«Unterstützung von Terror»: Schweizer Firmen im Visier der Justiz

Ihren Krieg in der Ukraine finanzieren prorussische Separatisten mit Kohlelieferungen in den Westen. Nun wird die Rolle von Unternehmen in Zug und Genf untersucht.

Kohle ist der Reichtum des Donbass: Mineure in der Lutugin-Mine in der Stadt Tores südlich von Donezk. Foto: Reuters

Kohle ist der Reichtum des Donbass: Mineure in der Lutugin-Mine in der Stadt Tores südlich von Donezk. Foto: Reuters

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Als «verlässlicher und verantwortungsvoller Lieferant von Brennstoffen» präsentiert sich die Fontus AG im Internet. Die Firma aus Zug verkauft laut eigener Darstellung «hochwertige Kohle aus Russland und Kasachstan». Die ukrainische Justiz sieht das anders: Sie nennt die Schweizer Firma in einem Strafverfahren rund um die illegale Einfuhr von Steinkohle aus dem von pro-russischen Separatisten besetzten Donbass-Gebiet.

Die Justiz nennt ausser Fontus drei weitere Firmen, die ihren Sitz in der Schweiz haben oder deren Besitzer Schweizer sind. Sie sind nicht direkt Beschuldigte. Aber die Schweizer sollen ukrainischen Firmen geholfen haben, das schwarze Gold in die Ukraine und in EU-Staaten zu exportieren.

Kohlehandel gilt als «Unterstützung von Terror»

Die ostukrainische Region rund um die Industriezentren Luhansk und Donezk haben sich 2014 als zwei «Volksrepubliken» für selbstständig erklärt. Seither leisten sie mit russischer Hilfe Widerstand gegen das ukrainische Militär. Laut der UNO forderte der Krieg in fünf Jahren 13'000 Tote. Die Ukraine erklärte die Separatisten per Gesetz zu Terroristen. Der Handel mit Kohle aus dem Donbass wird als «Unterstützung von Terror» strafrechtlich verfolgt.

Der Donbass ist neben Sibirien die einzige Region in Europa und Russland, wo Anthrazit gefördert wird. Mit dieser hochwertigen Art der Steinkohle werden Hochöfen westeuropäischer Stahlwerke befeuert, ebenso ukrainische Kraftwerke. Die Profiteure sind Oligarchen und Kriegsherren der besetzten Gebiete.

Wie der Schmuggel funktioniert, haben die polnischen Journalisten Karolina Baca-Pogorzelska und Micha? Potocki sowie der Slowake Tomáš Forró recherchiert. Eine Schlüsselrolle in diesem extrem lukrativen Geschäft spielt der in Russland lebende ukrainische Oligarch Sergei Kurtschenko, der die Eisenbahnlinien im Donbass kontrolliert. Sämtliche Kohletransporte an die russische Grenze werden über seine Firmen abgewickelt.

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In Russland bekommen die Kohlezüge dann neue, gefälschte Frachtpapiere, die einen russischen Ausgangsbahnhof bescheinigen. Die Donbass-Kohle wird mit sibirischer Kohle vermischt, deren Schwefelgehalt etwas höher ist. Nun fahren Züge mit vermeintlich russischer Kohle weiter nach Weissrussland und von dort nach Polen, Tschechien, Rumänien, Belgien oder Deutschland. Auch in die Türkei gehen grosse Mengen Donbass-Kohle.

Laut dem ukrainischen Nachrichtenportal Liga.net wurden zwischen März 2017 und Dezember 2018 rund 6 Millionen Tonnen Steinkohle aus dem Donbass ausgeführt, 2,5 Millionen Tonnen davon in die EU. Eine Tonne Anthrazit wurde damals für etwa 120 Dollar gehandelt.

Genau zu jener Zeit entstanden in Polen, Tschechien und der Schweiz neue Kohlehandelsfirmen mit auffallend vielen Gemeinsamkeiten: Ihre Büros sind meistens unbesetzt, ihre Telefone hebt niemand ab. Nur ihre Webseiten vermitteln den Eindruck internationaler Grosshändler. «Repräsentative Büros in Belgrad, Zug, Kiew, Mersin, Shanghai, Ankara, Tirana» protzt eine Schweizer Firma mit rumänischem Verwaltungsratspräsidenten. An ihrer Adresse in Zug sind jedoch keine Firmenaktivitäten zu erkennen. Anrufe laufen ins Leere, Mails werden nicht beantwortet.

Laut ukrainischen Medien liess die Bundesanwaltschaft 2 Millionen Dollar auf Firmenkonten einfrieren.

Weder in der EU noch in der Schweiz ist der Import von Kohle aus dem von Separatisten besetzten Donbass-Gebiet verboten. Allerdings haben die EU und die USA Sanktionen gegen Firmen und Personen verhängt, die mit der Annexion der Krim durch Russland zu tun hatten oder zum Umfeld des 2014 gestürzten ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch gehörten. Geschäfte mit ihnen sind in der EU verboten. Die Massnahmen der Schweiz würden jenen der EU entsprechen, sagt ein Sprecher des Staatssekretariats für Wirtschaft.

Auf der Sanktionsliste von EU und USA steht unter anderem der Eisenbahnbaron des Donbass, Sergei Kurtschenko. In der Ukraine laufen mehrere Strafverfahren gegen den 34-Jährigen. Er soll dem Staat laut Strafbehörden eine Milliarde US-Dollar gestohlen haben. Zu seinem Vetek-Konzern gehörten auch Firmen in der Schweiz.

Laut ukrainischen Medien liess die Bundesanwaltschaft 2 Millionen Dollar auf Firmenkonten einfrieren. Das Bundesamt für Justiz bestätigt elf Rechtshilfe­ersuchen aus der Ukraine. Insgesamt seien Vermögenswerte über 145 Millionen gesperrt worden.

Der slowakische Journalist Tomáš Forró glaubt nicht, dass Kurtschenko den gesamten Profit aus dem illegalen Kohlehandel einstreichen kann: «Mächtige russische Oligarchen finanzierten die Abspaltung des Donbass von der Ukraine. Sie holen sich nun einen Teil dieser Investitionen zurück.»

Wie reagieren die Firmen in Zug und Genf auf die Vorwürfe?

Ein Schweizer Vertreter der Fontus AG kann «mit Bestimmtheit sagen, dass die Firma nicht mit Kohle aus dem Donbass handelt». Zudem sieht er im ukrainischen Gerichtsdokument «in keiner Weise erwähnt, dass die Fontus AG in ein Strafverfahren verwickelt ist». Die Eigentümer der Firma will er aber nicht nennen. An derselben Zuger Adresse wie die Fontus ist die Global Investment Partnership registriert, deren Verwaltungsrat in Luhansk lebt, einem Zentrum der Donbass-Separatisten. Gegründet wurde die Firma 2014, kurz nachdem sich Luhansk von der Ukraine lossagte. Mit dem Export von Kohle habe das Unternehmen aber nichts zu tun, sagt ein Schweizer Vertreter.

Ein Schweizer Berater verschwindet

Auch die Evenor Energy in Genf wird von den ukrainischen Ermittlern genannt. Die Verbindung zur Zuger Fontus ist offensichtlich: Die Webseiten beider Firmen sind identisch. Sitz der Evenor ist die weitaus grössere Rohstoffhandelsfirma SCCF. Sie teilt mit, dass sie mit dem ukrainischen Verfahren nichts zu tun zu habe.

Bis vor wenigen Tagen hatte SCCF jedoch einen Berater, der in Polen eine eigene Firma namens Coal Company besitzt. Auch sie wird im ukrainischen Strafverfahren als Zwischenhändlerin von Donbass-Kohle genannt. Als die SonntagsZeitung SCCF mit den Fakten konfrontiert, verschwindet das Profil des Schweizers sofort von der Webseite. Er sei nicht mehr für das Unternehmen tätig, teilt SCCF mit. Der Besitzer der 2018 gegründeten Coal Company selbst sagt, er habe nie Geschäfte mit dem Donbass gemacht.

Laut Recherchen polnischer und slowakischer Journalisten geht der Export von Kohle aus dem Donbass munter weiter. Ausser Händlern und Oligarchen profitiert in den besetzten Gebieten niemand. «Die Menschen sind verarmt und apathisch», berichtet Tomáš Forró. «Alle wollen nur weg.»



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Erstellt: 30.11.2019, 21:00 Uhr

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