US-Berater ISS kassiert bei Schweizer Banken doppelt

Stimmrechtsberater wurden durch die Annahme der Abzockerinitiative noch einflussreicher – zum Verdruss von Thomas Minder.

Die ISS berät nicht nur Fonds, die bei der UBS die meisten Aktien halten, sondern ist auch ihr Partner: UBS-Chef Sergio Ermotti, Präsident Axel A. Weber.

Die ISS berät nicht nur Fonds, die bei der UBS die meisten Aktien halten, sondern ist auch ihr Partner: UBS-Chef Sergio Ermotti, Präsident Axel A. Weber. Bild: Kostas Maros

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Wieder einmal stehen den Schweizer Grossbanken heisse Generalversammlungen bevor. Bei der Credit Suisse (CS), die sich am Freitag den ­Aktionären stellt, stehen vor allem die Löhne der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrats (VR) im Fokus, bei der UBS, die am 2. Mai an der Reihe ist, zusätzlich die Milliardenbussen. Markige Brandreden sind dem Management beider Banken gewiss, aber ob es zu mehr als nur einem Zwergenaufstand kommt, hängt von einer Firma ab: dem amerikanischen Stimmrechtsberater ISS. Und der wird zunehmend selbst zum Problem.

Im Jahr 1985 gegründet, ist ISS ­(Institutional Shareholder Services) inzwischen ein globales Unternehmen, das in 13 Ländern mehr als 1800 Angestellte beschäftigt. Diese analysieren 44 000 Generalversammlungen in 115 Ländern. Gemäss eigenen Angaben hilft ISS den Klienten, die 4,2 Billionen (4'200'000'000'000) Stimm­rechte vertreten, beim Ausfüllen von 10,2 Millionen Stimmzetteln.

20'000 Gesellschaften deckt das ISS-Research-Team mittlerweile ab. Gratis läuft da natürlich nichts. Im Gegenteil: Stimmrechtsberatung ist ein einträgliches Geschäft geworden. Im Oktober 2017 wurde ISS für 720 Millionen Franken an die Private-Equity-Firma Genstar Capital verkauft. Die will die Firma an die Börse bringen und Milliarden verdienen.

«ISS hat sehr viel Macht.»Vincent Kaufmann, Ethos

In der Schweiz ist der Einfluss von ISS mit der Annahme der Minder-Initiative noch einmal gewachsen. Seit 2015 sind Pensionskassen dazu verpflichtet, an Generalversammlungen ihre Stimme abzugeben, und es muss über die Vergütung von VR und Geschäftsleitung abgestimmt werden.

«ISS hat sehr viel Macht. Auch grosse Staatsfonds arbeiten mit ihr zusammen. Wir schätzten den Einfluss von ISS bei CS und UBS auf mindestens 20 Prozent der Stimmen», sagt Vincent Kaufmann, Geschäftsführer von Ethos, dem Schweizer Gegenstück von ISS. Wenn alle Berater zusammenspannen, kontrollieren sie etwa ein Drittel der Stimmen, was bei den meisten Generalversammlungen für eine Mehrheit reicht.

Doch ISS ist nicht nur Berater der Pensionskassen und Fonds, die bei beiden Banken die meisten Aktien halten. Das Unternehmen ist auch Geschäftspartner von UBS und CS, und kassiert damit doppelt. Einerseits haben beide Banken den Service von ISS abonniert. Aber die Zusammenarbeit geht noch deutlich weiter, denn ISS berät nicht nur die Aktionäre, sondern auch die Unternehmen selbst. Dabei geht es darum, wie sie ihren Vergütungsbericht so formulieren sollen, dass sie mit der Zustimmung der Aktionäre rechnen können. So geschehen etwa vor zwei Jahren, als die CS ernsthaft damit rechnen musste, dass ihr Vergütungsbericht abgelehnt wird.

Die Fakten werden nicht wirklich offengelegt

Transparent ist das allerdings nicht. Die Fakten werden nicht einmal im ISS-Analystenbericht offengelegt, sondern nur auf einer separaten, für ISS-Kunden zugänglichen Plattform. «Dort steht, die CS habe ISS zuletzt pro Jahr 62'500 US-Dollar Honorar bezahlt. Es betraf drei Module: die Vergütungsberatung, die Analyse der Vergütungen der Geschäftsleitungsmitglieder und eine laufende Trendanalyse zur guten Unternehmensführung», schrieb der «Tages-Anzeiger» vor zwei Jahren. Offenbar ist das heute noch so, ISS und die CS wollen aber keine Auskunft geben.

Die UBS bezieht keine Beratungsleistung, allerdings nutzt sie sogenannte Self-Assessment-Tools, mit denen man den Vergütungsbericht gleich selber testen kann – auch das natürlich gegen Gebühr. Noch einträglicher als Vergütungsberatung ist offenbar ein Programm mit Namen ISS ProxyExchange, das Pensionskassen erlaubt, sich über alle Abstimmungsvorlagen der ISS-Kunden zu informieren und direkt darüber abzustimmen.

Sowohl bei der UBS wie auch bei der CS wird das ISS-Produkt eingesetzt, obwohl es ein Konkurrenzprodukt gäbe, nämlich ProxyEdge von Broadridge. «Das Abstimmungstool von ISS ist gut, aber letztlich eine Geldmaschine, denn ISS bildet heute mit Broadridge ein Duopol», sagt Kaufmann. Wie viel es ISS dank UBS und CS einbringt, wird nirgends ausgewiesen.

ISS weist den Vorwurf der Befangenheit weit von sich.

Wie heikel die Zusammenarbeit ist, zeigte sich vor zwei Jahren, als die CS kurz vor der Generalversammlung einen Lohnverzicht von VR und Management bekannt gab und ISS plötzlich umschwenkte, nachdem es eigentlich geheissen hatte, man wolle die Vergütungen ablehnen.

Dieses Jahr empfiehlt ISS die Vergütungsberichte von UBS und CS zur Annahme, obwohl in beiden Fällen die ISS-Kriterien nicht vollständig erfüllt werden: Bei der UBS hält ISS fest, dass CEO Sergio Ermotti 2,52-mal mehr verdient als die operativen Chefs von vergleichbaren Banken. «High Concern» (hohe Besorgnis) schreibt ISS dazu im Bericht. Sowohl bei der UBS wie auch bei der CS bemängelt ISS die fehlende Unabhängigkeit des VR-Präsidenten. Beide sind ihrer Ansicht nach viel zu gut bezahlt, um als unabhängig zu gelten. Zudem werden für beide üppige Beträge in die Pensionskasse einbezahlt, was sie in den Augen von ISS zu Angestellten macht. Bei der CS kommt noch hinzu, dass mehr als 5 Prozent aller Aktien für Mitarbeiterprogramme gebraucht werden, was für die externen Anleger zu einer Wertminderung führt.

ISS weist den Vorwurf der Befangenheit weit von sich und schreibt, es gebe eine strikte Trennung zwischen der Analysten-Abteilung und den Unternehmensberatern. Kaufmann überzeugt das nicht: «Es fehlt die Transparenz: Gibt ISS nun ein unabhängiges Urteil ab oder schützt sie ihre Kunden?» Thomas Minder fordert mehr Transparenz, damit nicht der Anschein von Korruption entsteht. Laut dem Vater der Abzockerinitiative sollten die Firmen wenigstens die Honorare ausweisen, die sie den Stimmrechtsberatern zahlen, wie das auch bei den Revisionsgesellschaften der Fall ist.



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Erstellt: 22.04.2019, 07:49 Uhr

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