Drei Nüsse für Aschenbrödel

Auch Milch, Mist und Beeren können verbürokratisiert werden.

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Stellen Sie sich, liebe Leserin, ­lieber Leser, drei Dinge vor: 1. Sie sind ein cleveres und ­innovatives Köpfchen. 2. Sie wissen, wie gross ein ­Fussballfeld ist. 3. Sie verdienen Ihr Geld in der Landwirtschaft und wissen, was SAK bedeutet.

Ich bin sicher, 100 Prozent von ­Ihnen stimmen dem ersten Punkt zu. Bei Punkt zwei trumpfen die 49 Prozent Männer auf: Jeder von ihnen weiss, dass die effektive Spielfeldfläche in der Super League 105 Meter auf 68 Meter beträgt, macht summa summarum 7140 Quadratmeter.

Punkt 3 ist der schwierigste: Nur 4,3 Prozent der Schweizer Bevöl­kerung sind in der Landwirtschaft tätig. Das heisst, die wenigsten von Ihnen sind heute vor dem Genuss von Zopf, Milchkaffee, Frühstücksei und Bratspeck in dampfender Kuhscheisse gestanden, haben den Hühnern die Eier aus den Nestern geholt, den quietschenden Mastschweinen das Futter gegeben, können sich das eine oder andere vorstellen oder wissen, dass SAK Standardarbeitskraft bedeutet.

Einige Bauern haben sich von der Fleisch-Milch-Eier-Getreide-Landwirtschaft verabschiedet, weil damit nicht mehr viel zu verdienen ist. 

Stünden bei Ihnen zum Beispiel 13 Milchkühe im Garten, wären Sie eine halbe Portion SAK. Eine ganze müssten Sie aber sein, damit Sie als landwirtschaftliches Gewerbe anerkannt würden. Mit immerhin fünfeinhalb Kühen oder einem Fussballfeld voller Beeren würden Sie vom Topf der Direktzahlungen profitieren können. Sie sehen: Auch Milch, Mist und Beeren können verbürokratisiert werden.

Einige der noch wenigen Bauern haben sich von der Fleisch-Milch-Eier-Getreide-Landwirtschaft verabschiedet, weil damit nicht mehr viel zu verdienen ist. Viele dieser noch wenigen Bauern sind clevere und ­innovative Köpfchen und überlegen sich, in welche Marktlücke sie hüpfen könnten. Guschti Amberg zum Beispiel weiss, dass Haselnussöl Gourmets vor Entzücken zum Weinen und zu einem tiefen Griff in den Hosensack bringt. Ein Liter des kostbaren Öls kostet schnell über hundert Franken. Warum also sollen ­Haselnüsse nur im Piemont, in der Steiermark oder in Bayern den Landwirten viel Wertschöpfung und damit Cash in die Tasche bringen?, fragte sich Bauer Amberg.

Nun baut er Haselnüsse an, auf der Fläche von drei Super-League-Fussballfeldern. Er steckt Geld und viel, ja sehr viel Arbeit in dieses Projekt, ist überzeugt, dass diese Art der Produktion auch oben in Bern Gefallen finden sollte. Dort wird ja immer nach Innovation gerufen.

Nur etwas hat Guschti Amberg nicht beachtet. Haselnüsse sind nicht in der Verordnung zur SAK-­Berechnung aufgeführt. Amberg kann sich mit seinen Nüssen zu Tode arbeiten. Für den Amts­schimmel arbeitet er nicht.

Erstellt: 28.04.2018, 22:24 Uhr

Susanne Hochuli

Susanne Hochuli ist ehemalige Regierungsrätin der Grünen im Kanton Aargau.

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