderoth, woran leiden Sie aktuell?
Mein Puls ist leicht erhöht. Seit ein paar Tagen spüre ich zudem eine Beklemmung auf der Brust. Mit ähnlichen Symptomen habe ich mich schon zweimal ins Spital ­eingeliefert, wegen Verdachts auf einen Herzinfarkt. Im Moment bin ich aber recht entspannt.

Wie oft gehen Sie zum Arzt?
Niemand in Europa geht häufiger zum Arzt als die Deutschen, 18-mal pro Jahr. Ich glaube allerdings, dass ich die Statistik nach oben hin durchbreche. Ich wechsle häufig die Ärzte, mindestens einem bin ich aber treu, weil er es immer wieder schafft, mich zu beruhigen. Jedenfalls eine Weile.

Wie? Mit vielen Abklärungen?
Nein, ein guter Arzt braucht mich nicht durch viele Geräte zu schicken, er muss mich sehen. Einmal hat mir mein Hals-Nasen-Ohren-Arzt mit einem Nasengucker in die Nase geleuchtet und gesagt: Herr Wenderoth, Sie sollten sich mehr für Kultur interessieren. Und er hatte komplett recht! Mir fehlte in dieser Phase jegliche Inspiration, und ich hatte mich in merkwürdige Grübeleien verstiegen. Danach machte ich eine Museums- und Theaterintensivkur – und es half!

Das klingt so absurd, dass Sie selbst lachen müssen.
Ich kokettiere ja auch etwas mit meiner Hypochondrie, sonst wäre ich vermutlich nicht bereit, darüber zu reden. Aber ich bin keiner dieser klinischen Fälle, denen die Lebensqualität komplett entzogen ist. Ich würde mich eher als Teilzeithypochonder bezeichnen.

Wo stehen Sie denn auf einer Skala von 1 bis 10?
Es kommt darauf an, von welcher Einbildung wir reden. Bei der ­Erkältungsangst, einer Spezialität von mir, bin ich sicher auf einer 10. Bei hypochondrischen Mainstream-Ängsten, also den todbringenden Zivilisationskrankheiten, bin ich vergleichsweise normal. Wobei, normal ist vielleicht zu viel gesagt, aber sicher nicht über fünf, sechs auf der Skala.

Hat jeder Hypochonder ein eigenes Spektrum von Krankheiten, die er zu haben meint?
Klassiker sind natürlich vermeintliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, die Demenz. Ich bin auch nicht frei davon, aber meine Hauptängste gelten dem Banalen, Erkältungen, Magen-Darm-Grippen, allem, was ansteckend ist.

Hoffen Sie jeweils, dass sich Ihr Verdacht bestätigt?
Nein, ich sehne mir keinesfalls eine reale Krankheit herbei. Ich bin bloss nicht bereit, eine auszuschliessen, nur weil man mir versichert, dass mehr dagegen als dafür spricht.

Dann sind Sie doch erst ruhig, wenn Sie tatsächlich krank sind.
Wenn ich krank bin, ist das für mich tatsächlich ein eher entspannter Zustand, das muss ich zugeben. Meine Krankheit ist die Furcht vor der Krankheit. Schlimm ist, wenn andere wie meine Freundin er­kältet sind und so zu Gefährdern werden. Da werde ich ganz un­gemütlich.

Was tun Sie denn gegen ­Gefährder, also Ihre Freundin?
Ich entwickle Pläne, wer wann ins Bad oder in die Küche darf. Ich ziehe sofort aus dem Schlafzimmer aus, stelle überall Desinfektionsmittel auf. Ich ertrage es nicht, wenn sie ein Taschentuch auf den Tisch legt, niest oder mir zu nahe kommt. Sie geht daher lieber mit Grippe ins Büro, statt mich auszuhalten. Das wirkt asozial, so als würde ich nicht mitfühlen. Aber ich fühle so sehr mit, dass ich die Krankheit ganz nah bei mir spüre.

Ihr Buch liest sich auch wie eine Liebeserklärung und Ent­schuldigung an Ihre ­Partnerin.
Ja. Unter anderem wollte ich Frauen mit hypochondrischen Partnern ein Denkmal setzen. Und von denen gibt es viele.

Wie viele insgesamt?
Es gibt nur vage Schätzungen, man geht von etwa 1,5 Prozent der ­Gesamtbevölkerung aus, aber die Zahl dürfte viel höher sein, denn nur die klinischen Fälle werden erfasst. Leute wie ich, die noch nie eine ernsthafte Therapie gemacht haben, sind nicht darin enthalten.

Wie soll man denn mit ­jemandem umgehen, der sich ständig Krankheiten einbildet?
Mir persönlich tut es gut, wenn man mich nicht zu ernst nimmt und mir den Kopf wäscht, wenn es angemessen ist, und häufig ist es das. Einer meiner Freunde musste einmal stark erkältet bei mir vorbeikommen und tauchte mit einer Gasmaske auf. Das fand ich wahnsinnig nett. Ein paar Tage später erkundigte er sich, wie es mir gehe. Ich sagte, alles gut, du hattest ja die Gasmaske an. Er begann zu lachen und sagte: Du weisst schon, dass Gasmasken nur die Luft von aussen nach innen filtern und nicht umgekehrt? Ich war einem absolut wirksamen Placebo aufgesessen. Hypochondrie kann man leicht aushebeln, jedenfalls meine.

Woran litten Sie alles schon?
Ich möchte meine Krankheitsgeschichte nicht ausbreiten, aber ich war als Kind sehr viel krank.

Ist das typisch?
Ja. Fast 40 Prozent der Hypochonder geben genau das an. Auch traumatische Ereignisse wie Krankheiten oder Todesfälle in der Familie können zu Verunsicherungen führen, die sich in Hypochondrie äussern. Aber dazu sind bestimmte Veranlagungen nötig.

Welche?
Eine generelle Ängstlichkeit. Im Dandyismus des 18. Jahrhunderts galt die Hypochondrie als feinsinnige Modekrankheit von Intellektuellen. Freud hielt sie für eine narzisstische Persönlichkeits­störung. Inzwischen gilt sie aber als klare Angststörung.

Es geht Ihnen also nicht um die Aufmerksamkeit?
Das sagt man Hypochondern nach. Da ich in meinem zweiten grossen Hobby Misanthrop bin, ist das aber nicht meine Triebfeder.

Hypochonder sollen besonders lange leben. Glauben Sie, dass Sie alt werden?
Nein. Mein Vertrauen ins Alter ist äusserst begrenzt.

Fürchten Sie sich vor dem Tod?
Bei mir hält sich das – anders als bei den meisten Hypochondern – in Grenzen. Vielleicht auch deshalb, weil ich mich seit Jahren mit Zen-Meditation beschäftige.

Warum blenden Hypochonder die naheliegendste Erklärung für ein Symptom oft aus?
Weil Hypochonder Katastrophiker sind und nach dem Prinzip der Dominotheorie denken. Bei mir führen Erkältungen oft zu einer Stirnhöhlenentzündung, die eine Angina verursachen kann. Diese wiederum kann die Herzklappen beschädigen. Von der Erkältung bis zur Herztransplantation ist es also nicht so weit. Ich würde mich als eher rationalen Menschen bezeichnen, nur hat die Vernunft einen starken Gegner: die Angst.

Fürchten Sie sich auch vor Unfällen?
Nein.

Was ist mit Grossraumbüros?
Sie sind mit ein Grund, warum ich mich für den Beruf als freier ­Reporter entschieden habe. Der hat jedoch andere Tücken. Wenn ich einen Auftrag an einem exotischen Ort erhalte, checke ich erst, ob es dort Malaria oder Ähnliches gibt. Eine Reportage aus einem Aidshospiz in Somalia oder eine Südseereise auf einem Segelboot – so was würde ich auch nie machen. Die Vorstellung eines furchtlosen Reporters deckt sich natürlich nicht hundertprozentig mit jemandem, der Angst vor Erkältungen hat.

Regt es Sie auf, dass Hypochonder belächelt werden?
Nein. Für mich ist umgekehrt die Selbstironie der einzige Weg, ­damit gut umzugehen. Aber ­meine Ängste sind ja durchaus noch steigerungsfähig. Neulich hat mir jemand gesagt, er glaube, ich sei ein eingebildeter Hypochonder. Das war schon hart an der Beleidigung.

Offenbar sind diverse Gadgets verbreitet wie die Nasendusche oder Gesundheits-Apps.
Ja, die Nasendusche ist sehr wichtig, und ich habe auch eine sehr schöne App, Was-fehlt-mir.net. Man gibt Symptome ein, zum Beispiel Konzentrations- und Schlafstörungen, und erhält in ­Sekunden die Diagnose. Bei mir hat diese Kombination ein prämenstruelles Syndrom ergeben. Das habe dann sogar ich nicht geglaubt.

Wieso nicht? Es gibt ja auch Männer mit Brustkrebs.
Ja! Ich weiss von einem, der sich als Jugendlicher stark vor Brustkrebs gefürchtet hat und dies ­Jahre später einer Ärztin auf einer ­Party als Anekdote erzählte. Und dann sagte sie, ihr Bruder sei daran gestorben. Der Mann war eine Zeit lang sehr verunsichert.

Ist man sich eigentlich bewusst, dass man Hypochonder ist?
Die meisten wohl schon. Wobei, ein Freund von mir hatte schon im zarten Jugendalter alles von Freud gelesen, kam aber nicht auf die Idee, dass seine Krankheits­geschichte einen psychischen Hintergrund hatte.

Leben Sie besonders gesund?
Weil ich ständig denke, dass mir etwas fehlt, bin ich verführbar für den Markt der Nahrungsmittel­ergänzungen. Auch verschleudere ich wahnsinnig viel Zeit in der Sauna, weil ich mich dadurch weniger angreifbar fühle. Oft bin ich schon tagsüber da, wenn ich eigentlich arbeiten sollte.

Ist Hypochondrie heilbar?
Bei einer Bekannten von mir wurde es etwas besser, seitdem sie Kinder hat. Auch bei Kriegen fallen alle neurotischen Ängste in sich zusammen, weil es ums Existenzielle geht. Als hilfreich hat sich die kognitive Verhaltenstherapie erwiesen, die mit der Konfrontationstherapie arbeitet.

Wie funktioniert die Therapie?
Ein Herzinfarktphobiker muss sich ein Video einer Operation am offenen Herzen ansehen. Die Therapeutin muss dabei eine ziemlich fiese Rolle spielen. Sie fragt zum Beispiel: Was macht das viele Blut mit Ihnen? Der Hypochonder soll richtig Panik bekommen mit dem Ziel, dass sich seine Angst immer mehr steigert. Aber irgendwann ist sie nicht mehr steigerungsfähig, nach spätestens 40 Minuten flacht sie ab. Diese Erkenntnis ist der ­Beginn des Heilungsprozesses.

Würde Ihnen etwas fehlen, wenn Sie geheilt wären?
Ich würde mich gern davon verabschieden und werde mich wohl ­irgendwann bewusst für diesen Schritt entscheiden. Aber ich bin noch nicht so weit. Ich habe ein bisschen Angst, dass zu wenig von mir übrig bleibt. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.05.2017, 21:32 Uhr

Andreas Wenderoth, «Nur weil ich Hypochonder bin, heisst das ja nicht, dass ich nichts habe», S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2017.

Artikel zum Thema

Warum Dr. Google nicht so schlecht ist wie sein Ruf

Von Kopf bis Fuss Bei Ärzten hat diese Art der Recherche keinen leichten Stand. Aber ist ein informierter Patient immer ein Hypochonder? Zum Blog

Drei unsichtbare Krankheiten

Von Kopf bis Fuss Chronische Beschwerden ohne klares Krankheitsbild machen das Leben der Betroffenen doppelt unerträglich, weil sie oft als Hypochonder gelten. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Mehr Grünes auf den Teller

Mamablog Wie viel Verantwortung soll das Kind übernehmen?

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Hier hängt keine Werbung an den Wänden: Eine Frau schaut auf ihr Handy, während sie in einer U-Bahn in Pjöngjang eine Rolltreppe hinauf fährt. (19. Juni 2019)
(Bild: Ed Jones) Mehr...