Wer brav fährt, wird vom Versicherer belohnt

Lenker erhalten Prämienrabatte oder Gutscheine, wenn sie ihr Verhalten via App kontrollieren lassen.

Autorennen werden nicht belohnt: Selbst Fahren in alkoholisiertem Zustand soll von Apps erkannt werden. Foto: Getty Images

Autorennen werden nicht belohnt: Selbst Fahren in alkoholisiertem Zustand soll von Apps erkannt werden. Foto: Getty Images

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Heute entscheiden simple Kriterien darüber, wer wie viel für seine Autoversicherung zahlt. Jung und männlich: Das wird teuer. Wer dazu noch einen ausländischen Pass besitzt, zahlt schnell ein Vielfaches eines Schweizer Familienvaters. Nun tüfteln die Versicherer an neuen Lösungen. Sie testen Smartphone-Apps, die Autofahrer messen und bewerten. Ihr Fahrverhalten beeinflusst die Höhe der Prämie. Vorsichtige Lenker erhalten Rabatte.

Der Versicherer Helvetia hat in Spanien bereits eine App lanciert, die er gemeinsam mit dem Telecomkonzern Telefonica entwickelte hat. Sie misst Tempo, Beschleunigung, Bremsverhalten und ob sich Autofahrer ablenken lassen. «Für vorbildliches Fahren werden die Benutzer mit Gutscheinen und anderen Preisen belohnt», sagt Helvetia-Sprecher Hansjörg Ryser. Die Versicherung testet das Produkt mit einer Gruppe von Schweizer Mitarbeitern. Danach will sie entscheiden, ob es auch hierzulande auf den Markt kommt.

Der Rückversicherer Swiss Re hat eine App entwickelt, die anonymisierte Daten von Navigationssystemen mit dem Fahrstil der Nutzer vergleicht. Lenker mit risikoarmem Verhalten erhalten Punkte. Dafür müssen sie sich nicht unbedingt an die Verkehrsregeln halten, sagt Sebastiaan Bongers, Leiter Automotive Solutions bei Swiss Re. «Wer auf der Autobahn etwas zu schnell fährt, aber im Verkehrsfluss bleibt, gilt für die App nicht zwangsläufig als ­Risiko.» Nimmt ein Lenker hingegen eine scharfe Kurve innerhalb des ­Tempolimits überdurchschnittlich schnell, gibt das Abzüge.

Hohe Rabatte sind wie ein indirekter Zwang

Der Fahrer erhält laufend Feedback über sein Fahrverhalten. Swiss Re testet die App mit 2000 Angestellten. Die definitive Version stellt sie ihren Kunden, den Fahrzeugversicherern, zur Verfügung. Die zeigen laut Bongers grosses Interesse. Die App wird ­laufend weiterentwickelt. Irgendwann soll sie sogar anhand von Auffälligkeiten beim Fahren messen können, ob der Fahrer Alkohol getrunken hat. Die Mobiliar wertet derzeit einen einjährigen Versuch mit einer eigenen Applikation aus. Die Reaktionen sind laut Sprecher Jürg Thalmann positiv. «Unsere Tests zeigten, dass Kunden bereit sind, ihre Fahrdaten zur Verfügung zu stellen, wenn sie im Gegenzug eine günstigere Prämie erhalten.»

Doch mit solchen Rabatten werden sich die Versicherer zwangsläufig zurückhalten. Laut dem Datenschutzgesetz müssen die Autofahrer ihre Daten freiwillig zur Verfügung stellen. «Zu hohe Rabatte hätten einen indirekten Zwang zur Folge», sagt Francis Meier, Sprecher des Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten. Versicherte, die eine solche App nicht nutzen wollen, dürfen laut Gesetz keine erheblichen Nachteile erfahren, wie etwa wesentlich höhere Prämien.

Grundidee der Versicherung ist infrage gestellt

Wohl auch deshalb stellen die Versicherer den Spassfaktor mit Belohnungen in den Vordergrund. Die App der Swiss Re erlaubt es, sich mit anderen Nutzern zu messen und in Teams gegeneinander anzutreten. Den Gewinnern winken in der nächsten Raststätte Gratiskaffee oder billigeres Benzin. Bei Helvetia gibt es Reisen zu gewinnen und Gutscheine für digitale Einkäufe. Die Versicherer kommen im Gegenzug an wertvolle Daten. Allerdings sind die nicht immer zuverlässig. Der Versicherungskonzern Axa zog seinen Drive Recorder, einen im Auto eingebauten Fahrtenschreiber, Ende Jahr aus dem Verkehr. Die Daten waren nicht präzise genug. Bald soll eine neue Version kommen.

Aus dem Spass mit Smartphone-Apps kann allerdings schnell Ernst werden. An den Aufzeichnungen haben womöglich nicht nur die Versicherungen Interesse. «Zur Aufklärung des Unfallhergangs kann die Strafverfolgungsbehörde die Herausgabe der Daten beantragen», sagt Francis Meier vom eidgenössischen Datenschutz.

Experten sehen durch die Angebote zudem den Grundgedanken der Versicherung beeinträchtigt. «Die Grundidee einer Versicherung ist der Ausgleich der Risiken unter vielen Versicherten. Durch die Unterscheidung nach Fahrverhalten wird dieser Effekt kleiner», sagt Martin Eling, Professor am Institut für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen. Auch die Mobiliar spricht von einer möglichen Entsolidarisierung. Deshalb wolle sie solche Neuerungen vorsichtig angehen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.03.2017, 23:03 Uhr

Swiss Re sieht das Ende des Autofahrers kommen

Für den Rückversicherer Swiss Re sind Fahrtenschreiber auf dem Mobiltelefon nur ein Zwischenschritt. Konzernchef Christian Mumenthaler sagt das Ende des manuellen Autofahrens voraus. «Es ist sehr wahrscheinlich, dass bis im Jahr 2050 nur noch selbstfahrende Autos auf den Strassen sind.» Die Versicherungskonzerne müssen sich deshalb auf grundlegende Veränderungen in ihrem Geschäftsmodell einstellen. «Das Ende der Motorhaftpflichtversicherung ist unvermeidlich. 20 bis 30 Jahre wird es sie noch ­geben», sagt Mumenthaler. Damit droht den Versicherern eine wichtige Einnahmequelle wegzubrechen.

Die Prämienvolumen mit Motorfahrzeugversicherungen erreichten in der Schweiz 2015 rund 6 Milliarden Franken, der mit Abstand wichtigste Bereich im Schadengeschäft. «Die Risiken beim Fahren werden durch Autopiloten stark reduziert», sagt Mumenthaler. ­Damit sinken die Prämien. In Zukunft werden nicht Lenker versichert, sondern die Unternehmen, welche selbstfahrende Autos anbieten.

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